Der Basler Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels reagiert auf das Baselbieter Nein zur Entwicklungsplanung Leimental-Birseck-Allschwil (Elba). Ihm erscheint der Zeitpunkt günstig, ein Autobahnprojekt zu versenken, das er seit seinem Amtsantritt halbherzig vor sich herschiebt: den Gundeli-Tunnel. Wessels beginnt auf Anfrage diplomatisch: «Nach diesem überraschenden Entscheid müssen wir uns fragen, ob dieses Projekt überhaupt noch Sinn macht und ob wir uns nun nicht endgültig davon verabschieden sollen.» Die Antwort steht für ihn jedoch bereits fest, obwohl er anfügt, den Entscheid nicht alleine fällen zu wollen, sondern partnerschaftlich mit Baselland. Wessels sagt: «Das Projekt des Gundeli-Tunnels ist nun schon mehr als ein halbes Jahrhundert alt. In dieser Zeit war die Realisierung nie notwendig. Dies deutet darauf hin, dass kaum jemand darauf wartet und dass das Projekt keinen offensichtlichen Nutzen stiftet.»

Der Gundeli-Tunnel wurde vom Bund 1960 offiziell zum Teilprojekt des Nationalstrassennetzes erklärt. Vor drei Jahren schien der Durchbruch nahe: Die Basler Regierung kündigte ein generelles Projekt an. Sie argumentierte damals, ein Tunnel zwischen der Autobahnausfahrt Basel-City und dem Leimental würde das Gundeldinger Quartier vom Durchgangsverkehr befreien. Doch danach verschwand das Projekt wieder im Dunkel der Planungsschubladen. Die Regierung erklärte, dass sie die Verkehrsplanung Elba des Nachbarkantons abwarte. Darin ist ein Autobahnring um die Stadt eingezeichnet, der mit dem Gundeli-Tunnel verbunden werden könnte. Dieser macht aus Sicht der Basler Regierung nur als Teil dieser Gesamtplanung Sinn. Wessels analysiert das Baselbieter Nein: «In den nächsten Jahrzehnten ist eine stadtnahe Tangente unrealistisch. Deshalb ist derzeit jede Planung unvernünftig, die darauf aufbaut.»

Sabine Pegoraro (FDP), Baselbieter Verkehrsdirektorin, teilt Wessels’ Einschätzung nicht. Ihr Sprecher Dieter Leutwyler sagt: «Der Abstimmungsausgang vom 8. November liefert keinen Grund dafür, dass Basel-Stadt jetzt den Gundeli-Tunnel ad acta legt.» Die Baselbieter Regierung unterscheidet zwischen dem Landratsbeschluss und der Volksabstimmung zu Elba. Mit dem Referendum wurden nur der Planungskredit und der Richtplaneintrag gestrichen, die vom Landrat bewilligten Ausbauvarianten bleiben jedoch aus Sicht der Regierung gültig. An diesen hält sie nun fest; unbeeindruckt von der SP Baselland, die einen neuen Landratsbeschluss fordert.

Unterstützung erhält die Baselbieter Regierung von höchster Stelle. Das Bundesamt für Strassen (Astra) hat Basel-Stadt zwar bereits vor einem Jahr bei der Planung des Rheintunnels aufgefordert, den Gundeli-Tunnel «in Abstimmung mit Elba unverzüglich in Angriff» zu nehmen. Nun sagt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach: «Die Realisation des Zubringers Gundeldingen hängt aber nicht von Elba ab. Das heisst, aus unserer Sicht spricht auch nach dem Nein zu Elba nichts gegen eine rasche Realisation.»

Das Elba-Nein können Befürworter eines Autobahn-Ausbaus sogar als Argument für den Gundeli-Tunnel interpretieren: nämlich als Klärung der Varianten-Frage. In den Elba-Plänen sind zwei Streckenverläufe einer stadtnahen Tangente eingezeichnet. Die Alternative zum Gundeli-Tunnel ist eine Strasse unter dem Bruderholz, die in Münchenstein in den Hügel sticht. Da diese Lösung auf Baselbieter Boden nun gestrichten ist, bleibt nur noch ein Tunnel auf städtischem Grund. Martin Dätwyler, stellvertretender Direktor der Handelskammer beider Basel, sagt: «Der Gundeli-Tunnel ist am weitesten fortgeschritten und kann mit einer grossen Beteiligung des Bundes rechnen. Deshalb wäre es ein grosser Fehlentscheid, wenn die Regierung den Gundeli-Tunnel jetzt sterben lassen würde.» Dank des Netzbeschlusses aus dem Jahr 1960 würde der Bund zwei Drittel der geschätzten 600 Millionen Franken übernehmen. Dätwyler verlangt, dass die Regierungen nach dem Elba-Nein nun «behutsamer vorgehen und die Engpässe schrittweise beseitigen». Eine stadtnahe Tangente sollte bei beiden Regierungen weiterhin «eine hohe Priorität» haben, fordert er.

Zu Wessels’ Argument, dass es sich um ein veraltetes Verkehrsprojekt des vergangenen Jahrhunderts handle, sagt Dätwyler: «Es mag sein, dass der Gundeli-Tunnel von den Projektanforderungen her überholt ist. Dann müssen ihn die Regierungen aber wieder fit machen.»

Steht Wessels nach der geballten Kritik von Wirtschaft, Bund und Nachbarkanton alleine da? Immerhin kann er diesmal auf die Unterstützung des rot-grünen Lagers zählen, das ihm sonst oft vorwirft, eine zu wenig linke Verkehrspolitik zu machen. SP-Grossrat Otto Schmid hat diese Woche im Rathaus Unterschriften für einen Vorstoss gesammelt. Er verlangt, dass der Bund den Netzbeschluss von 1960 aufhebt. Nur Grüne, SPler, und GLPler haben unterschrieben. Für Wessels wäre es einfacher, die Tunnel-Pläne nun wieder zu schubladisieren anstatt sie offiziell zu streichen.

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