Inmitten eines ansonsten leeren, hohen Raums hält eine Mutter ihren toten Sohn im Schoss. Ihr Blick ist gesenkt, das schlaffe Bündel von Kind verschmilzt mit ihrem Körper. «Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft» steht in einem in den Boden eingelassenen Schriftzug. Käthe Kollwitz’ Skulptur «Pietà» ist das Zentrum der Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland in Berlins Neuer Wache. Hier wird sämtlichen Kriegsopfern des vergangenen Jahrhunderts gedacht. Diese eine Mutter mit ihrem toten Kind verkörpert das Leid von Millionen.

Käthe Kollwitz in einem Porträt von 1928.

Käthe Kollwitz in einem Porträt von 1928.

Diese Bronzeskulptur in Berlin ist eine vergrösserte Kopie. Ein Original steht im Baselbiet im Eingang eines Einfamilienhauses. Es ist vier mal kleiner und hat auf einer Kommode Platz. Daneben ein Osterstrauss. Rechts hängen Jacken an einer Garderobe, ein Töffhelm liegt auf der Ablage. Vier Familienmitglieder gehen aus und ein. Hier wird nicht andächtig verharrt, hier wird gelebt. Neben und mit diesem Mahnmal an unermessliches Leid. Neben und mit Dutzenden im Haus verteilten Skulpturen, Drucken, Grafiken, Holzschnitten, Kohle- und Kreidezeichnungen von Käthe Kollwitz, eine der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts.

In diesem Haus in Baselland steht eine der grössten privaten Kollwitz-Sammlungen der Welt. Was die Skulpturen angeht, so gilt sie gar als eine der drei grossen Privatsammlungen neben denjenigen in Köln und Südafrika. Käthe Kollwitz ist seit Jahren die gemeinsame Passion der kunstinteressierten Besitzer, ein Ehepaar, das zwar die Werke nicht gerade versteckt, aber in einer Tageszeitung doch lieber anonym bleiben möchte. Sie haben das erste Mal einer Journalistin ihre Sammlung gezeigt.

«Nie wieder Krieg!». Ein Jugendlicher reckt seinen Arm in die Höhe, die linke Hand auf dem Herzen, die rechte zum Schwur geformt. Noch so ein ikonisches Bild von Kollwitz, diesmal ein Plakat, hängt an der Wand über der Kommode mit der Pietà. Kollwitz hat es 1924 geschaffen, als Aufruf für eine Massenkundgebung; dessen Teilnehmende warnten zehn Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor den Gefahren eines neuen Krieges. «Nie wieder Krieg!» – mit diesem Plakat ist die Kollwitzsammlerin aufgewachsen, es gehörte ihren Eltern. «Man spürt schon als Kind die Energie und Kraft, die da ist», sagt sie.

Ihr Sohn stirbt im Krieg

«Nie wieder Krieg!» schrieb, malte, forderte Kollwitz. Doch ihr ganzes Leben war Krieg. Schon als junge Frau interessierte sie sich für die deutschen Bauernkriege im 16. Jahrhundert; sie zeichnete die damals von Arbeit und Armut gezeichneten Bauern beim Aufbegehren gegen ihre Unterdrückung. Soziale Ungerechtigkeit trieb die Künstlerin um. Sie zeigte Empathie ohne Kitsch, zeigte, was war. Ohne Schonung. Mit ihrem starken, schwarzen Strich. Und immer wieder sind da die kräftigen, grossen, verlebten Arbeiterhände – vor allem von Frauen.

Im Ersten Weltkrieg verlor Kollwitz ihren jüngeren Sohn Peter, er war gerade 18 Jahre alt. Es war die Katastrophe ihres Lebens.

Und es wurde wieder Krieg: Im Zweiten Weltkrieg fällt ihr ältester Enkel, er hiess auch Peter. Kollwitz wird von den Nazis als Künstlerin kaltgestellt. Sie darf nicht mehr Kunst unterrichten, ihre Werke gelten als verfehmt. Die Nazis drohen ihr gar mit der Einweisung ins KZ. Die Hoffnung auf Frieden, für die sie steht, für den sie seit dem Tod ihres Sohnes als Künstlerin kämpft, erlebt sie selbst nicht mehr. Sie stirbt am 22. April 1945, wenige Tage vor Kriegsende. Sie wurde 77 Jahre alt.

Sie hatte das Ende lange herbeigesehnt. Zu ihrem Spätwerk gehören Selbstportraits mit ihrem eigenen Tod: als Skelett, oder als Hand, die sie heranruft. Zwei Bilder aus diesem Zyklus hängen derzeit in der Stube der Sammler. Der Tod im Wohnzimmer? «Es ist einfach stark», sagt der Sammler: «Schöne, gefällige Kunst interessiert uns nicht.» Kollwitz’ Hauptthemen – Krieg, Not, Leid, Hunger, Tod – seien immer noch täglich präsent, in den meisten Weltgegenden.

Der Zyklus «Tod» hängt nicht immer hier. «Wir wechseln ab. Sonst gewöhnt man sich an ein Werk und schaut es nicht mehr richtig an», sagen die Sammler. Auch Ausleihen ins Ausland bringen Bewegung in die Sammlung. Dieses Jahr sind die Werke besonders gefragt: Käthe Kollwitz würde am 8. Juli 150 Jahre alt; Ausstellungen in Köln, Berlin und Dresden gedenken dieses Jubiläums.

Gerade stehen mitten im Wohnzimmer zwei Holzkisten mit der Aufschrift «fragile». Darin werden zwei Skulpturen an eine Ausstellung nach Pirna bei Dresden transportiert: «Turm der Mütter» sowie «Mutter mit Kind über der Schulter» – die erste von Kollwitz geschaffene Skulptur, die erhalten geblieben ist. Das Sammlerpaar bietet gerne Hand, wenn ein seriöses Haus etwas ausleihen möchte: Diesmal hat es sogar die komplizierten Zoll-Formalitäten selbst erledigt, Leihgebühren verlangt es keine.

Das Durchgestrichene ist wertvoll

Auf dem Esstisch schlagen die Sammler eine Mappe mit sorgfältig gelagerten Blättern auf. Eine Zeichnung ist durchgestrichen, auf einem Druck steht «ungenügend». Es folgen Varianten derselben Szenen. Auf diesen Blättern kann man verfolgen, wie Kollwitz um die richtige Version ringt, wie sie etwas verwirft, nochmal von vorne anfängt. An manchen Werken hat sie jahrelang gearbeitet. «Dieser Entstehungsprozess interessiert uns ganz besonders», sagt das Ehepaar, «es gibt uns einen Einblick in ihren Kopf, ihre Denkweise.» So fasziniert die Sammler im Nachhinein, was Kollwitz nicht genügte.

Auch ihre Plakate, zur Entstehungszeit noch Gebrauchskunst, sind heute selten und wertvoll. «Nie wieder Krieg» gehört nicht nur inhaltlich zum Kern dieser Sammlung. Vom Kollwitz Plakat «Nieder mit den Abtreibungsparagraphen» – sie schuf es im Auftrag der Kommunistischen Partei – habe es damals Tausende gegeben. Heute seien noch deren sieben nachweislich erhalten. Eines davon liegt nun auf dem Esstisch. Es zeigt eine schwangere, ausgemergelte Frau mit einem Säugling im Arm, einem hungrigen Kleinkind am Rockzipfel. Für ein weiteres Kind reicht es nirgends hin.

So viele Anliegen für die Unterschicht in einem gutbürgerlichen Haus. Den Sammlern ist der Widerspruch bewusst. Anderseits sehen sie sich in der Verantwortung «ihren Beitrag zum Wohl der Gesellschaft zu leisten». Gut schweizerisch, gut protestantisch, gibt man nicht an mit dem, was man hat. Klassisch bürgerlich engagiert man sich. Beide sind sie mit grossen Kunstwerken aufgewachsen. Beide sind sie Juristen – «Gerechtigkeit ist ein Ziel, ein Motor, der uns antreibt im Leben».

Erste Frau an der Kunstakademie

Und beiden ist Gleichstellung von Mann und Frau wichtig. Auch Kollwitz war eine Feministin. Sie gehört zu den ersten Künstlerinnen, die Frauen konsequent in den Vordergrund rückte. Zeitgenössische Künstler erkannten sie als Ausnahmetalent. Nur der Kaiser, Wilhelm II., verwehrte ihr die goldene Medaille, diese würde «durch eine weibliche Preisträgerin herabgewürdigt», befürchtete er. Überhaupt war für ihn Kollwitz’ Kunst «Rinnsteinkunst». Und die Kaiserin Auguste Viktoria verlangte, dass das Kollwitz-Portrait einer verlebten Arbeiterin abgehängt werde, bevor sie die Deutsche Heimwerkerausstellung betrat. So durfte eine deutsche Frau nicht aussehen. Trotzdem wurde Käthe Kollwitz später das erste weibliche Mitglied an der Akademie der Künste, wurde dort sogar zur Professorin ernannt.

Beim Sammlerpaar eingeladen schlucken manche Besucher leer ob der dunklen Sujets, der expressionistischen Ausdrucksweise, erzählt das Paar. Zugleich hat es eben durch die Auseinandersetzung mit Kollwitz’ Werk interessante Freunde weltweit gewonnen - andere Sammler und Experten – Menschen, die ebenfalls von Kollwitz’ Werken berührt sind. Auch die drei Enkel hat das Ehepaar kennengelernt. Sie sehen Käthe Kollwitz ähnlich.