Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all’! Zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall. Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht der Vater im Himmel für Freude uns macht.

Kaum ist das Lied, das die Familie neben dem Weihnachtsbaum gesungen hat, verklungen, beginnt der Bass zu wummern. Das Angebot an Partys an Heiligabend in Basel war noch nie so gross. Neben der «Xmas Heat» in der Kaserne, die seit mehr als einem Jahrzehnt veranstaltet wird, gibt es mittlerweile etliche Clubs, die mit Disco locken. Im Hinterhof legen die Basler Brüder Goldfinger Brothers auf; der «X-Mas Bash» soll alles andere als fromm werden: «Weniger ‹holy›, als es das Christkind wohl gerne gehabt hätte. Aber immerhin ist Jahr 2016 und nicht Jahr 0», wird auf der Website des Clubs angekündet.

Luzius Müller ist zwar nicht das Christkind, er kann aber durchaus als dessen Sprecher angesehen werden. Der 47-Jährige ist Präsident des Pfarrkapitels Basel, der Vereinigung der Pfarrer, und seit neun Jahren reformierter Universitätspfarrer beider Basel. Dass es an Heiligabend Partys en masse gibt, stört ihn nicht: «Dieser Überfluss passt zu unserer Zeit. Es ist eine Welt, in der alles möglich ist. Und: Das eine schliesst das andere ja nicht aus.»

Deutlich mehr Besucher
An Heiligabend werden in elf katholischen Kirchen der Stadt rund 8000 Besucher erwartet und in fünfzehn evangelisch-reformierten Kirchen Gottesdienste abgehalten. Und dann, so sagt Müller, werden sie «rammelvoll» sein. «Da ist auch auf den Emporen jeder freie Platz besetzt.» Im Verhältnis zur Mitgliederzahl zähle man deutlich mehr Besucher als noch vor fünfzig Jahren. «Damals waren es 140 000 Mitglieder, heute noch 30 000.» Die reformierten Kirchen bieten laut Müller Platz für rund 10 000 Menschen. «Damit besucht zirka jedes dritte Mitglied den Gottesdienst am Heiligabend.»

Für Müller kommt diese Entwicklung nicht überraschend. «In dieser von Überfluss geprägten hektischen Zeit steht die Kirche für etwas Beständiges, Bewährtes. Viele geniessen die Ruhe in diesen Räumen als Kontrast zum Alltag.» Zudem löse die unsichere weltpolitische Lage konservative Reflexe aus. «Gerade junge Menschen wollen wieder vermehrt Anteil an Traditionen haben. Und da gehören die Kirche und die biblische Weihnachtsgeschichte dazu.» Müller muss es wissen: Als Universitätspfarrer hat er täglich mit Studenten zu tun. Sei es in seiner Funktion als Seelsorger, aber auch, weil er an der Theologischen Fakultät Vorlesungen gibt, etwa die «Einführung in die Bibel» oder «Basiswissen Christentum». Diese Veranstaltungen seien sehr gut besucht, sagt Müller. Das sei keineswegs als explizit religiöses Bekenntnis anzusehen, aber «die Studenten interessieren sich wieder vermehrt für das Thema Religion». Dies sei in den 80er-Jahren, als er studiert habe, ganz anders gewesen. Damals sei die Haltung dem Christentum gegenüber viel kritischer gewesen, man habe Traditionen abgelehnt oder mit ihnen gebrochen. «Heute gehen die Jungen offener an das Thema ran.» Ein Grund dafür sei auch, dass diese meist «völlig entkirchlicht» aufwachsen. «Das ist für die Kirche als Chance anzusehen. Man ist nicht mit Vorurteilen vorbelastet», sagt Müller.

Dass das Wiederentdecken von Traditionen auch mehr Menschen unter dem Jahr in die Kirchen bringen wird, bezweifelt Müller. «Wir stellen zwar auch an Ostern ein erhöhtes Interesse fest. Aber es konzentriert sich schon auf Weihnachten. Wir Pfarrer nennen das ‹Kirche bei Gelegenheit›.» Heiligabend stehe für die Geburt eines Kindes, was sehr positiv besetzt sei. Ostern hingegen für Tod und Auferstehung. «Heute suchen die Menschen nach positiven, wenig abstrakten Erlebnissen.» Gerade an Heiligabend bestehe deshalb der Anspruch nach einem ganz klassischen Gottesdienst. «Die Besucher wollen die Weihnachtsgeschichte hören, mit allen Symbolen, die dazugehören.»

Hoffen auf Rückkehrer
Müller wird an Heiligabend keine Predigt halten. Er hat mit den Unigottesdiensten, die regelmässig in der Peterskirche stattfinden, genug zu tun. Vergangenen Sonntag las er aus dem Lukasevangelium. Als Jesus nach Jerusalem unterwegs war und auf zehn aussätzige Männer traf, die ihn um Erbarmen baten. Jesus schickte sie zu den Priestern, und auf dem Weg dahin wurden sie gesund. Alle zehn. Aber nur einer kam zurück, fiel Jesus zu Füssen und dankte ihm. Das sei zwar wenig, sagt Luzius Müller nach der Predigt, als er draussen vor der Kirche steht und der Gemeinde einen schönen Sonntag wünscht. «Aber immerhin etwas.» So verhalte es sich mit den Besuchern der Gottesdienste an Heiligabend. «Jeder, der später wiederkommt, macht uns Freude.» Trotz oder gerade wegen des Überflusses in dieser Welt.

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