Ich? Wichtig? Quatsch! «Andere Basler sind wichtiger», sagt Minu. Er sei, hmmm, er wisse auch nicht so recht, aber sicher nicht der wichtigste Basler. Gut, dann lassen wir das so stehen. Ist wohl eine Definitionsfrage. Fest steht: Alle kennen ihn. Seit Jahrzehnten ist er an jeder Fasnacht Schnitzelbank-Sujet.

Seine «Gschichtli», wie er die Kolumnen nennt, werden seit 50 Jahren rege gelesen. Seit seiner Jugend kann er nicht mehr durch Basel gehen, ohne von Fremden angesprochen zu werden. Das schafft sonst keiner, kein Politiker, kein Künstler, nur King Roger, aber der ist ja wichtigster Baselbieter.

Bevor Minu die Speisekarte aufschlägt, fragt ihn Wirt Peter Wyss, ob er Lust auf Spargeln an einer Sauce Vinaigrette hätte. Minu hat Lust. Und möchte Mineralwasser dazu. Alkohol ist kein Thema, heute nicht – und sonst nicht. «Ich mag Alkohol nicht.» All die Anlässe, die er für seinen Traderaklatsch besucht hat, erlebte er nüchtern. Trotzdem bekam er oft Bauchweh. Unter dem Klatsch, sagt er, habe er gelitten.

Eigenes Leben als Inszenierung

«Die Erwartungen der Leute waren riesig, viele waren beleidigt, wenn ich sie erwähnt habe – und noch beleidigter, wenn sie nicht vorkamen.» Es sei die meistgelesene BaZ-Kolumne gewesen, «die niemand las». Das Bauchweh ist weg, seit er den Klatsch vor einigen Jahren durch das Porträt-Gefäss «Zu Tisch mit -minu» ersetzt hat. Da trifft er eine Persönlichkeit zum Essen und holt aus ihr heraus, was sie sonst kaum jemandem erzählt. Jetzt, im Restaurant Schützenhaus, ist es mal umgekehrt.

Sein Vater war Drämmler, die Mutter Hausfrau, Minu das einzige Kind. Wenn der Vater mit dem Tram am Allschwilerplatz vorbeifuhr, klingelte er. Und Minu und die Mutter winkten am Fenster. Die Eltern stritten sich nie wegen Alltäglichem, nicht mal dann, wenn der Vater anderen Frauen schöne Augen machte und mehr. «Meine Mutter lebte mir Toleranz vor», sagt Minu.

Bloss die Politik verleitete die Eltern zu heftigen Wortgefechten. Der Vater, Gewerkschafter und SP-Grossrat aus dem Arbeitermilieu, und die Mutter, eine Liberale im Geiste aus gutem Haus, waren sich nie einig. Für Minu war klar: «Mit Politik will ich nie etwas zu tun haben.» Er hätte sich in seinem Journalistenleben oft mit politischen Meinungen Gehör verschaffen können, die Basler wären ihm gefolgt. Doch er zog es stets vor, aus seinem Leben zu berichten, über «Innocent» zu schreiben und über den Alltag. Bis heute. «Eine Zeitung muss ihren Lesern ermöglichen, auch einmal durchzuatmen.»

«Die kleine und grosse Welt wurde mehr und mehr zur Bühne, sein Leben zu einer Inszenierung», sagt der langjährige BaZ-Chefredaktor Hans-Peter Platz, mit dem Minu eine enge Freundschaft pflegt. «Popularität ist für Minu eine Daseinsform, die er genauso schätzt wie verabscheut und die ihn zu Fluchten und Ortswechseln animiert.»

Krankenpfleger-Dienst aus Liebe

Die meiste Zeit des Jahres verbringen Minu und sein Lebenspartner in Italien «auf der Insel», wo sie ein Anwesen mit Meersicht besitzen. Die letzte «Flucht» verschlug die beiden nach Wien. Minu wollte den autobiografisch gefärbten Roman «Die rosa Seekuh» schreiben. Doch «Innocent» brach bei einem Sturz das Becken und musste zurück nach Basel gebracht werden.

Schriftsteller Minu wurde zum Krankenpfleger und die Seekuh auf Eis gelegt. Aber egal, was für eine Geschichte er in dem Roman erzählen wird, am Titel wird sicher nicht gerüttelt. Aus gutem Grund.

Der Hengst, der eine Seekuh ist

Als Minu am 16. Juni 1947 im Basler Frauenspital zur Welt kam, steckten ihn die Hebammen in ein rosafarbenes Gewand. Das war üblich damals in Basel, die Buben rosa, die Mädchen blau. «Eigentlich hätte blau besser zu mir gepasst, schliesslich habe ich mich nie ganz als Buben gesehen», sagt Minu. Die Story mit der Seekuh spielte sich in seiner späten Jugend in Rom ab. Minu nahm Italienisch-Unterricht, um nach der gescheiterten Matur doch noch irgend ein Diplom in der Hand zu haben.

Nach einem Abend in der Stadt nahm er ein Taxi. Dieses fuhr jedoch nicht zu seinem Hotel, sondern in eine Strasse voller parkierter Autos. Minu fiel sofort auf: «Die Autos bewegten sich, sie gingen auf und ab, und auch sonst war viel los in der Strasse, die einen schmusten, die anderen taten mehr, in den Autos, auf den Autos, überall. Es war kein Strich, das war mir klar, da waren alles Leute, die zu Hause nicht durften oder konnten...». Der Taxifahrer packte Minu, dieser liess es zu. Aufregend war es, spannend. Und das Beste: «Er sagte ständig ‹lamantino, lamantino›. Ich dachte: Wow, ich bin ein Hengst!» Später im Hotel schlug Minu sofort das Wörterbuch auf. «Die Seekuh», las er.

Peter Wyss stellt einen Teller mit Chratzete zu den Spargeln. Auf der Karte fehlt die omelettenartige Beilage aus dem Badischen. «Das bekommt nur Minu», sagt Wyss. Sonderbehandlung für einen, der im Gegensatz zu anderen «Schützenhaus»-Gästen unregelmässig auftaucht: Auch, wenn er nicht gerade «auf der Insel» weilt oder um die Welt reist ist er nicht das, was man sich unter einem Gesellschaftsmenschen vorstellt. «Ich bin gern mit Hölzli daheim.»

Gute Erfahrungen als Schwuler

Vor 48 Jahren zog das Paar zusammen, vor zehn Jahren liess es die Partnerschaft eintragen. Für Minu war sein Schwulsein nie ein Problem. Die Eltern haben es nicht nur akzeptiert, sondern ihn auch aufgefordert, seine Lieben nach Hause zu nehmen, «egal, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist».

Bei Hölzli war das anders. Als er Anfang der 40er Jahre Teenager war, war Minu noch nicht mal geboren. Die Eltern wünschten sich für den Sohn eine Frau, Kinder, ein normales Leben. Und als er schon längst Anwalt war und seit Jahren mit Minu zusammen, glaubte er eines Tages, doch eine Familie gründen zu müssen. «Meine Mutter hat ihm Beine gemacht», sagt Minu, «und Hölzli hat seine Idee von sich aus verworfen».

Ihm selber habe die Mutter befohlen, sich ja anständig zu verhalten, wenn der reumütige Liebste zu ihm zurückkehrt. Denn Minu, das weiss keiner besser als sein ehemaliger Chef, kann cholerisch sein. «Auf Enttäuschungen und Unrecht reagiert er gelegentlich auch mit Wutausbrüchen. Diese muss man erlebt haben, um daran zu glauben», sagt Hans-Peter Platz. Er glaubt, Minu kaschiere damit Verletzlichkeit.

Ist nach einer Tänzerin benannt

Und wahrlich, das zarte Wesen, das Verletzliche vielleicht, kommt bei allem, was Minu erzählt, zum Ausdruck. So weiss er noch genau, wie ihn eine Tänzerin aus einem Roman, den er in der Schule lesen musste, faszinierte. Das Weibliche, das Tanzen generell, das ist seine Welt. Die Figur hiess Minou. Und da es bei der «National-Zeitung», für die er schon als Schüler «Gschichtli» schrieb, bereits einen Journalisten mit dem Kürzel «hph» gab, durfte sich Hans-Peter Hammel ein Pseudonym aussuchen. Er nannte sich -minu ohne ou, dafür mit einem Strich davor, wie es sein Idol -sten vormachte.

Der Kolumnist Hanns U. Christen wäre dieses Jahr 100 Jahre alt geworden. Und würde er noch leben, würde ihn Basel feiern. Minu ist mehr als ein würdiger Nachfolger, doch hat er nicht vor, seinen Geburtstag in der Heimat zu feiern. Die Insel ruft, die Stille, und das leere Papier, das auf die Geschichte über eine rosa Seekuh wartet. Es wird die Geschichte des wichtigsten Baslers.