Herr Handl, was ist eine «Ideal Org»?
Das ist ein Flagschiff der Sekte, mit dem sie sich protzig darstellen will.

Weshalb nun Basel?
Da haben mehrere Zufälle gespielt. Es wurde ein Gebäude gefunden, zudem gibt es in Basel Scientologen, die im Immobilien-Sektor arbeiten.

Zürich zählte mehr Scientologen.
Scientology nimmt keine Rücksicht darauf, ob es Mitglieder gibt oder nicht. In Berlin wurde der erste dieser Kästen eröffnet, aber da gab es so gut wie keine Scientologen. Finanziert wurde der noch von der Zentrale in Amerika. In Basel wurden die Mitglieder ausgepresst.

Spielt die Grenze eine Rolle?
Nein. Das Herz von Scientology schlägt am Claraplatz. Dort beschafft Scientology die frischen Leute direkt von der Strasse. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dies nicht so passiert, wie es im Basler Gesetz vorgesehen ist. Die Leute werden mit Persönlichkeits- oder Stresstests akquiriert.

In Ihrem Blog hat die Basler «Ideal Org» eine eigene Sparte. Weshalb?
Gerade in Basel sind viele Ex-Scientologen aus ihren Löchern gekommen und wollen jetzt endlich etwas gegen Scientology unternehmen. Da kommt Bewegung rein.

Wie werten Sie diesen Widerstand?
Er ist extrem wichtig. Was jetzt in der Schweiz und insbesondere in Basel stattfindet, hat es im deutschsprachigen Raum noch nie gegeben. Das Gute ist, dass man ein Bewusstsein entwickelt. Denn gegenüber Scientology kann man nicht neutral sein, man muss Stellung beziehen.

Gehört Scientology verboten?
Wenn jemand zu Scientology will, dann wünsch ich ihm viel Spass. Ich bin kein Warnschild oder Verbotsschild. Ich gehöre auch nicht zu diesen Verteufelungsfanatikern. Scientology ist ein Pickel von vielen. Wenn es Scientology nicht gäbe, dann gäbe es etwas anderes.

Wie sehen Sie Ihre Rolle?
Als meine Aufgabe sehe ich es, richtige und wichtige Daten einzubringen. Zum Beispiel, dass man sagt: Es ist falsch, Scientology zu verbieten. Was man aber verbieten sollte, ist das Kreuz. Das Kreuz ist ein Betrug. Man kann die sogenannten «Reinigungsprogramme» verbieten, die gegen die Schweizer Vitamingesetze verstossen. Was man verbieten sollte, ist die Verwendung des Lügendetektors. Die Scientologen können in der Psyche rumwerkeln, und ich weiss, wie so was abläuft.

Ist Scientology gefährlich?
Scientology ist eine autoritäre und faschistoide Bewegung. Ein Scientologe ist ein extremer Fanatiker. Er sagt: «Ich kämpfe für die Unsterblichkeit und die geistige Freiheit» und er glaubt, was er sagt. Scientologen meinen tatsächlich, sie seien weltweit die Einzigen, die die Welt retten können. Das ist aus meiner Sicht gefährlich.

Die Breitenwirkung ist gering.
Es kann jeden treffen. Wer in einer Sinnkrise steckt, ist für Scientology grundsätzlich ansprechbar. Wenn man in dieser Zeit über den Claraplatz geht, kann es passieren, dass man in die Fänge der Sekte gerät.

Wie kamen Sie dazu?
Ich war der klassische Fall: Ich wollte mich einfach informieren. Tom Cruise und ich haben die Gemeinsamkeit, dass wir beide über unsere Freundinnen in die Sekte kamen. Und da war noch der Musiker Chick Corea. Das hat mich fasziniert, und die Leute sind freundlich. Da läuft niemand mit einem Schwefelwölkchen über dem Kopf herum, keiner hat Bocksbeine.

Wie kam es zu Ihrem Ausstieg?
Meine Zweifel kamen schon 1988, als ich die Stufe «clear» erreicht hatte. Aber ausgestiegen bin ich erst 2002, was zeigt, was mit einem passiert, wenn man drin ist: Den Gruppendruck darf man nicht unterschätzen. Jeder Scientologe weiss auch: Wenn er aussteigt, dann wird er einsam, dann verliert er alles. Von meinen 300 Handykontakten hatte ich nach dem Ausstieg noch zwei.

*Wilfried Handl (61) war 23 Jahre lang aktiver Scientologe. 2002 stieg er aus. Mittlerweile ist er im deutschsprachigen Raum ihr erster Kritiker. Auf seinem Blog macht er auf die Aktivitäten der Sekte aufmerksam und veröffentlicht Informationen, die ihm zugespielt werden. An der Gegendemonstration trat Handl als Sprecher auf.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper