Am Muttertag steht Ana länger als sonst in der Küche. In ihren Pfannen brutzelt ein Stück Fleisch, ihren Tisch deckt sie festlich. Ihr Gegenüber ist das Handy. Über Skype sieht sie ihre drei erwachsenen Töchter an der gedeckten Tafel in Bolivien sitzen. Sie heben ihre Gläser, prosten der Mutter zu. Als Kinder besuchten sie eine Privatschule. Heute studieren sie Biologie und Medizin, die Jüngste tourt als Saxofonistin durchs Land. Ihre Ausbildungen bezahlte Ana. Dafür kam sie vor 22 Jahren in die Schweiz, putzt seitdem schwarz Häuser und Wohnungen von Basler Familien. «In diesem Bereich gibt es immer Arbeit», sagt die 56-jährige Bolivianerin.
Das dürfte sich auch in Zukunft nicht ändern. Wie eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz zeigt, steigt die Nachfrage nach Haushaltshilfen an. Die «Schweiz am Sonntag» erhielt exklusiv Einblick in die Resultate, die in zwei Wochen erscheinen. Ein Projektteam untersuchte, wie sich die Fachkräfteinitiative auf die bezahlte Hausarbeit auswirken könnte.

Hausarbeit: ein blinder Fleck
Im internationalen Kampf um die Talente will die Fachkräfteinitiative unter anderem, dass Familie und Karriere besser vereinbar sind. Wie Leila Straumann, Leiterin des Basler Gleichstellungsbüros, sagt, sei die Erwerbsbeteiligung der Frauen in der Schweiz zwar hoch, aber: «Sie arbeiten oft in geringen Teilzeitpensen, die wenig Aufstiegsmöglichkeiten bieten.» Der Staat, die Unternehmen und auch die Gesellschaft seien gefordert, damit die Frauen ihre Pensen aufstocken, sagt Straumann.

Für Pierre Alain Niklaus, langjähriger Leiter und heutiges Vorstandsmitglied der Anlaufstelle für Sans Papiers, fehlt in dieser Diskussion ein zentraler Aspekt: jener der bezahlten Hausarbeit. Die Anlaufstelle gab denn auch die entsprechende Studie bei der Fachhochschule in Auftrag. «In den vergangenen Jahrzehnten leisteten Hausfrauen praktisch unerschöpfliche Gratisarbeit. Heute verkommt die Zeit zur knappen Ressource», sagt Niklaus. Nicht selten springen Migrantinnen ein. Wie die neuste Studie vom Bund zeigt, verdient jeder zweite Sans Papiers sein Auskommen in Privathaushalten.

Weiblich, inländisch, mit einem Hochschulabschluss und gut ausgebildet: Die Studie der Hochschule für Soziale Arbeit konzentriert sich auf diese Gruppe von Frauen. Würde bei der Hälfte von ihnen die Fachkräfteinitiative greifen, ergäbe sich ein zusätzlicher Bedarf von rund 4900 Vollzeitstellen im Bereich der Hausarbeit, so das Resultat. Die Partner oder Ehemänner finden keinen Eingang; die Studie geht von einer Auslagerung an bezahlte Haushaltshilfen aus. Vor diesem Hintergrund zeigt sich: Die Nachfrage nach externer Unterstützung steigt, je grösser das Pensum der Frau, je höher das Haushaltseinkommen und je jünger die Kinder. Das bestätigt auch Ana: «Vor allem Familien mit kleinen Kindern und berufstätigen Eltern brauchen mich», sagt sie. Putzen, Waschen und Jäten gehören zu ihren Hauptaufgaben. Als Babysitterin springe sie nur gelegentlich ein. Tagsüber besuchen die Kinder die Krippe, sagt sie. Für den ehemaligen Leiter der Anlaufstelle für Sans Papiers zeigt sich in der Studie der grundlegende Mechanismus: «Wären auch gut ausgebildete Frauen ohne Studium und solche, die zeitweilig nicht erwerbstätig sind, berücksichtigt worden, wäre der Effekt um ein Vielfaches höher.»

Die Schwarzarbeit boomt
Schwarz und ohne Sozialleistungen, so arbeiten zahlreiche Migrantinnen und Sans Papiers in den privaten Haushalten. «Die meisten fragen nicht nach meiner AHV-Nummer oder meiner Aufenthaltsbewilligung», sagt Ana. Dennoch habe sie in ihren besten Jahren sieben Tage die Woche gearbeitet. Gestützt auf die Studie fordert Niklaus nun, die bezahlte Hausarbeit aufzuwerten: «Aktuell ist das ein Graubereich, in dem viele Migrantinnen und Sans Papiers unter prekären Bedingungen arbeiten. Sie darf weder ein Schattendasein führen noch illegalisiert sein.» Dafür müssten auch die Arbeitgeber für «ihre Pflichten sensibilisiert werden». Zudem fordert er, dass die Kantone ihren Spielraum für die Härtefallregelung stärker nutzen und insbesondere jene Sans Papiers anerkennen, die bereits heute als Hausangestellte in der Schweiz arbeiten.

Auch Ana wartet auf den Entscheid des kantonalen Migrationsamtes. Falls es mit ihrem Härtefallgesuch klappt, möchte sie weiterhin putzen. Dazwischen würde sie nach Bolivien reisen – um den nächsten Muttertag am selben Tisch wie ihre Töchter zu feiern.

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