Die FDP hat verloren. Mit zehn Parlamentariern stellt die Partei in der nächsten Legislatur so wenig Grossräte wie noch nie. Frauen sind keine darunter. Gegenüber vor vier Jahren büsste die Partei 23 Prozent der Listenstimmen und 19 Prozent der Kandidatenstimmen ein. Besonders schmerzhaft: Die FDP spielt im liberalen Konzert hinter der LDP definitiv nur noch die zweite Geige.

Luca Urgese hatte es noch als Panne betrachtet, als bei den vergangenen Nationalratswahlen LDP-Regierungsrat Christoph Eymann gewählt wurde und dabei FDP-Parteipräsidenten Daniel Stolz verdrängte, dessen Wahlkampfleiter Urgese war. «Im Kanton bleibt die FDP die stärkere Partei», sagte Urgese trotzig im Interview mit der «Schweiz am Sonntag». Nun zeigt sich: Die Panne hatte System.

Stolz warf nach der Wahlniederlage den Bettel als Kantonalpräsident hin. Urgese, der zuvor als Vizepräsident einen Grossteil der Arbeit gemacht hatte, rutschte nach. Seit Frühjahr führt er den Basler Freisinn. Nur wenige Stimmen wie Ex-Präsident Urs Schweizer erkannten die Risiken der alternativlosen Wahl des Jungpolitikers.

Eine profunde Einordnung nimmt Georg Kreis, Historiker sowie ebenfalls ehemaliger Präsident der FDP Basel-Stadt, vor: Historisch betrachtet sei die Partei im Stadtkanton vor allem auch im höheren Verwaltungskader stark verankert gewesen. Daraus schöpfte sie nicht nur Wählerpotenzial, sondern auch die klugen Köpfe, mit denen Stimmen gesichert und Wahlen gewonnen werden konnten. Selbst als die nationale FDP, angeführt von der Zürcher Sektion, mit dem Slogan «Mehr Freiheit – weniger Staat» (1979) auf Distanz zum Staat ging, habe die Basler Kantonalpartei am alten Kurs festgehalten, sagt Kreis.

Abkopplung vom Staat
Ein staatstragendes Verständnis ist bei der FDP kaum mehr erkennbar. Das Potenzial an Wählern wie an möglichen Parteipolitikern aus der Verwaltung hat die Partei den Sozialdemokraten überlassen. Stattdessen positioniert sie sich im nationalen Gleichklang und im Beiboot des Gewerbeverbandes als staatskritische Partei.

Urgese sagt, dass ihm die Parteitradition durchaus bekannt sei. Der Parteiflügel der Staatsbediensteten werde auch weiterhin gepflegt. Als prominentes Mitglied nennt er den Verwaltungschef des Basler Zivilgerichts, Markus Grolimund. Dass die FDP bei einer links-grünen Mehrheit in der Regierung aber staatskritischer auftrete, versteht sich für Urgese von selbst.

Urgese agiert jedoch weniger taktisch als vielmehr aus Überzeugung. Sein politischer Mentor war Baschi Dürr, der als Parlamentarier mit dem «liberalen Kompass» den Weg des Staatskritikers eingeschlagen hatte und nun als Polizei- und Justizdirektor in einen zweiten Wahlgang geschickt wurde. Als 23-Jähriger absolvierte Urgese zudem ein Nachwuchsförderprogramm der FDP Schweiz und wurde Präsident der Jungen FDP.

Anbindung an die SVP
Als Präsident der Nachwuchssektion suchte Urgese generationengerecht Anschluss nach allen Seiten, zu einer Haftung kam es jedoch ausschliesslich mit der SVP. Noch heute ist er Co-Präsident des «Bundes der Steuerzahler Basel-Stadt». Dieser von Jung-SVPlern dominierte Verein verleiht den «gerupften Basilisken» für die unnötigste Staatsausgabe. Nach der Gründung vor vier Jahren sagte Urgese zur «Schweiz am Sonntag»: «Wenn unser Bund zu einer Entkrampfung des Verhältnisses von SVP und FDP beitragen würde, wäre das toll.»

Urgese war erfolgreich: Das Verhältnis hat sich derart entkrampft, dass es in der FDP – anders als in der LDP und der CVP – kaum Vorbehalte gegen die Einbindung der SVP zu einem bürgerlichen Viererticket für die Regierungsratswahlen gegeben hat. Doch statt davon zu profitieren, hat die Partei darunter gelitten: Wer in der Stadt bürgerlich wählt, aber keine Sympathie für die SVP hat, macht tendenziell auch um die FDP einen Bogen.

Einen direkten Zusammenhang zwischen den Regierungs- und den Grossratswahl sieht Urgese nicht. Und er möchte vorwärtsblicken. Die Niederlage schmerze, doch der Grundstein für die nächsten Wahlen sei gelegt, die Dynamik in der Partei stimme. Ob dies die FDP Schweiz auch so sieht, wird sich weisen. Sie hat der Kantonalpartei eine Wahlanalyse in Aussicht gestellt.

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