Martin Wagner war gewarnt. Das Angebot, für 200 Millionen Franken dem Ringier-Konzern die «Blick»-Gruppe abkaufen zu wollen, werde heftige Reaktionen auslösen. Prompt leakten Eingeweihte aus der Ringier-Zentrale die Information an die «NZZ am Sonntag», um den Deal zu verhindern: Der Anwalt und Medienunternehmer Wagner soll Strohmann rechtskonservativer Kreise sein, die angeführt vom Zürcher SVP-Automobilimporteur Walter Frey sich der links-liberalen Boulevardzeitung bemächtigen wollten.

Dabei ist für einmal Wagners Version, wie er sie im Gespräch erzählt, zu glauben: Hinter dem Übernahmeangebot stehe keine politische Hidden Agenda, sondern der Plan, aus dem «Blick» eine Sport- und Entertainmentplattform zu machen mit Anbindung an Social Media. Ob für das Unterfangen tatsächlich eine internationale Investorengruppe bereitsteht, können zwar selbst enge Mitarbeiter nicht zweifelsfrei bestätigen. Doch belegt ist: Wagner hegt seit Jahren den Traum eines Unterhaltungskonzerns, in dem die Vermarktung von Sportanlässen ebenso dazu gehört wie die Herausgabe von Zeitungen.

Bereits als Wagner kurzzeitig «Verleger» der «Basler Zeitung» war, skizzierte er mit schnell gezückter Füllfeder auf einem Stück Papier die Konzernidee: Die Regionalzeitung sollte es weiterhin geben, doch aufbauend auf der Verlags- und Redaktionsstruktur wäre das eigentliche Geschäft die Organisation, Vermarktung und multimediale Promotion von Sport- und Unterhaltungsevents geworden.

Mit der Highlight Event and Entertainment (HLEE, vormals Escor) stand der börsenkotierte Firmenmantel bereit, um weitere Investoren ins Boot zu holen. Doch Christoph Blocher hat mit Sport nichts am Hut, nun hat Wagner die Pläne reaktiviert und den «Blick» im Visier.

Wagner darf allerdings nicht überrascht sein, wenn der politischen Verschwörungstheorie eher geglaubt wird als seinen Sportambitionen. Zu häufig schon haben sich seine Ankündigungen in Luft aufgelöst oder sind hinter kunstvoll aufgeschichteten Wolkengebilden rechtskonservative Geldgeber aufgetaucht. Doch der Reihe nach.

Wagners Geschichte ist untrennbar mit dem Medienunternehmer und designierten FCB-Präsidenten Bernhard Burgener verbunden. Ihr Verhältnis ist so untrennbar, wie das eines Hundes zu seinem Schwanz, wobei Bekannte kalauern, nicht immer sei klar, ob es Burgener ist oder Wagner, der wedle. Als Burgener als kleiner Videohändler sein Geschäft unglücklich an Ringier verkauft, sei er ihm beim Rückkauf erstmals zur Seite gestanden, erzählt Wagner.

Als Burgener in Verdacht geriet, mit Raubkopien zu handeln, hielt ihm Wagner den Rücken frei. Wenn Burgener sich nun als FC  Basel-Präsident präsentiert, konstruiert Wagner die rechtliche Struktur. Spielt Burgener den harmlosen, leicht chaotischen Good Guy, übernimmt Wagner den Part des diabolischen Bad Guys. Einmal prescht der eine vor, der andere folgt, mal geht der andere voran. Beim FC Basel ist Burgener vorstellig geworden, beim «Blick» ist es Wagner.

Mit Burgener spielt Wagner auf der internationalen Bühne des Films (Constantin) und der Sportvermarktung (Team Marketing). Und doch ist er auch eine lokale Figur geblieben, wohnhaft mit Frau und drei Kindern in einer Villa in Rünenberg. Trotz anderweitiger Millioneneinkünfte agiert er als Lobbyist des regionalen Autogewerbes oder der Wirtschaftskammer Baselland – als ein Zögling von Hans Rudolf Gysin, der ehemals Grauen Eminenz des Baselbiets, FDP-Nationalrat und Boss der Wirtschaftskammer Baselland.

Wagner war junger Anwalt der Kanzlei von Markus Bürgin, als Gysin auf ihn aufmerksam wurde. Er verhalf Wagner zum ersten Medienengagement, als es galt, das konkursreife Lokalradio «Raurach» zu sanieren. Wagner holte Burgener, der den Sender in «Edelweiss» umbenannte.

Instinktsicher nimmt Wagner den Pfad, der ein Mehr an Macht und Einfluss verspricht. Bei erstbester Vakanz schlüpfte er in die Rolle des Rechtskonsulenten der Verlegerfamilie Hagemann («Basler Zeitung»). Dieser verhalf er zum Ausstieg bei der defizitären Zürcher Verlagsgruppe Jean Frey («Weltwoche», «Beobachter», «Bilanz»). Erste Käuferin war die Privatbank Swissfirst von Thomas Matter, der die Aktien an rechtskonservative Kreise um Tito Tettamanti weitergab und damit Wagners Ruf als politischer Steigbügelhalter begründete.

Für Wagner öffnete sich mit dem Deal ein neuer, einflussreicher Bekanntenkreis. Über Matter, dem er in jungen Jahren in Sissachs Nachtleben ironischerweise die Freundin ausgespannt hatte, lernte er nun den rechtskonservativen Geldadel kennen, dem Tettamanti ebenso angehört wie Christoph Blocher.

Das Muster seines Aufstiegs verstetigte sich: Als Vertreter der Verkäufer geht Wagner in die Verhandlung, am Ende vertritt er die mächtigere Käuferseite. Er blieb im Verwaltungsrat der Jean Frey nach dem ersten Verkauf an Tettamanti & Co. und nach dem Weiterverkauf an den deutschen Axel-Springer-Verlag. Selbst nach der Zusammenlegung mit Ringiers Zeitschriften, konnte sich Wagner noch für eine beschränkte Zeit als Rechtskonsulent halten.

Die Rolle des mandatierten Anwalts genügte Wagner immer weniger. Er will selbst am grossen Rad drehen. Er offenbarte sich als neuer Inhaber von «Radio Basilisk», als die Tamedia den Sender abstiess und holte Burgener wie Roger Köppel in den Verwaltungsrat. Dass Wagner damit Kulissenschieberei betrieb, zeigte sich, als er das Radio an die Familie Hagemann abtrat – und sich gleichzeitig als neuer «Verleger» der «Basler Zeitung» inszenierte.

Beim Verkauf der «Basler Zeitung» wechselte Wagner nicht nur als Hagemanns-Anwalt zur Käuferseite, er gab sich neben Tettamanti auch gleich als neuer 25-Prozent-Teilhaber aus. Nachdem jedoch offensichtlich geworden war, dass Christoph Blocher hinter dem Konstrukt steht, startete Wagner eine abenteuerliche Abgrenzungsaktion gegenüber den SVP-Kreisen: Er schimpfte Blochers Verhalten in Medienberichten als «menschenverachtend» und «demokratiefeindlich». Und er kandidierte – obwohl im Kern apolitisch und ohne Chance – auf der Liste der FDP Baselland für den Nationalrat.

Nach normalmenschlichem Empfinden wäre der Draht zwischen Blocher und Wagner nach den Attacken durchschnitten, was aber nicht so ist: Nach kurzer Karenz wurde Wagner wieder Rechtskonsulent von Blochers «Basler Zeitung». Nur das Mandat bei Köppels «Weltwoche» hat er verloren.

Wagner verhöhnt und versöhnt. Sein Verhalten ist rational zuweilen kaum zu verstehen. Ein langjähriger Auftraggeber sagt: «Ihm fehlt wohl ein Gen.» Nach kürzester Zeit verliess er die Anwaltskanzlei Bratschi Wiederkehr & Buob im Zerwürfnis und mit dem Argument, er könne als Medienanwalt nicht vertreten, mit welchen Mitteln diese Kanzlei presserechtlich gegen Journalisten vorgehe.

Gleichzeitig verschickt er vorab juristische Abmahnungen, wenn er den Eindruck hat, ein Medienbericht könne kritisch ausfallen. Er führt gegen eine missliebige Person eine öffentliche Diskreditierungskampagne, um für sie bei nächster Gelegenheit freundlichste Worte zu finden. Das Rollenspiel ist ihm zur Identität geworden.

Er sagt im Gespräch: «Ich habe ein grosses Lästigkeitspotenzial.» Bewusst fuchtelt er mit dem rhetorischen Zweihänder, erzeugt Druck, so komme er schneller zum Deal. Denn die zweitbeste Lösung auf die Schnelle ist ihm lieber als eine beste Lösung in zwei Jahren. Ob ein Vertrag gilt oder nicht, ist eine Frage der damit Opportunitätskosten. Er sei «lösungsorientiert», sagt Wagner, was sich angesichts der Ausfälle seltsam anhört.

Der «Blick»-Kauf ist eine Idee, wie Wagner schon viele hatte. In einem Joint Venture wollte er das US-Magazin «Runway» in Europa lancieren. Er akquirierte die britische Online-Plattform «Inside World Football», die weitergeschoben wurde. Nun rückt das Projekt FC Basel in greifbare Nähe. Seine derzeit opportune Antwort: Das sei Burgeners private Sache. Er führe nur die Vertragsverhandlungen.