Im März erreicht Regierungsrat Isaac Reber (Grüne) ein Hilferuf. Drei Seiten Papier hält er in der Hand, die mit einem Aufruf enden: «Bitte handeln Sie!» Unterzeichnet ist das Schreiben mit «Mitarbeitende und ehemalige Mitarbeitende des Massnahmenzentrums Arxhof». Reber erfährt im Brief, weshalb die Adressaten anonym bleiben wollen. Sie schildern ihm, dass sich die Direktion des Arxhofs um Kritik nicht nur foutiere, sondern unliebsame Stimmen mit «mobbingähnlichen Mitteln aus der Institution» dränge.

Die Zuschrift hat nicht nur der Baselbieter Sicherheitsdirektor erhalten. Sie ist zudem an Regierungspräsident Thomas Weber und Vizepräsidentin Sabine Pegoraro adressiert. Sie erfahren ebenfalls, dass sich die chaotische Personalsituation im Verhalten der Bewohner spiegeln. Im Arxhof leben Straftäter zwischen 17 und 25 Jahre. Statt in einem Gefängnis ihr Vergehen zu sühnen, absolvieren sie im offenen Massnahmenvollzug eine Lehre. Jahrelang galt der Arxhof als Vorzeigeinstitution. Nun berichten Mitarbeitende der Regierung, dass ihnen die Kontrolle über diese jungen Männer entgleite. Diese würden mit «boykottierendem, bedrohlichen Verhalten» gegenüber Betreuern auftreten und «offensichtlich Drogen konsumieren». Dadurch habe die Gefahr für Mitbewohner und Mitarbeitende «massiv» zugenommen.

Sicherheitsdirektion dementiert

Die Schilderungen und Vorwürfe gegenüber der Direktion sind happig. Und was macht Isaac Reber, der zuständige Sicherheitsdirektor und direkte Vorgesetzte des Arxhof-Leiters Peter Ulrich? Nichts. Zumindest seit Erhalt des Briefs. Denn seine Direktion weiss seit Dezember von der Situation. Mitarbeitende suchten das Gespräch mit Rebers Generalsekretär Stephan Mathis und trafen ihn mehrfach.

Denselben Mathis schiebt Reber nun auch für die Stellungnahme vor. Der Generalsekretär beantwortet die Fragen der «Schweiz am Wochenende» sowohl für seinen Chef als auch für den Arxhof-Direktor. Den Inhalt des Briefs dementiert er. Der Drogenkonsum, der durch Urinproben kontrolliert würde, habe nicht zugenommen. «Entsprechend ist auch die Sicherheit der Mitarbeitenden und der Bewohner des Arxhof nicht gefährdet», schreibt Mathis. Er sei den «Beanstandungen» «unverzüglich» nachgegangen. Dabei sei herausgekommen, dass «ein kleinerer Teil der Mitarbeitenden» mit dem von Ulrich eingeleiteten Systemwechsel «nicht einverstanden» gewesen sei. In der Folge hätten diese Personen sich entschieden, den Arxhof zu verlassen. Gleichzeitig bestätigt der Generalsekretär aber, dass seit vergangenem August 13 von 42 Betreuungspersonen kündigten. Das ist rund ein Drittel.

Paradigmenwechsel verunsichert

Die «Schweiz am Wochenende» hat mit mehreren aktuellen und ehemaligen Mitarbeitenden gesprochen – auch mit solchen, die nicht zu den Verfassern des Briefes gehören. Den Inhalt des Schreibens bestätigen sie. Sie berichten, dass das erste halbe Jahr unter dem Anfang 2016 angetretenen Direktor Ulrich unaufgeregt verlief; anders als unter seinem Vorgänger Ursicin Poltera, der lediglich ein Jahr im Amt blieb.

Im vergangenen Sommer gab Ulrich jedoch bekannt, dass er die Betreuung neu strukturieren will. Die Psychotherapeuten bestimmen nun die Massnahmen für die jungen Straftäter. Dafür tauschen sich die Therapeuten mit der jeweiligen Bezugsperson, einer Sozialpädagogin oder einem Sozialpädagogen, und mit der Ansprechperson aus dem Lehrbetrieb aus.

Das ist ein Bruch zum Modell, das Renato Rossi etabliert hat. Er hatte den Arxhof 22 Jahre lang geleitet. Unter ihm waren Therapeuten und Sozialpädagogen nicht nur gleichauf, sondern verstanden sich als ein Team, das gemeinsam Entscheidungen traf. «Dieses ganz enge Netz hat dazu geführt, dass im Betreuungsteam alle alles wussten. Es gab für die Bewohner keine Schlupflöcher», sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. Wie andere Mitarbeitende betont er, dass nicht der Paradigmenwechsel zu den eigentlichen Problemen führte. Vielmehr sei es der Umgang mit den Nachfragen und der Kritik der Mitarbeitenden gewesen. «Wir fielen in Ungnade und wurden regelrecht mundtot gemacht», sagt eine weitere Stimme. Auch die Verfasser des Briefes werfen der Direktion «Einschüchterung, Blossstellung und mobbingähnliche Mittel» von unliebsamen Stimmen vor. Das habe dazu geführt, dass ein Klima der Angst gewachsen sei.

Ein Umstand, den die Bewohner rasch bemerkten. Sie manipulierten und spielten die Unsicherheiten ihrer Betreuer aus. Ihnen gegenüber soll die Direktion indes «relativierende Aussagen» über Drogenkonsum gemacht haben, heisst es im Brief. Das bestätigen Mitarbeitende im Gespräch. Hätten Bewohner gegen Regeln verstossen, sei die Betreuung von der Direktion angewiesen worden, weniger hart durchzugreifen. «Wir sollten an die Vernunft der Bewohner appellieren. Das funktioniert aber nicht. Diese jungen Männer brauchen andere Hilfestellungen, sonst wären sie nicht im Arxhof», sagt ein Mitarbeiter.

Cannabis-Konsum verharmlost

Damit nicht genug: Gegenüber den Mitarbeitenden soll Ulrich den Cannabiskonsum mit der Haltung von «es sind nur Buben», verharmlost haben. Gerne hätte die «Schweiz am Wochenende» darüber direkt mit Ulrich gesprochen. Doch auch hier schob Sicherheitsdirektor Reber seinen Generalsekretär vor. Mathis schreibt zu diesem Vorwurf: «Herr Ulrich macht keine solchen ‹Sprüche›.» Weiter schreibt er, dass sich die Sicherheitsdirektion gegen «die im anonymen Schreiben enthaltenen bösartigen Unterstellungen in aller Form verwahrt». Ulrich leiste «hervorragende Arbeit und geniesst unser uneingeschränktes Vertrauen».