Basler gifteln gern über die Serra-Skulpur, die auf dem Theaterplatz steht. «Pissoir» und «Schrotthaufen» nennen sie manche. Andere hingegen beschwören seit der Installation vor 22 Jahren die Qualität des Werks von US-Künstler Richard Serra. Nun haben sich die Verehrer und die Hasser unverhofft gefunden. 28 Grossrätinnen und Grossräte haben einen Vorstoss von Heiner Vischer (LDP) unterzeichnet, mit dem er die Regierung bittet, sich Gedanken über alternative Standorte für die Skulptur zu machen.

Eine Umfrage bei den Unterzeichnern des Vorstosses zeigt, dass sie mit ihrer Unterstützung des Anliegens ganz unterschiedliche Ziele verfolgen. Manche betonen die Qualität des Werks und nennen zentrale, von der Bevölkerung stark frequentierte Standorte wie den Münsterplatz (Emanuel Ullmann, GLP) oder den Claraplatz (Patricia von Falkenstein, LDP). Andere zielen mit ihrer Unterschrift eher darauf, dass das Werk aus der Innenstadt verschwindet. Anita Lachenmeier (SP) nennt das Bruderholz, Christoph Haller (FDP) schlägt «spasseshalber» gleich die Recycling-Anlage Thommen in Kaiseraugst vor, Toni Casagrande (SVP) denkt unter anderem an den Kreisel auf dem Wasgenring. Noch nicht berücksichtigt ist bei den Antworten die konkrete Machbarkeit – auf dem Theaterplatz musste der Boden für die achtzig Tonnen schwere Skulptur verstärkt werden.

Heiner Vischer war 1994 finanziell am Kauf der Skulptur beteiligt, die heute der Öffentlichen Kunstsammlung Basel gehört. Er beteuert, er wolle nur das Beste für das Werk. Er will es vor Urin und Sprayereien schützen und schlägt den Wenkenhof-Park als Alternativstandort vor. Seine Parteikollegin Patricia von Falkenstein findet hingegen, die Platzierung in einem Park entspreche nicht dem Sinn der Skulptur. Eine Grünanlage zu wählen, nur weil man das Werk «aus den Augen haben» wolle, lehnt sie ab. Vischer sagt hingegen: «Im Wenkenpark sind wenig Sprayereien zu erwarten.» Zudem habe die Skulptur dort Platz, um ihre Wirkung zu entfalten. Er betont aber: «Es muss eine Lösung gefunden werden, die mit dem Künstler abgesprochen ist.»

Richard Serra scheint für solche Gespräche im Moment allerdings nicht offen. Alexander von Berswordt, der Richard Serra in Europa vertritt, lässt nach einem Anruf beim Künstler ausrichten, es falle diesem schwer, die Diskussion zu verstehen.

Für Serra sei es nicht vorstellbar, dass die Skulptur an einem anderen Ort aufgestellt werde. «Da sie da, wo sie steht, seit mehreren Jahrzehnten stimmiger Bestandteil der Stadt ist, kann ein anderer denkbarer Standort kaum besser sein. Man sollte das Werk nicht zum Fussball ansonsten offensichtlich problemfreier Politiker machen», schreibt von Berswordt nach Rücksprache mit Serra. Zudem sei beim Erwerb vereinbart worden, dass niemand ohne Zustimmung des Künstlers den Standort verändern dürfe. Eine nicht von Serra autorisierte Standortveränderung «würde das Werk insofern zerstören, als es seine Autorenschaft verlöre, somit kein Werk von Richard Serra mehr wäre».

Trotz der Einwände läuft die Diskussion in Basel längst. Theater-Verwaltungsratspräsident Samuel Holzach sagte im März in der «Schweiz am Sonntag», dass ein freier Platz vor dem Theater «attraktiv» wäre. Obwohl Vischers Vorstoss noch nicht an die Regierung überwiesen wurde, nannte der kantonale Kulturbeauftragte Philippe Bischof auf dem Nachrichtenportal Onlinereports bereits Alternativstandorte wie den Schützenmattpark und den St. Johannspark.

An den Reaktionen der Unterzeichner des Vorstosses zeigt sich aber, wie verschieden die Vorstellungen von Kunst im öffentlichen Raum sind. Während Ernst Mutschler (FDP) mehr Kunstobjekte in Parks begrüssen würde, ist Casagrande dagegen. Unterstützt wird er von Stadtgärtnerei-Chef Emanuel Trueb, zumindest, was den Schützenmattpark betrifft. Zwar befürwortet Trueb grundsätzlich Kunst in öffentlichen Parks, möchte im Schützenmattpark aber nur temporäre Installationen, um die Fläche als Freiraum zu erhalten.

Kommt ein Strassenkreisel eher infrage? Beispiele aus dem Werk von Richard Serra zeigen, dass «Kreiselkunst» für diesen nicht ausgeschlossen ist. Im deutschen Dillingen ziert Serras «Viewpoint» einen Verkehrskreisel beim Stahlwerk Dillinger Hütte. Der Wasgenringkreisel in Basel, zurzeit im Bau, dürfte aber keine Option sein. 2007 empfahl der Kunstkredit den Vorschlag des Künstlers Michele Cordasco zur Ausführung. Der Platz ist also längst reserviert.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper