Thomas Gelzer (58) ist ein angesehener Anwalt. Er entstammt einer eingesessenen Basler Familie mit Wurzeln bis zu Christoph Merian, in dessen Stiftung er sitzt. Gelzer ist standesgemäss Partner der Kanzlei Vischer, liberal und kulturaffin. Er ist auch Verwaltungsratspräsident der Neuen Medien Basel AG und damit oberster Verantwortlicher der «Tageswoche». Doch zu diesem Thema verweigert Gelzer jede Stellungnahme.

Den Film von Telebasel, der darlegt, dass die «Tageswoche» die Zahl der Abonnements um 11 510 Exemplare frisiert, indem sie die Zeitschrift gratis an den Flughäfen Zürich und Basel auflegt, hat sich Gelzer erst mit 24-stündiger Verspätung angeschaut. Selbst die Bestätigung, dass die Basler Staatsanwaltschaft eine Vorermittlung wegen Verdachts auf Betrug eingeleitet hat, lockt ihn nicht aus der Defensive. Dabei hätte er allen Grund aktiv zu werden, da weitere Ungereimtheiten bestehen.

Die «Tageswoche» bestätigt eine gleichmässige Belieferung der Flughäfen. Der Redaktion der «Schweiz am Sonntag» liegen jedoch Rechnungen der Flughafenfirma CGS vor, die sich von Monat zu Monat massiv unterscheiden. Mit solchen «Ausgleichsrechnungen», die mit «Kosten für Auslagen am Flughafen» begründet sind, werden die zuvor verschickten «Abonnementsrechnungen» zum Nullsummenspiel. Für den Oktober 2012 wurden so mit dem Basler Flughafen gemäss diesen Dokumenten 10 110 Franken verrechnet, im Vormonat waren es 53 200 Franken. Im gleichen Monat Oktober wurden angeblich auch für 82 500 Franken «Tageswoche»-Exemplare an den Flughafen Zürich geliefert. Die Folgerung: Entweder hat die «Tageswoche» unter Umständen auch mehr als die bestätigten gut 11 000 Exemplare an die Flughäfen geliefert oder zwischen Lieferung und Verrechnung besteht kein Zusammenhang. Dann müssten die Rechnungen als fiktiv bezeichnet werden, was wiederum die ermittelnde Staatsanwaltschaft interessieren dürfte. Auch mit diesem Vorwurf konfrontiert, schweigt sich Wirtschaftsanwalt Gelzer aus.

Als einziges Medium hat am Freitag das Regionaljournal Basel direkt Auskunft von der «Tageswoche» erhalten, erteilt vom Geschäftsführer Tobias Faust. Er zeigte sich dabei überrascht, dass sein Vorgehen als problematisch oder gar als strafrechtlich relevant eingestuft wird. Man habe die Auflage schliesslich reglementskonform beglaubigt. Dass er das Flughafengegengeschäft in der Rubrik «Abos» und nicht – was andere Medienunternehmen machen – in der Rubrik «sonstiger Verkauf» beglaubigen liess, blieb dabei unerwähnt. Faust räumte lediglich eine «Fehleinschätzung» ein: Es sei offenbar «nicht vermittelbar», weshalb über 8000 Exemplare der «Tageswoche» gratis am Flughafen Zürich verteilt werden.

Seine Überraschung überrascht: Die «Tageswoche»-Geschäftsführung weiss seit vergangenem Oktober, dass die Auflage kritisch hinterfragt wird. Als Print-Chef Remo Leupin im eigenen Heft eine Auflagesteigerung im zweiten Jahr um 3800 Exemplare feierte, verlangten Redaktoren intern nach einer Aufschlüsselung, da die neuen Zahlen nicht plausibel klangen. Die Transparenz wurde nicht gewährt. Explizit hat dies in der Geschäftsleitung auch der damals bereits entmachtete Gründungs-Chefredaktor Urs Buess gefordert. Vergeblich. Daraufhin schied Buess krankheitsbedingt aus.

Die «Schweiz am Sonntag» hat die Geschäftsführung der «Tageswoche» erstmals im vergangenen November mit den Flughafenrechnungen konfrontiert, die ihr anonym zugespielt worden sind. In einem E-Mail-Wechsel dementierte Faust, dass die «Tageswoche» mehr als 10 000 Exemplare bei den Flughäfen aufliegen habe. Auf eine Berichterstattung wurde daraufhin verzichtet, da der Gegenbeweis nicht angetreten werden konnte. Dass Faust gelogen hatte, bestätigt nun die eigene Stellungnahme der «Tageswoche», die online abrufbar ist.

Die «absolute Transparenz», die Faust nun ankündigt, kommt zu spät, um glaubwürdig zu sein. Die interne Absetzbewegung hat längst eingesetzt. Bekannt sind die Kündigungen anerkannter Journalisten, weniger bekannt die Absetzbewegung in der verschachtelten Eigentümerstruktur. Thomas Gelzer ist erst vor einem Jahr als Präsident der Neue Medien Basel AG nachgerutscht, weil sich Ex-»BaZ»-Chefredaktor und Verlagsberater Ivo Bachmann nach ersten Schwierigkeiten aus dieser exponierten Position nahm. Krimi-Autor Michael Theurillat zog sich Ende 2013 still und leise vom Posten des Delegierten des Verwaltungsrats zurück, weil die eigentlichen Machtstrukturen immer undurchsichtiger wurden. Beide schweigen.

Fernab vom Verlagsgeschäft liess sich Vischer-Anwalt Gelzer mit einfachen Erklärungen abspeisen. So heisst es, er habe zwar von der Flughafenbelieferung gewusst, aber geglaubt, dass die «Tageswoche» lediglich tue, was alle Printmedien täten. Nun wird er sich dem Vorwurf ausgesetzt sehen, zumindest seine moralische Aufsichtspflicht nicht erfüllt zu haben.

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