Der Zuschlag ist im freihändigen Verfahren erfolgt. Die Reliva Patientenhotel AG hat vom Universitätsspital Basel (USB) den Auftrag erhalten, ein Angebot «zur Pflege, Betreuung und Beherbergung von Patienten mit Spitalbedürftigkeit in hotelähnlicher Struktur» bereitzustellen. Das Angebot wird konkurrenzlos sein. Denn die Reliva hat sich in «unmittelbarer Nähe» des Universitätsspitals ein Vorkaufsrecht für eine geeignete Immobilie gesichert, was eine Vorbedingung für eine Zusammenarbeit mit dem USB war.

Obwohl der Zuschlag formell erteilt ist und die zehntägige Rekursfrist seit dem 27. März läuft, erklärt das USB auf Anfrage, der «Entscheid zur Realisierung» sei noch nicht gefällt. Deshalb könne weder gesagt werden, wo das Patientenhotel stehen werde, noch, über welche Anzahl Zimmer und Mitarbeiter es verfügen soll.

Das Konzept stammt aus den USA und Kanada und wird erfolgreich auch in Skandinavien eingesetzt. In hotelähnlicher Atmosphäre sollen Patienten medizinische Betreuung geniessen. Etwa Wöchnerinnen, die keine intensive Überwachung mehr benötigen, aber einige Tage länger ärztliche Hilfe in Rufweite haben möchten. Paare, die mittels moderner Fortpflanzungstherapie ihren Kinderwunsch erfüllen wollen und sich dazu einige Tage in Spitalnähe aufhalten müssen. Ältere Leute, die nach einem Spitalaufenthalt statt eines Kuraufenthalts einige Tage in Kliniknähe bleiben. Oder betuchte ausländische Spitalpatienten, die sich vor und nach einem Eingriff ein Surplus leisten.

In Deutschland sind Patientenhotels kein Erfolg, wie eine Studie von Deloitte ergab. Das Konzept scheitert an komplexen Versicherungsstrukturen und Personalproblemen zwischen den öffentlichen Spitälern und den privaten Hotellerieanbietern. Als positive Ausnahme wird das Patientenhaus auf dem Gelände der Universitätsklinik Mannheim gewürdigt, das von der deutschen Allbau AG betrieben wird. Diese ist auch an der Schweizer Reliva beteiligt.
Spitäler können die Public-private-Partnerschaft als kostensenkende Massnahme ins Feld führen, da die teuren Betten im Akutspital schneller frei werden, wenn die Patienten ins «Hotel» wechseln. Gleichzeitig können die Spitäler aber auch zusätzliche Patienten erwarten, da bei vergleichbarer medizinischer Leistung die Hotellerie zu einem Wettbewerbsfaktor unter den Spitälern geworden ist. Weil sich damit gute Zusatzerlöse generieren lassen, bedeutet die Auslagerung an einen kommerziellen Anbieter allerdings auch eine Privatisierung möglicher Gewinne.

Die enge Verzahnung von Privatspital und Hotellerie zeigt sich bei der stark expandierenden Spitalgruppe Genolier, die in Basel die Schmerzklinik besitzt. Unter dem Dach der gemeinsamen Holding Aevis betreibt Genolier auch eine Hotelgruppe. Und man kennt sich: Der Industrielle Christian Wenger ist nicht nur Verwaltungsratspräsident der Aevis-Holding, sondern über die Chemolio Holding auch gewichtiger Teilhaber der Reliva. Treibende Kraft der Reliva ist allerdings Christoph Glutz.

Mit seiner Resourceful Living Inc. weibelt Glutz seit 2011 in der Schweiz für Patientenhotels. Seit 2012 realisiert er ein erstes Projekt mit dem Universitätsspital Lausanne (Chuv). Eigentlich sollte dieses Patientenhaus bereits in Betrieb sein, nach neuem Zeitplan wird die Eröffnung jedoch erst im zweiten Halbjahr 2016 stattfinden. Hundert Betten wird das Haus bieten. Von den 76 Mitarbeitenden arbeiten 57 in der Hotellerie, 19 in der Pflege. Diese werden mittels Personalverleih durch das Chuv zur Verfügung gestellt. In einer Präsentation vom vergangenen November beim Swiss Hospitality Investment Forum lobte Glutz das geringe Risiko für den Investor: Eine Zuweisungsvereinbarung mit dem Spital garantiere eine konstante Auslastung und kurze Anlaufphase. Der Abgeltung ist zudem abgesichert durch die Zahlungen des Spitals und der Versicherungen. Der Vertrag zwischen der Reliva und dem Chuv ist für 20 Jahre fest abgeschlossen und auf mindestens 35 Jahre angelegt.

Ob beim USB für die Reliva die gleich günstigen Modalitäten wie beim Chuv gelten werden, ist offen. USB-Sprecher Martin Jordan erklärt lediglich: «Die medizinischen Leistungen werden durch das Fachpersonal des USB – insbesondere Ärzte und Pflege – sichergestellt. Die Patienten profitieren von einer komfortablen, hotelähnlichen Unterbringung bei gleicher medizinischer, therapeutischer und pflegerischer Betreuung wie im Akutspital.»

Die Zurückhaltung des USB ist erklärbar, da das Projekt politischen Sprengstoff enthält: Mit der Kooperation baut das USB faktisch die Anzahl der Spitalbetten im Kanton Basel-Stadt weiter aus und dies in Zusammenarbeit mit einem kommerziellen Investor. Das USB stellt sich damit auch in Konkurrenz zu den Privatspitälern, die sich nicht zuletzt durch einen Ausbau ihrer Hotellerie in den vergangenen Jahren verstärkt haben. Die Mengenausweitung erfolgt gleichzeitig mit der politischen Beratung im Grossen Rat über die Baupläne für das Klinikum 2. Und noch gewichtiger: Sie fällt zusammen mit der angesagten Neukonzeption einer gemeinsamen Spitalplanung von Basel-Stadt und Baselland.

Für das USB ist denn auch noch alles offen. Man kläre derzeit erst ab, «ob sich eine sinnvolle Lösung realisieren lässt». Und wenn, dann werde das neue Haus wohl nicht Patientenhotel heissen: «Das USB wird erst bei einer allfälligen Realisierung über den Namen des Angebots entscheiden.»

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