Am 6. Juni dieses Jahres gab die Regionale Sondermüllverbrennungsanlage (RSMVA) wieder einmal Rauchzeichen. Eine violette Wolke schwebte über der Anlage in Kleinhüningen. Es war das zweite Mal innerhalb von drei Wochen, dass eine jodhaltige Rauchgasfahne entweichen konnte. Das Lufthygieneamt untersagte sogleich das Verbrennen von derartigem Abfall. Und das Verbot besteht weiter, erklärt Amtsleiter Andrea von Känel. Martin Droste, Betriebsleiter der RSMVA, meint, bis Ende Jahr solle eine technische Lösung vorliegen. Nach einer Risikoabwägung und der Abnahme durch die Ämter sollen dann jodhaltige Abfälle wieder angeliefert und verbrannt werden können.

Obwohl weitherum sichtbar und in unmittelbarer Nähe zum Einkaufszentrum Stücki sowie zur Autobahn, hatte die Jod-Fahne kaum die Gemüter erregt – und das hat seine Geschichte.

Sie nahm ihren Anfang beim Chemieunglück im italienischen Seveso im Jahr 1976. Entwichenes Dioxin hatte auf Jahre hinaus 1800 Hektaren Land vergiftet, Tausende von Tierkadavern wurden gefunden, 200 Personen erkrankten schwer. Nach den Aufräumarbeiten irrten 41 Stahlfässer mit hochgiftigem Abfall durch Europa, bis sie von Roche, der Muttergesellschaft der Unglücksfirma, nach Basel befördert wurden. Verbrannt wurden die Fässer 1985 jedoch von Ciba, die dafür einen Ofen, der ursprünglich der Verbrennung von Tierkadavern diente, zur Sondermüllentsorgung umrüstete. Dieser Seveso-Ofen war der Grundstein für die heutige RSMVA.

Am Fasnachtsmorgen des Jahres 1986 orientierte Ciba, sie wolle einen neuen, grösseren Ofen zur Vernichtung von chemischem Sondermüll bauen. Selbst Chemiekritiker konnten sich dem Argument nicht verschliessen, dass der Abfall dort entsorgt wird, wo er anfällt. Der «Ofen» wurde dennoch zum Symbol für eine lange politische Auseinandersetzung in Basel mit der grossmächtigen Chemie. Es dauerte sechs Jahre, bis eine Baubewilligung vorlag und weiter vier bis zur Inbetriebnahme der Anlage.

Im gleichen Jahr 1996 ging die Ciba im Novartis-Pharmakonzern auf, der auf Distanz zur Chemievergangenheit ging. 1998 lagerte Novartis denn auch die Anlage in die neue Gesellschaft Valorec aus. Weitere drei Jahre später verkaufte sie den «modernsten Sondermüllofen» an den französischen Entsorgungskonzern Veolia (damals Vivendi).

Die RSMVA war auch für den Staat ein teures Unterfangen. In den ersten zehn Betriebsjahren flossen 23 Millionen Franken zur Defizitdeckung in die Entsorgungsindustrie. Als die Subventionierung 2005 auslief, intensivierte die Valorec/Veolia den Verkauf der Abwärme. Und sie plante mit Millioneninvestitionen den Ausbau des Sondermüllgeschäfts. Im Dezember 2008 eröffnete Valorec feierlich eine neue Anlage mit vier grossen Tanks, in der auch flüssige Sonderabfälle behandelt werden können. Die spezifische Risikoinfrastruktur – Tankwanne, Brandschutz, Sprinkleranlagen, Notstromversorgung, Blitzschutzanlage – wurde allerdings bereits auf die doppelte Kapazität dimensioniert. Nun soll diese auch genutzt werden.

Im Bericht zur Baueingabe erläutert Veolia die Hintergründe, weshalb die Tankanlage ausgebaut werden soll: Im Rahmen einer «strategischen Marktbearbeitung» werde Ende 2015 die konzerneigene Sondermüllannahme im zürcherischen Obfelden geschlossen. Dieses unter Sovag firmierende Geschäft soll mitsamt den Arbeitsplätzen nach Basel verlagert werden. Da die Tätigkeiten von RSMVA und Sovag nicht deckungsgleich sind, werde sich die Sovag in Basel quasi einmieten und dafür das ausgebaute Tanklager nutzen. Dies führe zu einer «Win-win-Situation im Bereich der Sonderabfallentsorgung in der Nordwestschweiz», heisst es im Bericht.

Insgesamt sollen zusätzliche 14 000 Tonnen Sondermüll in Kleinhüningen umgesetzt und behandelt werden. Ein Teil wird als Brennstoff im Verbrennungsofen vernichtet, ein grösserer Teil soll «entgegengenommen, sortiert, teilweise umgefüllt, zwischengelagert und weitergeliefert» werden. Die Kapazitäten sind vorhanden. Gemäss dem Amt für Umwelt und Energie wurden in der RSMVA im Jahr 2013 im 24-Stunden-Betrieb rund 35 000 Tonnen Sonderabfälle entsorgt. Die Kapazität der Anlage beträgt nach Firmenangaben insgesamt 80 000 Tonnen jährlich.

Selbst der WWF hat sich mit der Anlage abgefunden. Es wäre zwar sinnvoller, die Annahmestelle an einem weniger dicht besiedelten Ort zu errichten, sagt Geschäftsführer Jost Müller. Doch man könne damit leben, wenn auch darauf zu achten sei, dass sich Basel nicht zu einem Sonderabfallzentrum entwickle.

Mit dem Ofen von Seveso haben sich Linke und Umweltkreise versöhnt. Ein Stachel ist er für ein anderes kommerzielles Unternehmen geworden: Das direkt benachbarte Einkaufszentrum Stücki musste schon beim Bau hohe Risikoauflagen erfüllen. Und nun sind die Hotelfenster an der Ostseite fest verschlossen. Aus Sicherheitsgründen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper