Von Annika Bangerter

Ein leichter Wind weht. Die junge Frau trägt eine dick gefütterte Pelzmütze, hinter ihr liegt ein Alpenpanorama. Sie sprüht vor Motivation, strahlt in die Kamera und sagt: «Wir lieben Happy Ends.» Dass diese Geschichte anders ausgehen könnte, ahnte sie beim Videodreh nicht.

Damals machten sich vier Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens auf, fuhren für den Dreh in die Berge, wollten noch höher hinaus. Ihr Ziel: ein Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Ein 6600 Quadratmeter grosses Plakat sollte ihnen diese Auszeichnung sichern. Auf zusammengefügten Planen, welche die Grösse eines Fussballfeldes ergeben und das Gewicht einer Elefantenkuh aufweisen, soll die «grösste Frage der Welt» prangen. Für die Initianten heisst sie: «Was würdest du arbeiten, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre?» Über die von Basel aus koordinierte Initiative stimmt die Schweiz am 5. Juni ab.

Mit dem Weltrekord wollen die Befürworter des Grundeinkommens ihre «konkrete Utopie», wie sie ihr Anliegen selbst nennen, über die Schweizer Grenze hinaustransportieren. Oder um es in ihren Worten zu sagen: «Millionen Menschen schauen auf die Schweiz. Millionen Menschen schauen auf dieses Plakat.» Wie Recherchen der «Schweiz am Sonntag» zeigen, ist ihnen jemand zuvorgekommen.

Ein irakischer Pilot namens Fareed Lafta übertrumpfte Ende Februar mit seinem 7165 Quadratmeter grossen Plakat den bisherigen Rekordhalter aus Indien. Das bestätigt das Guinness-Buch der Rekorde auf Anfrage. Wie im Video auf der Crowdfunding-Plattform deutlich wird, beziehen sich die Schweizer Initianten jedoch auf das indische Plakat. Dieses ist mit rund 6000 Quadratmetern deutlich kleiner als der neuste Coup des irakischen Piloten aus Karbala. Er hält verschiedene Weltrekorde. Unter anderem liess er das grösste Mosaik aus Plüschtieren anfertigen. Mit seinem Rekordeifer droht er nun die Pläne der Schweizer Initianten zu durchkreuzen, bevor sie diese überhaupt realisieren können. Seit zehn Tagen suchen sie Gönner für ihre Aktion. Das Konzept: Wer ein Stück Plane des Plakats finanziert, erhält im Anschluss an die Aktion eine «Fragetasche» oder einen «Weltrekord-Rucksack» aus dem Material.

Das Plakat wäre nicht die erste spektakuläre Aktion der Initianten, die anthroposophischen Kreisen nahestehen. Auf der Tastatur der Symbolpolitik klimpern sie seit längerem lustvoll. So schütteten sie in Bern acht Millionen Fünfräppler auf den Bundesplatz. Diese Woche verteilten sie zur Freude von Pendlern echte Zehnernoten. Die medienwirksame Strategie geht auf. Sogar Journalisten vom Magazin «Spiegel» interviewten Daniel Häni und Philip Kovce. Sie sind zwei der bekanntesten Köpfe der Initiative. Immer wieder erklären die gefragten Gesprächspartner ihre Vision: Jeder Bürger, unabhängig von Alter und Einkommen, soll monatlich ein Einkommen erhalten. Ohne Gegenleistung. Im Initiativtext ist keine Summe festgehalten. Häni und Kovce gehen in den Interviews jedoch von einem Betrag um 2500 Franken aus.

Häni und Kovce wohnen in Basel. Ihre Idee hielten sie als Autoren in einem Buch über das bedingungslose Grundeinkommen fest. Häni betreibt als Mitbegründer und Gesellschafter das Basler Kultur- und Kaffeehaus «Unternehmen Mitte»; Kovce forscht am Basler Philosophicum sowie am Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre und Philosophie der Universität Witten/Herdecke. Um die beiden hat sich in Basel die grösste Gruppe an Befürwortern zusammengefunden. Weitere agieren aus Zürich, Bern oder der Westschweiz. Bislang gelangen ihnen die symbolhaften Auftritte. Doch mit dem Weltrekord haben sie sich verrechnet.

Sie wären nicht die Ersten, die daran scheitern: Auch ein Plakat des Autokonzerns BMW ist am Weltrekord vorbeigeschrammt. Dieses war mit 30 000 Quadratmetern mehr als viermal so gross wie jenes der Schweizer Initianten. Gezeigt wurde es im vergangenen September auf einer riesigen Grünfläche neben dem Frankfurter Flughafen. Wie ein Sprecher von BMW gegenüber der «Schweiz am Sonntag» sagt, habe das Plakat den Eintrag ins Guinness-Buch wegen seiner Dehnungslücken verfehlt. Diese seien notwendig. Schien die Sonne, zog sich der schwarze Stoff in die Länge. Als jedoch die Rekordrichter vor dem Plakat standen, herrschte in Frankfurt trübes Nebelwetter.

Die hoch motivierte Basler Gruppe, die für den Weltrekord bereits in die Alpen fuhr, will indes ihre Pläne noch nicht aufgeben. Auf Anfrage geben sie an, neue Massstäbe definieren zu wollen. Dafür müssen sie jedoch die finanziellen Mittel aufstocken und einen neuen Platz suchen, um das Plakat zeigen zu können. Der geplante Berner Sportplatz ist dafür nun zu klein. Trotz der Überraschung geben sie sich betont gelassen. Schliesslich lieben sie ja «Happy Ends».

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