Von Aline Wanner und Valentin Kressler

Anita Lachenmeier (54) ist eine Reizfigur in Basel. Eine, der es immer wieder gelingt, mit schrägen Ideen und hartnäckigem Engagement Aufmerksamkeit zu erregen. Lachenmeier hasst oder liebt man. 2007 wurde sie in den Nationalrat gewählt – vier Jahre später wieder abgewählt. Nun ist Lachenmeier definitiv zurück auf der Politbühne: Ihr Comeback im Grossen Rat ist gelungen. Seit einigen Monaten agiert Lachenmeier als Fraktionschefin des Grünen Bündnisses.
Die Politikerin empfängt zum Gespräch in ihrem Haus im Herzen von Kleinbasel, wo sie zusammen mit ihrer Familie lebt. Die Lachenmeiers, eine Kleinbasler Institution. Von ihrer Terrasse aus überblickt Anita Lachenmeier die Stadt und vor allem: «ihr» Quartier.

Frau Lachenmeier, an der Fussball-WM im Sommer gibt es bei Ihnen keinen Biergarten mehr wie in den vergangenen Jahren. Warum nicht?
Anita Lachenmeier: Das Problem sind vor allem die Spielzeiten. Die Spiele beginnen spät, um 22 Uhr und 24 Uhr. So ist es kaum möglich, den Garten zu betreiben. Ausserdem sollte hier im Quartier um 24 Uhr Ruhe einkehren.

Mit dem Biergarten haben Sie im Kleinbasel eine Attraktion geschaffen. Sonst verhindern Sie lieber. Zum Beispiel das Tattoo.
Ich wollte das Tattoo nie verhindern, sondern die Wiese für das Quartier freihalten. Das war wichtig: In dieser Woche habe ich an einem Nachmittag 150 Leute dort gezählt. Der beliebteste Platz im Quartier soll nicht mit WC-Anlagen verstellt werden.

Sie wurden für Ihre Einsprache heftig kritisiert.
Ja, aber vor allem von Leuten, die nicht aus Basel sind: von Baselbietern, Neuenburgern, Innerschweizern. Also solche, die keine Ahnung haben, worum es eigentlich geht. Aus dem Quartier hingegen habe ich viel Zuspruch erhalten.

Sie leben nun seit dreissig Jahren hier. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Am stärksten hat sich das Rheinbord verändert: Das ist heute wahnsinnig belebt. Früher hatten wir den Flora-Beach beinahe für uns alleine. Der öffentliche Raum wird viel stärker beansprucht, aber die Flächen nehmen nicht zu. Im Gegenteil.

Als Wohnquartier ist das Untere Kleinbasel vor allem für Familien aber nach wie vor unattraktiv.
Das finde ich nicht. Viele Leute mit Kindern sind hierher gezogen. Unter ihnen auch etliche im mittleren und oberen Einkommensbereich.

Welchen Einfluss haben neue Projekte wie der Roche-Turm, das Erlenmattquartier oder die Kasernen-Öffnung auf das Quartier?
Im Wettsteinquartier gibt es Häuser, in denen nur noch Roche- und Novartis-Angestellte wohnen. Das ist ein Problem. Die Chemie zieht viele Hochqualifizierte an, die Mietzinse steigen. Bei der Erlenmatt zeigt sich ein ähnliches Phänomen: Es fehlt die Durchmischung.

Weshalb ist das so?
Die Regierung hat es verpasst, rechtzeitig eine Schule zu bauen. Wenn der Riehenring so stark befahren ist, können Kinder die Strasse nicht überqueren.

Eine Fehlplanung.
Es lief schon vieles schief. Der Kanton hätte sich aktiver einbringen müssen, dafür sorgen müssen, dass es mehr Genossenschaftswohnungen gibt und mehr günstigen Wohnraum.

Diese Woche hat Regierungspräsident Guy Morin an einer Pressekonferenz der Grünen in Bern die Basler Stadtentwicklung gelobt. Als Positiv-Beispiel nannte er die Erlenmatt.
Ja, aber die Erlenmatt zeigt ebenso, dass Verdichtung Grenzen hat. Auch dort mussten wir für Grünflächen kämpfen. Das Problem der Stadtentwickler ist, dass sie nicht auf die Idee kommen, im Neubad, im Gellert oder auf dem Bruderholz zu verdichten. Immer wird dort verdichtet, wo es schon dicht ist. Der Claraturm ist so ein Negativ-Beispiel.

Aber genau das fordern doch die Grünen: bauliche Verdichtung in Städten. Und dazu gehören Hochhäuser.
Nein. Verdichten kann auch heissen, anstatt zwei drei oder vier Stockwerke zu erlauben. Blockrandumbauungen mit etwa sechs Stockwerken erachte ich als ideal für dichte Wohnquartiere.

Was haben Sie gegen Hochhäuser?
Sie sind als Wohnhäuser nicht attraktiv, weil meist Grünfläche fehlt. Als Geschäftshäuser eignen sie sich vielleicht, aber sie werfen Schatten. Ausserdem stören sie das Stadtbild. Ich finde, in Basel braucht es keine Hochhäuser mehr.

Die Grünen sind seit acht Jahren mit Guy Morin in der Regierung und hätten es in der Hand, gute Stadtentwicklungspolitik zu machen. Was läuft falsch?
Die Erlenmatt wurde schon vor Guy Morins Zeit aufgegleist. Ausserdem ist es kein schlechtes Projekt. Das Problem ist, dass der Kanton es aus der Hand gegeben hat. Das darf beim Hafen nicht passieren. Dort kann Guy Morin seine Ideen einbringen und verwirklichen. Ich denke etwa an die Zwischennutzungen. Zudem dürfen wir die Entwicklung nicht einzelnen Investoren überlassen. Dafür werden wir uns einsetzen.

Sie bezeichnen die Zwischennutzungen beim Hafen als grössten Erfolg der grünen Regierungspolitik?
Nein, nein. Ich habe ja erst mit Aufzählen begonnen.

Unsere These: Die grüne Regierungspolitik ist in Basel nicht sichtbar.
Die Regierung besteht aus sieben Politikern und keiner sagt öffentlich, was er wirklich denkt. Alle verstecken sie sich hinter dem Kollegialitätsprinzip. Einer allein kann sich nicht durchsetzen.

Mit anderen Worten: Morin wird von den SP-Regierungsräten im Stich gelassen?
Zumindest beim Thema Verkehr merkt man nicht viel von einer rot-grünen Regierung. Hier treten wir seit Jahren an Ort. Wenn ich mit dem Velo in der Stadt unterwegs bin, fällt mir immer wieder auf: Jede Kreuzung ist autoorientiert. Über Ostern haben mein Mann und ich eine Velotour rheinabwärts gemacht. Strassburg oder Karlsruhe sind viel velofreundlicher als Basel. Eine Folge davon ist, dass immer weniger Kinder und Jugendliche Velo fahren.

Guy Morin und auch Hans-Peter Wessels haben keine Probleme: Sie sind leidenschaftliche Velo-Fahrer.
Das sind erwachsene Männer, die sich im Verkehr durchsetzen können. Unsere Kinder haben mit zwölf Jahren noch alleine durch die Stadt fahren können. Heute ist das Zwölfjährigen leider kaum mehr möglich.

Am 18. Mai haben Sie die Möglichkeit, hier Gegensteuer zu geben, indem Sie bei der Regierungsrats-Ersatzwahl der Grünliberalen Martina Bernasconi die Stimme geben.
Ich weiss noch nicht, wen ich wählen werde.

Das glauben wir nicht.
Das ist so. Gerade der letzte Vorstoss von Martina Bernasconi, mit dem sie das Konzept für eine verkehrsfreie Innenstadt aufweichen wollte, hat mich schon sehr enttäuscht. Bei den Grünliberalen weiss man nicht, wofür sie stehen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Regierung mit Martina Bernasconi grüner würde als mit CVP-Kandidat Lukas Engelberger. Von ihrem Wähleranteil her steht der CVP zudem eher ein Sitz zu.

Sie werden also Engelberger wählen?
Ich weiss es wirklich noch nicht. Vielleicht lege ich auch leer ein. Was ich sicher nicht tun werde, ist Eduard Rutschmann von der SVP wählen.

SP-Ständerätin Anita Fetz sagte, Engelberger soll sich lieber um seine drei kleinen Kinder kümmern. Hätten Sie, als Ihre drei Kinder noch klein waren, für die Regierung kandidiert?
Nein, das war für mich nie ein Thema. Das Argument von Anita Fetz ist aber ein vorgeschobenes. Als SP-Finanzdirektorin Eva Herzog erstmals für die Regierung kandidierte, hatte sie auch zwei kleine Kinder und Anita Fetz hat sich dazu nicht geäussert. Die Betreuung der Kinder lässt sich gut organisieren.

Sie haben vorhin gesagt, vom Wähleranteil her hätte die CVP eher Anspruch auf einen Regierungssitz als die Grünliberalen. Am ehesten Anspruch hätte demzufolge die SVP. Warum gestehen Sie das der Partei nicht zu?
Die SVP ist für mich keine Regierungspartei. Sie stellt sich oft quer und benennt Probleme, die keine sind. Zudem hat die SVP bisher noch keinen Kandidaten aufgestellt, der das nötige Profil für einen Regierungsrat mitbringt.

Auch die Grünen haben ein Personalproblem. Es fehlt ein Nachfolger für Guy Morin.
Das sehe ich anders. Wir haben mehrere geeignete Personen: Michael Wüthrich, Thomas Grossenbacher oder Elisabeth Ackermann.

Und Mirjam Ballmer?
Sie auch, ja. Sie ist jetzt noch ein wenig jung dafür.

Wie steht es um Ihre eigenen Ambitionen? Kandidieren Sie 2015 noch einmal für den Nationalrat?
Nein. Ich hoffe aber sehr, dass wir den an die CVP verlorenen Sitz wieder zurückerobern können.

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