Der Kanton Baselland steht unter Zeitdruck. Bis 2018 muss die Autobahn A18, die bisher H18 hiess, auf dem Abschnitt zwischen Reinach Süd und Muttenz Süd leiser werden. Der Autoverkehr verletzt die Grenzwerte der neuen Lärmverordnung. Derzeit hat der Kanton die Ingenieurleistungen ausgeschrieben. Geplant ist die Installation eines sogenannten Flüsterbelags. Dieser soll den Lärm mindern.

Aus dem Sortiment der Flüsterbeläge wählt das Baselbiet den Porenasphalt. Die Poren dieses Belags sind so gross, dass man einen Finger hineinstecken könnte. Die Hohlräume sollen den Lärm der täglich 50 000 bis 60 000 Fahrzeuge schlucken. Allerdings nimmt der Porenraum nicht nur Geräusche auf, sondern auch Wasser. Dieses sickert durch den Belag hindurch. Was passieren kann, wenn dieses Wasser gefriert oder durch Reparaturarbeiten eingeschlossen wird, erlebte die Schweiz kürzlich auf der A1 im Aargau. Die Autobahn musste notfallmässig saniert werden. Leise lösten sich ganze Brocken aus dem Flüsterbelag.

Das Bundesamt für Strassen (Astra) lässt seither die Finger von diesem Belag, obwohl er gute Werte bei der Lärmreduktion erzielt. Astra-Sprecher Thomas Rohrbach sagt: «Es gibt heute kleinporige Beläge mit gleich guten Eigenschaften. Deshalb ist der Porenasphalt für uns nicht erste Wahl. Das ist eine Technik aus den 90er-Jahren.» Dass das Baselbiet trotzdem auf Porenasphalt setzt, kann ihm egal sein. Schliesslich muss das Astra die A18 nach dem Volksnein zur teureren Autobahnvignette nicht wie vorgesehen übernehmen und überlässt die Sanierung somit dem Kanton.

Beim Kanton kennt man die Bedenken des Bundesamts. Die Baselbieter Baudirektion gab deshalb beim Muttenzer Ingenieurbüro Jauslin + Stebler eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. Dieses erwähnt in seinem Bericht, dass das Astra vermutlich einen Standardbelag vorziehen würde, da die Gebrauchsdauer von Porenasphalt schon mehrfach kritisiert worden sei. Diese Bedenken hält man im Baselbiet jedoch für übertrieben. In der vom Kanton in Auftrag gegebenen Studie wird der vom Astra favorisierte Belag abgelehnt, da er zu einer um zwei Dezibel geringeren Lärmreduktion führen würde.

Auch von weiteren Belägen, die infrage kämen, rät das Ingenieurbüro ab. Etwa der feinkörnige Nanosoft-Belag, der seit 2010 auf der Sissacherstrasse in Gelterkinden Lärm schluckt, eigne sich nicht, weil er teurer und zudem bisher nicht auf Autobahnen getestet worden sei. Bei hohen Geschwindigkeiten könnten Probleme mit der Griffigkeit entstehen. Ebenfalls zu wenige Erfahrungen bestünden mit einer neuen Flüsterbelagsart, die im Rahmen eines Forschungsprojekts des Bundes auf der Birsfelderstrasse in Muttenz getestet wird. Deshalb setzen die Baselbieter Ingenieure trotz der Risiken auf den Asphalt mit den fingergrossen Poren. Sie nehmen damit in Kauf, dass die zehn Millionen Franken teure Lärmsanierung der A18 nach ein paar Jahren möglicherweise überarbeitet werden muss.

Alternative Massnahmen mit weniger Risiken gäbe es allerdings schon. Mit einer Geschwindigkeitsreduktion um jeweils zwanzig Stundenkilometer könnte gemäss der Machbarkeitsstudie eine «deutliche Lärmreduktion» erreicht werden. Diese läge zwischen 1,4 und 1,9 Dezibel. Eine weitere Variante wäre eine einheitliche Geschwindigkeit. Zwischen Reinach und Muttenz könne man die Höchstgeschwindigkeit durchgehend auf 100 Stundenkilometer festlegen, heisst es in der Studie. Heute liegt die Limite teilweise bei 80, teilweise bei 120 Stundenkilometern. Diese Massnahme forderte Grünen-Landrat Christoph Frommherz bereits im Jahr 2009. Der damalige SVP-Baudirektor Jörg Krähenbühl bodigte den Vorstoss in der Landratsdebatte mit dem Argument, dass die Massnahme unverhältnismässig wäre.

Eine weitere Alternative böten höhere Lärmschutzwände. Für ein Umdenken ist es allerdings zu spät. Würde ein Teil des Lärmschutzprojekts geändert, müssten sämtliche Berechnungen neu erstellt werden. Und dazu fehlt gemäss der Studie die Zeit bis im Jahr 2018.

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