Im nahen Ausland findet ein Verdrängungskampf auf dem Wohnungsmarkt statt. In den vergangenen fünf Jahren haben sich die Mietpreise in der beschaulichen Grenzstadt Lörrach mehr als verdoppelt. Eine mittelgrosse Mietwohnung liegt gemäss Immobilienportal «wohnungsboerse.net» monatlich bei 14.82 Euro pro Quadratmeter. 2011 kostete ein Quadratmeter 6.54 Euro. Das Forschungsinstitut F+B macht dieselbe Beobachtung. Im jüngsten Quartalsbericht, der diese Woche erschien, wird ein Mietpreisanstieg von 5,1 Prozent in einem Jahr verzeichnet. Das ist deutschlandweit der zweithöchste Wert. Mittlerweile ist Lörrach von allen 494 deutschen Städten über 25 000 Einwohnern die 17.-teuerste und somit teurer als Metropolen wie Köln oder Berlin.

Für die höheren Mietpreise ist in erster Linie die Nähe zu Basel verantwortlich. Viele Deutsche, die in der Schweiz einen Job annehmen, suchen sich lieber im Heimatland eine Bleibe. Für Familien ab vier Personen ist dies steuergünstiger als ein Leben in der Schweiz. Zudem betätigen sich zunehmend Schweizer im Lörracher Immobilienmarkt. Sie wollen sich meist nicht ennet der Grenze niederlassen, sondern betrachten einen Wohnungskauf als gute Kapitalanlage. Die Konsequenz: In Lörrach können sich die Leute aus dem mittleren und unteren Preissegment keine Wohnungen mehr leisten. Diese Tendenz bereitet der Lörracher Stadtentwicklerin Monika Neuhöfer Avdic Sorgen, die seit etwas über einem Jahr im Amt ist. «In Lörrach sollen alle Bevölkerungsschichten leben dürfen.» Damit die Spekulanten und Immobilienhändler im Wohnungsmarkt nicht die Überhand gewinnen, hat sie der Stadt eine offensive Bodenpolitik verschrieben. «Bevor neue Wohnbaugebiete entstehen, sichert sich die Stadt die Flächen.» Hier entstünden über den direkten Einfluss der Stadt Wohnungen, die kostenstabil seien. Damit solle nicht nach jedem Mieterwechsel die «maximale Miete» ausgerufen werden, wie Neuhöfer Avdic sagt. Der Plan: «In den nächsten zehn Jahren wollen wir jährlich 250 neue Wohneinheiten schaffen.»

Wohnbauförderung ab 2020
Dass die Grenzstadt boomt, wird in Basel-Stadt mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen. Der Andrang auf die Grenzstädte, den auch Weil am Rhein oder Rheinfelden spüren, trägt zur Entspannung auf dem hiesigen Wohnungsmarkt bei. Auch am Rheinknie zeigen die Wohnungsmieten zwar seit Jahren gegen oben. Neben der Anziehungskraft der deutschen Städte hat aber die Wohnungspolitik im Stadtkanton eine mildernde Wirkung. Die Preise für Mietwohnungen sind auf dem Angebotsmarkt in der gleichen Zeit, in der sich in Lörrach die Mietpreise mehr als verdoppelt haben, gemäss verschiedenen privaten Online-Portalen um unter zwanzig Prozent gestiegen. Die Mietpreise bewegen sich im durchschnittlich teuren St.-Johann-Quartier zwischen 14 Franken pro Quadratmeter für Altbauwohnungen und 22 Franken für Neubauten. Das ist nur etwas höher als in Lörrach. Was sich die süddeutsche Stadt jetzt mit einer «Projektkommission Wohnraumförderung 2020» auf die Agenda schreibt, betreibt Basel seit zwei Jahren: Mit dem Wohnraumfördergesetz ist die Stadt zur Schaffung von neuem, günstigem Wohnungen angehalten. Zudem sind die Wohnungseigentümer gesetzlich verpflichtet, bei einem Abbruch einer Liegenschaft mehr Wohnfläche zu schaffen. Das Gesetz zeigt bereits Wirkung. Die Bautätigkeit im Stadtkanton hat sich in den vergangenen Jahren stark erhöht. In den vergangenen fünf Jahren wurden 2500 Wohnungen gebaut, weitere 1 100 Wohnungen sind derzeit in der Bauphase. Zum Vergleich: Zwischen 2000 und 2009 entstanden in Basel lediglich rund 1000 Wohnungen.

Monika Neuhöfer Avdic hofft, die Preisentwicklung mit der neuen Wohnraumförderung in ähnliche Bahnen zu lenken wie in Basel. Bis die Instrumente wirksam werden, versucht sie, den Lörrachern ins Gewissen zu reden. «Man kann doch auch von einer grossen in eine kleine Wohnung ziehen», sagt die Stadtentwicklerin. Die Aufgabe der Stadt sieht sie auch darin, Quartiere mit einer Anziehungskraft zu entwickeln, in welche die Leute auch «mit etwas weniger Raum» hinziehen wollten.

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