Wie sieht Ihr Arbeitsalltag in Nepal nach dem verheerenden Erdbeben aus, Frau Gonseth?
Ruth Gonseth: Ich komme gerade aus einem Hilfsansatz in einem entlegenen Bergdorf zurück. Gottlob bin ich hier sehr gut vernetzt, sodass ich gut mit verschiedenen Organisationen zusammenarbeiten kann. Diese bereiten die Hilfsaktion vor, indem sie vor Ort die Leute registrieren, die am dringendsten Hilfe benötigen. Am nächsten Tag bringen wir dann Nahrung, Zelte, Moskitonetze, Decken und medizinische Hilfe. Wir erstellen jeweils ein Health-Camp, in dem wir 100 bis 150 Patienten untersuchen und ihnen kostenlos Medikamente abgeben. Unterdessen verteilen die anderen Helfer Lebensmittel und anderen Dinge. Jeden zweiten Tag arbeite ich an so einer Aktion mit. An den anderen Tagen arbeite ich in unserer Klinik.

Erreichen Sie auch Leute in abgelegenen Orten?
Wir arbeiten mit der Navodaya Chepang School zusammen. Das ist eine christliche Organisation aus Indien, die nur Schüler aus der Chepang-Ethnie hat, Menschen, die bis vor kurzem nur in den Wäldern der hohen Hügel gelebt und zur untersten Kaste gehört haben. Die Patres kennen die Orte, aus denen ihre Schüler kommen, sehr genau und freuen sich über unsere Schweizer Unterstützung.

Was sind die grössten Probleme?
Zu unseren Hilfscamps kommen mehr Menschen, als wir untersuchen können. Auch Hilfsmittel und Nahrung reichen nicht. Die Wege in die abgelegenen Gegenden sind schwierig zu befahren, und ich bin jeweils froh, wenn wir heil ankommen. Auf den kleinen Lastwagen hat nicht mehr Ware Platz, als für hundert Haushalte benötigt wird. Es spricht sich jeweils sehr schnell herum, dass ein Health-Camp aufgebaut worden ist. Es ist schwierig, Leute, die oft mehr als eine Stunde zu uns gewandert sind, auf ein späteres Camp zu vertrösten.

Wie haben Sie das Erdbeben erlebt?
Der 25. April war ein Samstag, unser freier Tag. Chantal Bachmann, eine Zahnhygienikerin, ebenfalls Volontärin aus der Schweiz, und ich waren gerade auf einem Ausflug nach Devgath. Dieser Ort ist für die Nepali ein Kraftort, weil hier zwei grosse Flüsse zusammenfliessen, und er ist auch eine Pilgerstätte mit vielen kleinen Tempeln. Wir sassen gemütlich am Strand, als es uns zum ersten Mal wirklich stark schüttelte, ein unglaubliches Gefühl. Chantal meinte nachher: «Die Kraft habe ich gespürt.» Wir konnten noch lachen. All die vielen Pilger sind auf eine nahegelegene, grosse Sandbank am Ufer gerannt. Beim zweiten Beben sind am gegenüberliegenden Ufer Felsblöcke heruntergestürzt. Das Lachen ist uns vergangen und die Angst in die Knochen gefahren. Doch wir haben Glück gehabt, obwohl es viele Nachbeben gab. Das Epizentrum lag etwa zwischen Kathmandu und unserer Region, dem District Chitwan. Gottlob gab es bei uns nur wenige Tote, denn hier gibt es bloss kleinere Häuser. Unser Spital in Ratnanagar blieb unbeschädigt und all unsere Mitarbeitenden sind unverletzt.

Wie gehen Sie mit der Tragödie um?
Bei so viel Arbeit bleibt mir keine Zeit, um traurig zu sein. Ich bin froh, dass ich helfen kann, und die Arbeit ist sehr interessant. Ich erlebe sehr viel Schönes, die Dankbarkeit der Leute ist enorm.

Sie haben diese Woche aus dem Baselbieter Swisslos-Fonds 50 000 Franken erhalten. Genügt das?
Das Geld reicht recht weit für die Nothilfe, denn Lebensmittel und Medikamente sind hier etwa fünf bis sieben Mal billiger als in der Schweiz. Ich bleibe noch einen Monat hier und kann so auch die korrekte Verteilung und Abrechnung überwachen. Aber die grosse Herausforderung bleibt für den Wiederaufbau der vielen zerstörten Häuser, der Infrastruktur von kleinen Schulen und Gesundheitsstellen. Die Leute müssen wieder Kühe, Ziegen, Hühner kaufen, da ihre Tiere teilweise von Trümmern oder Erdrutschen getötet worden sind. Auch andere wichtige Sachen, die zerstört wurden, müssen ersetzt werden. Deshalb sammeln wir auch weiter Geld für unser Hilfswerk Shanti Med Nepal.

*Ruth Gonseth (72) ist Dermatologin und Präsidentin des Vereins Shanti Med Nepal. Von 1991 bis 2001 war sie Nationalrätin der Grünen im Kanton Baselland. Die Fragen beantwortete sie per E-Mail.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper