Wo Lob ist, ist auch Tadel. Das dachten sich wohl die Besucher am Forum der Standortförderin BaselArea.swiss diese Woche. Zwar fand Präsident Domenico Scala nur positive Worte für die hier ansässigen Life Sciences; dafür monierte er, dass Basel im Bereich der digitalen Technologien ein Manko habe. Es sei wichtig, solche Firmen zu einem Zuzug zu überzeugen, da die Life Sciences hinsichtlich der digitalen Revolution im Health-Care-Bereich auf das Wissen solcher Spezialisten angewiesen sei.

Dass sich Basel als Standort von digitalen Technologien etablieren kann, danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Im Gegenteil. Die Vorzeigefirma der hiesigen IT-Branche, die Magnolia CMS, könnte dereinst gar ins grenznahe Ausland abwandern. Pascal Mangold, Mitgründer, Inhaber und Geschäftsführer von Magnolia, sagt zur «Schweiz am Sonntag»: «Es ist eine traurige Entwicklung, gerade für mich als Basler. Aber wir müssen das in Betracht ziehen.»

Mangolds Problem: die Masseneinwanderungsinitiative (MEI). Oder vielmehr deren Umsetzung. Heute zählt Magnolia 45 Mitarbeiter, drei Viertel davon sind Grenzgänger und in die Schweiz zugewanderte Ausländer aus der EU und Drittstaaten. Laut Initiativtext gelten ab Februar 2017 für EU/Efta-Bürger wieder Kontingente, und auch die Zahl der Grenzgänger soll beschränkt werden. Zwar hat die Staatspolitische Kommission des Nationalrats vergangene Woche vorgeschlagen, die MEI mit einem «Inländervorrang light» umzusetzen, was die Sache für Mangold entschärfen würde. Jedoch will er nicht darauf hoffen. «Wenn die Initiative wie ursprünglich formuliert umgesetzt wird, ist es in Basel unmöglich, weiter zu wachsen», sagt er.

Ausgetrockneter Markt
Nun hat der Unternehmer, der unter anderem Airbus, die Migros oder die Baloise zu seinen Kunden zählt, Bedarf nach weiteren 50 Mitarbeitern in Basel. Der inländische Markt an hochqualifizierten IT-Spezialisten sei jedoch schon lange ausgetrocknet, sagt Mangold. Deshalb seien ausländische Fachkräfte für Magnolia enorm wichtig – auch aus Drittstaaten wie den USA oder asiatischen Ländern. Doch hier erweisen sich bereits wirksame Kontingente als Hemmschuh: «Die Bedingung ist, eine Stelle bis zu sechs Monate lang im Inland auszuschreiben, bevor diese in Drittstaaten platziert werden darf.» Dies bedeute lange Wartezeiten in einem Markt, in dem man schnell auf Kundenbedürfnisse reagieren müsse.

Nachdem diese Woche bereits die «Tageswoche» berichtet hat, dass der Pharmakonzern Novartis Ausbildungsprogramme kürzen respektive verschieben musste, um die Kontingente für Arbeitskräfte aus Drittstaaten zu schonen, droht mit Magnolia nun erstmals ein Basler Unternehmen konkret mit dem Wegzug aufgrund der Umsetzung der MEI. «Falls die Kontingente tatsächlich kommen», würde er sich nach Büroräumlichkeiten in Weil am Rhein umsehen, eine Tochterfirma in Deutschland gründen und die Mitarbeiter, die am Sitz in Basel tätig seien, dorthin abziehen, sagt Mangold. Es wäre ein bitterer Schritt: Erst im vergangenen Jahr bezog Magnolia ein Bürohaus am Dreispitz, das Platz für bis zu hundert Angestellte bietet. Für den Ausbau investierte Mangold rund 1,5 Millionen Franken vor der Annahme der MEI im Februar 2014. Auch den Mietvertrag hatte er bereits davor unterschrieben – er ist noch rund acht Jahre daran gebunden.

Nägelin spricht von Schwarzmalerei
Der Fall von Magnolia und Mangolds Aussagen dazu stehen in krassem Gegensatz zur Haltung der SVP, die MEI schade der Schweizer Wirtschaft nicht. Darauf angesprochen, wiederholt der Basler Regierungsratskandidat Lorenz Nägelin gebetsmühlenartig das Wording seiner Partei: «Die Initiative gefährdet Arbeitsplätze für hoch qualifiziertes Personal nicht. Eine mögliche Lösung sind Kontingente für EU-Bürger analog der bisherigen Praxis mit Drittstaaten-Angehörigen.» Die Probleme von Magnolia und die Gefahr, dass ein Basler Vorzeigeunternehmen die Region verlassen könnte, scheint er nicht ernst zu nehmen: «Dieser Fall zeugt von Schwarzmalerei. Denselben Reflex haben wir bereits nach der EWR-Abstimmung erlebt, als verschiedene Firmen mit Wegzug drohten. Heute wissen wir, dass sie geblieben sind oder gar ausgebaut haben.» Überhaupt glaube er, Nägelin, dass das Unternehmen die MEI allenfalls bloss als Vorwand nutzen könnte, um den Wegzug zu erklären. «Der wahre Grund dürfte darin liegen, dass die Löhne dort viel tiefer sind und die Firma somit weniger Ausgaben hat.»

Für diesen Vorwurf hat Mangold nur ein müdes Lächeln übrig: «Die SVP gibt sich gerne als KMU-freundliche Partei. Das Gegenteil ist der Fall.» Aufregen darüber würde er sich aber schon lange nicht mehr. Er hatte an diesem Wochenende ohnehin Grund zur Freude: Die Geschäftsstelle in Vietnam feiert ihr zweijähriges Bestehen, er hält sich derzeit vor Ort auf. Eröffnet hatte Mangold sie im August 2014 als Reaktion auf die Annahme der MEI im Februar. Und in den nächsten zwei Jahren will er die Zahl der Belegschaft von derzeit 22 auf 50 erhöhen. In Vietnam würden ihm bei diesem Vorhaben keine Steine in den Weg gelegt.

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