Von Rahel Koerfgen

Es soll eine beratende und informative Dienstleistung für den Patienten sein. Auf der Website der Ärztegesellschaft Baselland findet sich die Rubrik «Der Arzt rät», und hier werden Tipps aus den verschiedensten Bereichen der Medizin gegeben. Ein Klick auf das Thema Schönheit etwa, und es öffnet sich der Artikel «Botox – diskreter Charme« von Dr. med. Reto A. Feurer. In seinem Artikel schwärmt der Facharzt für plastische Chirurgie in den höchsten Tönen von Botulinumtoxin, im Volksmund Botox. Es steht für festgefrorene Hollywood-Gesichter und ist als eines der tödlichsten Nervengifte der Welt bekannt.

Leichthin gibt Feurer an, dass Botox keine Spuren hinterlasse, «und Sie können sofort Ihren gewohnten Aktivitäten nachgehen. Eine Verjüngung des Gesichts ohne Narben hat einen grossen diskreten Charme». Gerade die senkrecht verlaufenden Zornesfalten, schreibt Feurer weiter, könnten sehr gut mit Botox behandelt werden: «Nach einer erfolgreichen Behandlung sind Sie nicht mehr in der Lage, zornig zu gucken!» Auf die zahlreichen Nebenwirkungen wie etwa Atemnot, Seh- oder Sprechstörungen geht Feurer nicht ein, wenngleich diese bei 24 Prozent der Patienten zu erwarten sind, wie klinische Studien ergeben haben.

Der Artikel ist schon seit geraumer Zeit im Netz, wie Recherchen der «Schweiz am Sonntag» zeigen. Bereits im 2009 wurde er auf der Website der Ärztegesellschaft online geschaltet und seither nicht mehr modifiziert. Sechs Jahre lang konnte sich jeder die Schwärmerei von Feurer zu Gemüte führen. Pikant: Im Jahr 2012 veröffentlichte Swissmedic, gestützt auf einen Bundesgerichtsentscheid, verbindliche Leitlinien, wie Ärzte der ästhetischen Medizin über Behandlungen mit Botox informieren können, ohne dafür zu werben. Anpreisungen im Stile des Beitrags von Reto A. Feurer sind laut diesen Leitlinien verboten.

Entsprechend bestürzt reagiert Swissmedic-Sprecher Peter Balzli auf «Botox – diskreter Charme»: «Das ist haarsträubend. Die Anpreisungen bagatellisieren die Anwendung eines rezeptpflichtigen Arzneimittels, und sie sind nicht konform mit den rechtlichen Bestimmungen.» Das Schweizerische Heilmittelinstitut hat deshalb vor wenigen Tagen ein Verfahren gegen die Ärztegesellschaft Baselland eingeleitet. Via den Baselbieter Kantonsarzt Brian Martin wurde die Ärztegesellschaft angehalten, den Artikel zu entfernen. Dieser sagt auf Anfrage: «Ich kann die Haltung von Swissmedic nachvollziehen. Der Artikel ist medizinethisch höchst fragwürdig.»

Seit Freitag ist «Botox – diskreter Charme» nicht mehr online. An dessen Stelle findet sich ein Artikel des Dermatologen Oliver Kreyden. Er schreibt über die «ausserordentlich gute Wirkung von Botulinumtoxin A», das erst vor wenigen Tagen unter dem Namen Vistabel in der Schweiz zugelassen wurde. Im Gegensatz zu Feurer weist Kreyden auf mögliche Nebenwirkungen hin: «Bei unsachgemässer Anwendung drohen nicht unbeträchtliche Komplikationen.» Trotz der raschen Reaktion der Ärztegesellschaft behält sich Swissmedic rechtliche Schritte vor.

Bei der Ärztegesellschaft Baselland reagieren die Verantwortlichen peinlich berührt über das Malheur. Geschäftsführer Friedrich Schwab zeigte sich überrascht, als er mit dem Text konfrontiert wurde – es entstand der Eidruck, dass er ihn zum ersten Mal gelesen hat. «Der Artikel erscheint tatsächlich etwas fragwürdig, es handelt sich dabei aber keineswegs um eine offizielle Haltung der Ärztegesellschaft.» Eine fachliche Kontrolle solcher Beiträge habe es bisher nicht gegeben. Schwab hält es für «durchaus möglich», dass der Vorstand inskünftig bei «heiklen Themen» eine inhaltliche Kontrolle prüfen werde.

Wie lasch die Kontrolle war, zeigt der Umstand, dass der Verfasser des Botox-Artikels, Reto A. Feurer, seit 2009 gar nicht mehr im Kanton Baselland praktiziert. Seine Website aesthetix.ch ist gelöscht, unter der im Internet angegebenen Telefonnummer seiner ehemaligen Praxis in Münchenstein meldet sich ein Mitarbeiter der Swisscom.

Feurer arbeitet heute beim Medical Service der SBB als Co-Leiter Betriebs- und Verkehrsmedizin. Von der Schönheitschirurgie scheint er sich radikal abgewandt zu haben. Die «Schweiz am Sonntag» versuchte mehrmals, ihn telefonisch zu erreichen. Über seine Sekretärin liess er ausrichten, er wolle keine Fragen zum Thema beantworten.

Früher war Feurer mitteilungsfreudiger: Zwischen 2005 und 2009 bewarb er seine Dienstleistungen oft. So etwa 2006 in «20 Minuten», als er das Fettabsaugen und Brustimplantate kurz vor dem Start der Badesaison anpries. Im selben Jahr erschien in der «Basler Zeitung» der besagte Botox-Artikel – wenngleich unter einem leicht abgeschwächten Titel: «Kaum Falten dank Botox».

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