Christoph Egger, 46, war diese Woche der meistgesuchte Mann in der Schweiz. Die öffentliche Jagd nach dem Pädophilen dauerte fünf Tage. Am Freitag wurde Egger in Berlin von der Polizei festgenommen. Anfang Woche war bekannt geworden, dass Egger mehr als zwei Wochen zuvor aus den Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) weggelaufen war.

Eggers Verhaftung ist aber nicht das Ende seiner Flucht. Denn auf der Flucht ist der Pädophile sein ganzes Leben lang. Auf der Flucht vor sich selbst. Vor dem Mann, der als Kind Opfer von Missbrauch wurde, der sich prostituierte, um Geld zu verdienen, der sich später zu Kindern hingezogen fühlte und sich an ihnen verging, der dafür jahrelang hinter Gitter sass, sich danach ein geordnetes Leben aufbaute und wieder rückfällig wurde. Vor dem Mann, der sich schliesslich für eine chemische Kastration entschied und vor dem Gericht trotzdem wieder für eine stationäre Massnahme verurteilt wurde.

Der ewigen Flucht wollte Egger, glaubt man seinen Vertrauten, mit dem öffentlichen Outing im Herbst vergangenen Jahres ein Ende setzen. Eine zentrale Rolle spielt der Dokumentarfilmer Alain Godet, der Egger seit langer Zeit begleitet. Godet, bekannt dafür, eine Faszination für Menschen in emotionalen Extremsituationen zu haben, hat den Pädophilen enttarnt. Allerdings nicht im «Schweizer Fernsehen», wo Godets Filme normalerweise ausgestrahlt werden, sondern auf «Telebasel». Am 25. September 2013 strahlte der Lokalsender den halbstündigen Film über Egger als «Report» aus.

Die Sendung löste eine Lawine aus. Godet sagt, er sei sich dem Risiko bewusst gewesen. Man könne nie genau wissen, was nach Ausstrahlung eines Filmes passiere. Ein Pädosexueller, der offen über seine Liebe zu Kindern spricht, irritiert. Werner Tschan, langjähriger Therapeut Eggers, der von seinem Patienten komplett von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden wurde, spricht von einem einmaligen Fall im deutschsprachigen Raum. Er habe mit seinem Patienten lange über mögliche Konsequenzen gesprochen, die ein solcher Schritt haben könne. Und trotzdem liessen sie sich nicht abschätzen.

Heute ist der Film online nicht mehr verfügbar, man habe sich mit Godet bezüglich Entschädigung nicht einigen können, heisst es bei «Telebasel». Godet verfügt über die Rechte und entscheidet, wer den Film zu Gesicht bekommt. Am Montagabend waren es die Zuschauer der Sendung «Extra» des deutschen Privatsenders RTL. Godet bestätigt, dass er RTL Material für einen Beitrag über Egger zur Verfügung gestellt hat. Es diente als Beilage für ein Interview, das Egger dem Sender nach seiner Flucht gegeben hatte.

Tschan nennt den «Extra»-Beitrag, der online ebenfalls nicht mehr verfügbar ist und zu dessen Entstehung RTL keine Auskünfte gibt, ein «ergreifendes Zeitdokument». Ergriffen waren allerdings nicht alle Zuschauer. Die breite Öffentlichkeit fragte sich: Wie gefährlich ist eigentlich dieser Egger? Warum kann schon wieder einer aus der Psychiatrie flüchten? Und vor allem: Warum haben die Basler Behörden die Fahndung nach Egger erst jetzt öffentlich gemacht, obwohl Egger bereits seit Mitte Februar flüchtig war?

Die Fragen beantworten musste Marc Graf, Chefarzt der forensischen Abteilung der UPK, aus der Egger davongelaufen war. Graf, der in der Rechtfertigung von Ausbrüchen mittlerweile Übung hat, stand hin und erklärte: Egger sei chemisch kastriert, das Medikament Lucrin wirke jeweils drei Monate. Bei Egger bestehe keine akute Rückfall-Gefahr, deshalb habe er unbegleiteten Ausgang gehabt. Man sei bisher davon ausgegangen, dass Egger alleine zurückkehre.

Kritik sah sich Graf aber nicht nur vonseiten der besorgten Bevölkerung ausgesetzt, sondern auch von Eggers Vertrauten. Tschan und der Basler Justizkritiker Peter Zihlmann, der Egger und dessen ehemaligen Partner schon vor Jahren beraten hat, versorgten die Medien mit Details zur Causa Egger und stellten dabei immer wieder den Umgang der Klinik mit dem Pädosexuellen infrage. Die UPK seien rücksichtslos, es gebe keine Fehlerkultur, die Therapie habe keine Fortschritte gemacht.

Marc Graf bestreitet die Vorwürfe. Dass Fortschritte in der Therapie erzielt wurden, zeige alleine schon die Tatsache, dass Egger Freigang erhalten habe. Graf äussert zudem Bedenken, dass Egger von Leuten beeinflusst werde, die primär ihre eigenen Interessen verfolgen. Obwohl Graf in Godets Film selbst zur Sprache kommt, hat er Vorbehalte gegenüber der Produktion. Graf glaubt nicht, dass Egger mit seinem Gang an die Öffentlichkeit gut beraten war. Zwar enthalte der «Report» viele wichtige Aspekte, betreibe Aufklärung. Allerdings dürfe man sich keine Illusionen machen: Eine Entstigmatisierung von Pädosexuellen sei nicht möglich.

Aber was ist denn das Ziel im Umgang mit Pädophilen? Für Forensiker Marc Graf ist es die Versachlichung einer heute sehr emotional geführten Debatte. Für Christine Bussat, treibende Kraft hinter der Pädophilen-Initiative, über die am 18. Mai abgestimmt wird, ist es ein Verbot für verurteilte Pädosexuelle, je wieder einen Beruf ausüben zu dürfen, in dem sie mit Kindern in Kontakt kommen. Während sich Online-Kommentatoren diese Woche für den Kinderschänder von der operativen Kastration über einen lebenslangen Freiheitsentzug bis hin zur Todesstrafe alles vorstellen konnten.

Christoph Eggers Geschichte, die Geschichte einer Flucht, hinterlässt Opfer, sie hinterlässt überforderte Behörden, unzählige Artikel und Leserbriefe. Und sie hinterlässt eine grosse Frage: Was ist uns die Verhinderung eines Kindsmissbrauchs wert?

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