Man stelle sich vor, wir müssten unseren Nachwuchs über Generationen im eigenen Dorf zeugen. Das hätte dramatische Folgen, die vereinfacht dargestellt so aussehen könnten: Spinnt ein kinderreicher Vater, spinnt irgendwann das halbe Dorf; hat eine hüftlahme Mutter viel Nachwuchs, hinkt eines Tages das halbe Dorf. Und eine Gemeinschaft aus hinkenden Spinnern stirbt relativ schnell aus.

Ähnlich geht es vielen Wildtieren: Althergebrachte Wildwechsel sind durch Strassen, Bahnlinien, Gebäude und Zäune nur noch unter Verlust an Leib und Leben nutzbar oder ganz unterbrochen, der genetische Austausch ist eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich. Inzucht macht sich breit.

Dass viele Wildtierkorridore fürs Wild gefährlicher geworden sind, widerspiegelt sich auch in der Baselbieter Jagdstatistik. Verloren vor zwei Jahrzehnten noch um die 400 Tiere jährlich ihr Leben auf den Baselbieter Strassen, sind es mittlerweile um die 600.

Der Bund monierte schon zu Beginn dieses Jahrtausends Handlungsbedarf, denn nur ein Drittel der 303 Wildtierkorridore von überregionaler Bedeutung in der Schweiz stufte das Bundesamt für Umwelt (Bafu) als intakt ein. 13 dieser überregionalen Korridore liegen im Baselbiet, 7 von ihnen erhielten vom Bafu die ungenügende Note «Zustand beeinträchtigt».

A2 ist grösste Barriere im Kanton

Mittlerweile hat der Kanton Baselland den Zustand der wichtigsten Wildtierkorridore vom Umweltbüro Nateco neu beurteilen lassen. Der Befund ist aus Sicht der Wildtiere niederschmetternd: Sechs Baselbieter Wildwechsel von überregionaler Bedeutung sind in die schlechteste Kategorie «weitgehend unterbrochen» abgerutscht (siehe Karte). Das heisst Reh, Wildschwein, Fuchs und Konsorten müssen für die Zirkulation grössere, vielfach tödliche Hindernisse überwinden, falls sie überhaupt überwindbar sind.

Daniel Zopfi von der kantonalen Jagdverwaltung kündigt an, dass die überregionalen und die wichtigsten regionalen Wildtierkorridore im Richtplan behördenverbindlich festgelegt werden sollen. Bis Ende Jahr soll eine entsprechende Vorlage in die Vernehmlassung gehen. Ziel ist, dass in den Wildtierkorridoren in Zukunft keine weiteren, für das Wild unüberwindbaren Hindernisse entstehen.

In einem zweiten, terminlich allerdings noch nicht fixierten Schritt sollen in den Korridoren sukzessive Hindernisse beseitigt werden und Vernetzungselemente wie Hecken oder einzelne Gebüsche, die den Tieren Schutz gewähren, angebracht werden. Das ist gerade auch dort wichtig, wo der Bau einer Wildtierpassage vorgesehen ist. Adrien Zeender, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bafu, sagt: «Es braucht diese Elemente als Leitstrukturen und Verstecke, damit die Tiere den Übergang finden und sich trauen, ihn zu nutzen.»

Die A2 ist bei Tenniken für Wildtiere unüberwindbar.

Die A2 ist bei Tenniken für Wildtiere unüberwindbar.

Deshalb investiere das Bundesamt für Strassen (Astra) bei Autobahnen nur Geld in Wildtierpassagen, wenn gesichert sei, dass die zuführenden Korridore planerisch freigehalten werden und wildgerecht ausgestaltet sind.

Im Baselbiet plant das Astra schon seit drei Jahren eine solche Passage bei Tenniken. Dort bildet die Autobahn A2 fürs Wild zwischen Sissach und Diegten einen praktisch unüberwindbaren Riegel.

Dass hier schneller Handlungsbedarf besteht, da sind sich die Fachleute einig. So sagt Zeender vom Bafu: «In Tenniken sollte mit dem Kanton bald eine Lösung gefunden werden.» Und seitens von Urs Chrétien, Geschäftsführer von Pro Natura Baselland, tönt es ähnlich: «Die Öffnung dieses einst wichtigen Wildtierkorridors hat für uns oberste Priorität im Kanton.»

Kanton auf der Kriechspur

Beim Kanton hat man es allerdings nicht so eilig. Daniel Zopfi relativiert: «Derzeit herrscht Stillstand. Da gehen noch ein paar Jahre ins Land, bis etwas realisiert wird.» Das Problem ist das Geld. Der Bund zahlt zwar eine Wildtierpassage über die Autobahn, der Kanton ist aber für die zuführenden Leitstrukturen fürs Wild sowie die Passage der Kantonsstrasse zuständig. Das würde den Kanton laut Zopfi zwei Millionen Franken kosten.

Mittlerweile steht zwischen Astra und Kanton eine zweitrangige Schmalspurvariante zur Diskussion. Andreas Rüegger von der für die Nordwestschweiz zuständigen Astra-Filiale Zofingen sagt zum Stand der Gespräche: «Ursprünglich war eine Wildtierbrücke über die Autobahn und die Kantonsstrasse geplant. Jetzt haben wir das Projekt Richtung Diegten verschoben und planen eine 35 Meter breite Wildunterführung unter der Autobahn durch. Nun ist der Kanton am Zug.»

Der Vorteil für den Kanton ist bei dieser Variante, dass er bei der Kantonsstrasse keine Wildpassage bauen muss, weil Autobahn und Kantonsstrasse weiter auseinander liegen und das Wild sich dazwischen verstecken kann. Nur: Aus wildbiologischer Sicht sind Überführungen für grössere Tiere klar besser als Unterführungen. Zeender vom Bafu begründet das damit, dass bei Unterführungen die Begrünung fehle und eine negative Tunnelwirkung vorhanden sei. Sie würden deshalb von Grosssäugern schlechter angenommen.

Explizite Gesetzesgrundlagen für die Erhaltung von Wildtierkorridoren gibt es im Übrigen keine. Diese für das Wild so wichtigen Räume verfügen lediglich über einen schwachen, indirekten Schutz durch das Jagdgesetz sowie das Natur- und Heimatschutzgesetz. Diese stipulieren, dass wild lebende Säugetiere respektive deren Lebensräume zu erhalten sind. Das ist der eine Grund, wieso die vielen ungenügenden Wildtierkorridore so zögerlich aufgebessert werden.

Der andere ist das Gerangel um die beschränkten Mittel. Womit nicht nur die Menschen, sondern auch die Wildtiere die knappen Kantonsfinanzen am eigenen Leib zu spüren bekommen.