Der schiefergraue Himmel kündete den Schnee an. Am Morgen des 3. Dezembers 1853, es war ein Samstag, fielen dicke weisse Flocken auf die gepflasterten Strassen der Basler Innerstadt. Dennoch pilgerte das Volk an die Untere Freie Strasse. An diesem Tag bezog die eidgenössische Post die umgebauten Räume des früheren Kaufhauses, das 1376 errichtet worden war und besonders von den wohlhabenden Bürgern der Stadt gerne besucht wurde. Doch das Postgeschäft wurde dringlicher: Noch fuhren keine Trams durch Basel, die Eisenbahn steckte in den Anfängen. Das Hauptgewicht des Postdienstes lag bei der Personen- und Warenbeförderung. Entsprechend belebt war der Posthof im hinteren Teil des Gebäudes.

Der Postverkehr erlebte in den darauffolgenden Jahren einen gewaltigen Aufschwung. Was dazu führte, dass sich am neugotischen Sandsteinpalast immer wieder Um- und Neubauten aufdrängten. Das Gebäude wuchs mit der Post; neue Dienste wie der Telegraf brauchten Platz. Ende des 19. Jahrhunderts, zum Anbruch des industriellen Zeitalters, war dieser derart knapp, dass der Postdirektor mit seiner Familie ausziehen musste, wie ein Blick in die Chronik der Poststelle Basel 1 Rüdengasse zeigt. Aufgrund der Platznot wurde einst gar darüber debattiert, die Deckengewölbe der Schalterhalle abzubrechen und den hohen Raum durch Einziehen eines Zwischenbodens besser zu nutzen.

Axa weist Vorwürfe von sich
Heute zeigt sich ein diametral anderes Bild. Das Postgeschäft wächst im digitalen Zeitalter nicht, es schrumpft vielmehr dramatisch. So sind die schweizweiten Umsätze am Schalter bei den Briefen in den vergangenen fünfzehn Jahren um 63 Prozent zurückgegangen. In den nächsten vier Jahren will die Post deshalb bis zu 600 Poststellen schliessen. Unter anderem auch die Hauptpost in Basel, auf Ende 2018, wie sie vergangene Woche mitgeteilt hatte. Dies führte zu einem Aufschrei in der Region. So liess etwa die Basler Regierung verlauten, «die Hauptpost sei ein Wahrzeichen mit für die Innenstadt wichtigen Funktionen, die es zu erhalten gelte». Am kommenden Samstag soll gegen die Schliessung der Hauptpost demonstriert werden. Die SP Basel-Stadt hat dazu aufgerufen.

Die Post begründet den Schritt damit, dass die Filiale stark defizitär sei. Und: Die zunehmend hohen Mietkosten wirkten zusätzlich belastend. Diesen Vorwurf will die Eigentümerin des Gebäudes, die Axa Winterthur, nicht auf sich sitzen lassen. Sprecher Urban Henzirohs sagt zur «Schweiz am Sonntag», über vertragliche Abmachungen und Inhalte mit Mietern kommuniziere man grundsätzlich nicht. «Man kann aber sagen, dass der im 2014 neu vereinbarte Mietzins an dieser Lage sogar unter dem Marktmietzinsniveau liegt.» Damals reduzierte die Post ihre Verkaufsfläche und gab den Raum an der Ecke Rüdengasse/Freie Strasse auf.

Auf Anfrage bleibt die Post bei ihrer Haltung. Sprecherin Jacqueline Bühlmann sagt: «Der Mietpreis für die von uns belegten 1 100 Quadratmeter ist sehr hoch.» Ob die Post versucht hat, mit der Axa einen neuen Mietzins auszuhandeln, ist nicht bekannt. Beide Seiten wollen sich nicht dazu äussern.

Die Axa Winterthur ist seit fünfzehn Jahren Eigentümerin des Gebäudes. Die Chronik der Hauptpost belegt, was längst in Vergessenheit geraten ist: Bis 1904 befand sie sich im Besitz des Kantons Basel-Stadt. Dann wurde die Liegenschaft von der Eidgenossenschaft zum damals gigantischen Preis von 1,7 Millionen Franken übernommen. Ende der 1920er-Jahre ging sie schliesslich in den Besitz der Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe (PTT) über. Mit deren Auflösung 1997 wurde das Gebäude auf die Swisscom überschrieben. Diese verkaufte 2001 zu einem nicht genannten Preis an die Axa Winterthur.

Basel-Stadt als neuer Besitzer?
Die Frage drängt sich auf: Würde es im Bereich des Möglichen liegen, dass der Kanton Basel-Stadt das Gebäude zurückkauft und damit die Hauptpost rettet? Wirtschaftsdirektor Christoph Brutschin winkt ab: «Das war bis anhin kein Thema und wird es wohl auch nie.» Bei einem Kauf würde vorausgesetzt, dass der Kanton der Post einen reduzierten Mietzins gewähren würde, was wiederum bedeute, dass der Steuerzahler die Post subventioniere. «Und das kann es auch nicht sein.»

So wird es sich wohl nicht vermeiden lassen, dass die Post bald aus dem altehrwürdigen Gebäude auszieht. Leer stehen wird es nicht lange: Die Immobilie sei für Konzerne wie den Kleiderriesen Inditex hochinteressant, sagte Mathias Böhm, Geschäftsführer von Pro Innerstadt, der «Basler Zeitung».

Das Gebäude würde damit zu seinem Ursprungszweck zurückkehren.

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