Von Sylvia Scalabrino

Herr Eymann, was dachten Sie, als Sie von der Rücktrittsdrohung Ihres Amtskollegen Urs Wüthrich hörten?
Christoph Eymann: Ich stelle schon seit geraumer Zeit fest, und das sage ich jetzt als Basler Bildungsdirektor und nicht als EDK-Präsident: Bei Urs Wüthrich zielt man immer häufiger auf den Mann. Bildung ist aber zu wichtig, als dass man sie so personalisieren dürfte, wie das im Baselbiet in letzter Zeit der Fall ist. Auch im Zusammenhang mit dem Lehrplan 21. Wenn Argumente nicht mehr zählen, dann wird es schwierig. Deshalb kann ich seine Reaktion verstehen.

Hätten Sie auch mit Rücktritt gedroht?
Ich habe eine komfortablere Ausgangslage. Ich werde zwar von der Ratslinken auch angegriffen, zum Beispiel, wenn man mir einen aufgeblasenen Verwaltungsapparat vorwirft. Aber nicht in der Intensität, wie man Urs Wüthrich angreift. Es kann kein strategisches Ziel von bürgerlichen Parteien sein, den einzigen Sozialdemokraten in der Regierung permanent dermassen anzugreifen. Das geht einfach nicht. Ich habe zum Beispiel auch bei der Debatte um die gemeinsame Fachhochschule erlebt, dass Vorstösse im Landrat gemacht wurden für Änderungen, die die Regierung aufgrund des Staatsvertrags gar nicht hätte umsetzen können. Das ging klar gegen den Erziehungsdirektor.

Sie haben einfach Glück, dass Sie als bürgerlicher Erziehungsdirektor eine progressive Bildungspolitik verfolgen können, ohne von Bürgerlichen angegriffen zu werden ...
Vielleicht ist das tatsächlich eine gute Konstellation. Kommt dazu, dass ich in meinem Departement ausgezeichnete Leute habe. Das ist ein Glücksfall. Zudem ist das Umfeld in Basel ganz anders. Mir sagen Lehrerinnen und Lehrer auch: Dies und jenes finden wir nicht gut. Aber es ist immer ein konstruktiver Dialog, auch mit den Gewerkschaften.

Weshalb klappt das aus Ihrer Sicht im Baselbiet nicht?
Ich gehe schon davon aus, dass alle nur das Beste für die Schule wollen. Aber wenn Ideologien dominieren und man die geltende Bundesgesetzgebung einfach ignoriert, wird es wirklich sehr schwierig. Ich verstehe es vor allem deshalb nicht, weil das Baselbiet der erste Kanton war, der via Standesinitiative eine Harmonisierung angeregt hat. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir in Basel nur zwei Landgemeinden haben. Baselland hat eine ganz andere politische Struktur mit vielen Gemeindevertreterinnen und Gemeindevertretern, die im Parlament lobbyieren. Das ist gerade in der Schulpolitik zum Beispiel bei Lastenverschiebungen ein Thema.

Hat die Zurückweisung der Vorlage im Landrat auch Auswirkungen auf Basel?
Wir machen ja vieles gemeinsam. Harmos, Laufplanstruktur, Stundentafel und, und, und ... Gerade bei der Stundentafel haben wir es geschafft, gemeinsam gute Lösungen zu finden. Ich glaube nicht, dass eine «Rekantonalisierung» dem Willen der Baselbieter Bevölkerung entspricht. So eine Rekantonalisierung würde die Zusammenarbeit sehr erschweren. Aber noch ist ja kein endgültiger Entscheid gefallen.

Noch vor den Sommerferien werden Sie eine Studie präsentieren, die die Erfahrungen mit der integrierten Schule in Basel-Stadt bilanziert. Was für Ergebnisse erwarten Sie?
Die Experten haben keine inhaltlichen Vorgaben erhalten. Und uns war es sehr wichtig, die Studie von unabhängigen Experten ausarbeiten zu lassen. Wir sind offen und lassen uns überraschen.

Was tun Sie, wenn das Forscherteam mehr Ressourcen für die integrative Schule empfiehlt?
Damit rechnen wir eigentlich nicht, weil wir schon beim Start der integrierten Schule mehr Mittel investiert haben als vorher. Das war klar keine Sparübung. Klar werden die Experten auch die Ressourcen genau anschauen. Aber auch die Lehrerinnen und Lehrer wissen, dass wir hier investiert haben. Und schätzen es auch. Das ist nicht in allen Kantonen so.

In Ihrer Direktion werden dieses Jahr zwei wichtige Chefbeamte pensioniert: Hans Georg Signer, Leiter Mittelschulen und Berufsbildung, und Pierre Felder, Leiter der Volksschule. Wie geht es weiter?
Der Nachfolger von Hans Georg Signer ist vor einem Jahr ja schon gewählt worden und wird am 1. August bei uns anfangen. Es ist der Muttenzer Gymnasial-Rektor Ulrich Maier. Für die Nachfolge von Herrn Felder laufen in diesen Tagen die Bewerbungsgespräche. Ich hoffe, den Personalentscheid ebenfalls noch vor den Sommerferien kommunizieren zu können.

Wie wärs mit einer Frau auf diesem Chefposten?
Das kommt darauf an, wer die Anforderungen am besten erfüllt. Jedenfalls sind wir sensibilisiert. An den Vorstellungsgesprächen haben jedenfalls mehr Frauen als Männer teilgenommen. Wichtig ist mir vor allem auch, dass die Nachfolgerin oder der Nachfolger gut auf die Lehrerschaft zugehen und kommunizieren kann – und das Metier sehr gut kennt.

Im Moment haben Sie mehr Glück als Ihr Amtskollege im Baselbiet. Immer noch Lust auf ein Nationalratsmandat?
Mir ist es als Erziehungsdirektor sehr wohl, das Klima im ED ist hervorragend, ich habe tolle Mitarbeitende – und ausserdem ist es spannend, die Schulreform weiterhin begleiten zu dürfen. Immer vorausgesetzt, ich bleibe gesund und «skandalfrei». Das EDK-Präsidium ist für mich zusätzlich eine Art «Sauerstoffzufuhr», das mache ich wirklich sehr gerne. Aber klar reizt mich der Nationalrat. Meine Erfahrungen als Erziehungsdirektor auf Bundesebene einbringen zu dürfen, wäre reizvoll und auch sinnvoll. Ich überlege mir das zurzeit. Zwischen Sommer- und Herbstferien werde ich mit der Partei Gespräche führen.

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