Eine Frau aus Basel fällte vor vier Jahren einen Entschluss: Sie wollte ein Waisenkind aus Mali adoptieren. Doch die Basler Behörden teilten ihr auf Anfrage mit, dass dies gemäss dem Haager Adoptionsübereinkommen nicht möglich sei. Mit diesen internationalen Bestimmungen sollen Menschenhandel und Adoptionstourismus verhindert werden. Die juristischen Hürden sind generell hoch. Die Anzahl Adoptionen nimmt in der Schweiz kontinuierlich ab: von knapp 1600 im Jahr 1980 auf unter 400 im Jahr 2014. In Basel sank die Zahl im gleichen Zeitraum von 50 auf 7.

Die Baslerin liess sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Durch einen juristischen Trick kam sie zu ihrer Adoption. Sie ging in Mali eine polygame Ehe mit einem 60-jährigen Unternehmer ein, der bereits zwei Ehefrauen hatte. Es handelt sich um einen langjährigen Freund. Die dritte Ehefrau zog nicht zu ihrer neuen Grossfamilie, sondern in ein 800 Kilometer entferntes Hotel. Der polygame Ehemann besuchte sie dort sporadisch. Gemäss malischem Recht muss eine Ehefrau im Haushalt ihres polygamen Ehemannes wohnen, damit sie die malische Staatsbürgerschaft erhält. Die für Mali zuständige Schweizer Botschaft in Senegal meldete diese Ungereimtheit in die Schweiz.

Die Behörden von Mali schauten nicht so genau hin. Die frisch vermählte Ehefrau durfte einen ausgesetzten Säugling aus einem Waisenhaus aufnehmen. Ein malisches Gericht anerkannte die gemeinschaftliche Adoption durch sie und ihren polygamen Ehemann wenige Wochen nach der Heirat. Danach wollte die Frau umgehend in die Schweiz fliegen. Doch sie erhielt für ihr Baby keine Einreisebewilligung. Mutter und Kind harrten anderthalb Jahre im Hotel aus. Unter prekären Umständen: Das Schweizer Aussendepartement rät von Aufenthalten jeder Art in Mali ab. Im ganzen Land bestünden hohe Sicherheitsrisiken und die Gefahr von Entführungen.

Die Frau beantragte erfolglos beim Basler Zivilstandsamt die Anerkennung der Adoption. Auch von der nächsten Instanz, dem Basler Justiz- und Sicherheitsdepartement, erhielt sie eine Absage. Zuerst hatte die Frau versucht, die Schweizer Behörden zu täuschen: Sie legte einen Eheschein über eine monogame Ehe vor. Ihr polygamer Ehemann ist in Mali eine angesehene Persönlichkeit, weshalb die Behörden ihm den Gefallen taten, einen falschen Schein auszustellen.

Nachdem der Schwindel aufgeflogen war, versuchte es die Frau mit Berufung auf einen Grundsatz des internationalen Privatrechts: Eine ausländische Adoption wird demnach in der Schweiz anerkannt, wenn sie durch eine international zuständige Behörde rechtskräftig ausgesprochen worden ist. Daran bestehen keine Zweifel. Doch die Schweizer Behörden stellten die Verletzung eines anderen Grundsatzes fest: des Ordre public. Die eingegangene Ehe, die Voraussetzung für eine gemeinschaftliche Adoption ist, widerspricht dem Schweizer Recht und den abendländischen Wertvorstellungen.

Am 12. Januar 2016 beurteilte das höchste Basler Gericht den Fall: Es stellte fest, dass das Justiz- und Sicherheitsdepartement die Adoption zu Recht nicht anerkannt hatte. Und dennoch verfügte es in seinem Urteil, dass die Adoption in Basel anerkannt wird. Denn die Ausgangslage habe sich seit dem letzten Entscheid verändert.

Vor einem halben Jahr konnte die Frau dank eines Besuchervisums der deutschen Botschaft mit ihrem Adoptivsohn nach Basel reisen. Seither leben die beiden hier. Das vierjährige Kind besucht eine Krippe. Unter diesen Umständen gewichteten die Basler Appellationsrichter unter dem Vorsitz von Stephan Wullschleger (SP) das Kindswohl höher als die Gesetzesumgehung. Würden sie es zurück nach Mali schicken, wäre sein Leben gefährdet. Die Kindersterblichkeit in Mali ist hoch. Das Kind könne nichts dafür, dass seine Mutter das Gesetz umgangen habe. Deshalb darf es hierbleiben. Das Urteil ist in diesem Punkt rechtskräftig. Ein vergleichbarer Entscheid eines Schweizer Gerichts ist nicht bekannt.

Das schriftliche Urteil lag diese Woche vor, zufälligerweise am gleichen Tag, an dem sich der Ständerat für ein moderneres Adoptionsrecht aussprach. Neu sollen auch Homosexuelle und Unverheiratete die Kinder ihres Partners adoptieren dürfen. Weitergehende Bestimmungen sowie eine Legalisierung polygamer Ehen sind politisch chancenlos. Doch wer weiss, Fakten zu schaffen, lässt sich vom Gesetz nicht aufhalten.

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