«Willkommen in Basel und Welcome on Board»: Mit diesen Worten begrüsst Regierungspräsident Guy Morin in einem Schreiben die Neuzuzüger. Es ist gleichzeitig eine Einladung ins Rathaus: Wo sonst der Grosse Rat tagt, gibts einen Crashkurs zu Steuern, Sozialversicherungen oder dem Schulwesen. Anschliessend tuckern Gäste, Kantonsangestellte und Anbieter von Deutsch-, Integrations- oder Freizeitkursen mit der MS «Christoph Merian» über den Rhein.

Einige dieser Angebote flattern bereits mit der Einladung in die Briefkästen. Im Couvert liegen beispielsweise Flyer von den Basler Verkehrsbetrieben (BVB), der Gesellschaft für Gutes und Gemeinnütziges (GGG) oder von Basel Tourismus. Mittendrin: ein Flyer der Zahnarztgruppe «Die Zahnärzte.ch». Sie werben für ihre acht Praxen, die sie in Basel und Umgebung betreiben. Es ist das einzige privatwirtschaftliche Unternehmen, das im Versand auftaucht.

Das kommt bei Berufskollegen nicht gut an. Der Basler Sektionspräsident der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft (SSO), Martin Wüest, erfuhr erst diese Woche vom Flyer. Ein Arzt der Universitätszahnklinik informierte ihn. Wüest reagierte rasch: «Im Moment laufen Abklärungen bei der Kantonszahnärztin in dieser Angelegenheit.» Eine solche Plattform für Einzelne fände er merkwürdig. Zudem stösst er sich daran, dass der Kanton dies nicht vorgängig mit dem Verband besprochen habe. Der SSO angeschlossen ist auch die Gruppe Zahnärzte.ch. Dazu sagt Wüest: «Werben darf jedes unserer Mitglieder für sich.»

Gezieltes Marketing von Sponsoren
Wie Basel die Zuzüger begrüsst, ist schweizweit einzigartig. Doch der Informationsanlass mit Apéro und Schifffahrt kostet. Pro Jahr fallen für die neun Abende rund 140 000 Franken an. Wie Thomas Kessler, Leiter der Stadtentwicklung, sagt, seien potenzielle Sponsoren aus verschiedenen Branchen angeschrieben worden, «um diese Exklusivität finanzieren zu können». Die Gegenleistung würde individuell ausgehandelt. Die Zahnärzte.ch bezahlen pro Versand 1000 Franken. Seit 2015 erhalten alle Neuzuzüger ihren Flyer.

Auch einzelne Banken oder Versicherungen nutzten diesen Marketingkanal bereits. Für Kessler kein Problem: «Die Flyer sind selbsterklärend.» Dass eine «Notfallpraxis», die im «Gesundheitszentrum Basel» 365 Tage pro Jahr offen ist, gerade von Zuzügern aus dem Ausland als staatliche oder staatsnahe Institution aufgefasst werden könnte, erachtet er als «sehr weit hergeholt». Zudem gelte bei der Sponsorensuche das Prinzip der Gleichbehandlung: Die Vertreter einer Branche würden «möglichst flächendeckend» angeschrieben, sagt Kessler. Bei den Zahnärzten scheint dies nicht der Fall zu sein. Die direkte Konkurrentin der Zahnärzte.ch ist die Gruppenpraxis «Das Zahnarztzentrum». Beide buhlen mit ähnlichen Konzepten um Kunden. Das Zahnarztzentrum sei «leider» nicht angeschrieben worden, sagt Betriebschefin Susann Lorani. Sie sieht in Zuzügern ein grosses Potenzial, um den Kundenstamm auszubauen: «Es wäre schön gewesen, diese Werbemöglichkeit zu bekommen.»

Die Verwaltung hat die Sponsorensuche ausgelagert. Ebenso die Organisation der Informationsanlässe. Dafür ist die Communication AG zuständig. Deren Geschäftsführer, Christian Vultier, sagt, dass sie gegen fünfzig Zahnarztpraxen angeschrieben hätten. Per Mail. «Möglicherweise ist unsere Anfrage untergegangen. Wir berücksichtigen alle Interessierten», sagt Vultier.

Verwaltung gespalten
Ob Zuzüger in Basel künftig nun von zwei Gruppenpraxen Flyer aus dem Couvert fischen, bleibt offen. Denn im Gesundheitsdepartement scheint sich Skepsis zu regen. So erklärt Mediensprecherin Anne Tschudin: «Dass die Gegenleistung für die Beilage der Zahnärzte.ch Sponsoring darstellt und keine Empfehlung ist, sollte klarer zum Ausdruck kommen. Darüber sind wir uns mit unseren Kollegen im Präsidialdepartement einig.» Welche sie meint, bleibt, wie die Werbung, undeklariert.

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