Als im vergangenen Juni Helikopter über Istanbul kreisten, Schüsse auf das Parlamentsgebäude fielen und Stunden später die Handschellen um die Knöchel von türkischen Militärs klickten, beschlich G.D. eine böse Ahnung. Im Alter von 13 Jahren las er erstmals ein Buch des islamischen Predigers Fethullah Gülen. Seither engagiert er sich in der religiösen Bewegung.

Dem Aufruf ihres geistigen Führers, Schulen statt Moscheen zu bauen, folgten die Gülenisten: Weltweit entstanden Kindergärten und Schulen . In der Schweiz gründeten sie vor allem private Nachhilfeinstitutionen. So auch in Basel: «Elite Bildungszentrum» heisst die Schule, an der zeitweise bis zu 120 Kinder eingeschrieben waren.

Solche Zahlen gehören der Vergangenheit an. Im Sommer ist die Schule in eine kleinere Liegenschaft gezogen. Im Juni schliesst sie komplett. Die Gründe dafür liegen beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Dieser hatte den im Exil lebenden Gülen für den gescheiterten Putsch verantwortlich gemacht und kreierte für die Jagd auf dessen Anhänger die sprachliche Waffe «Fetö». Die Abkürzung steht für «Fethullahistische Terrororganisation». Damit lassen sich in der Türkei Entlassungen oder Verhaftungen legitimieren.

Schule in den türkischen Medien
Der Druck auf Gülen-Anhänger endet nicht an der Landesgrenze. G.D. ist Mitglied des Basler Elite-Bildungsvereins. Er sagt, dass nach dem Putschversuch die Mitglieder demissionierten und Eltern ihre Kinder von der Schule nahmen. Unterrichtet hätten sie zwar lediglich Inhalte der profanen Fächer: Deutsch, Englisch oder Mathematik. Weder Religion noch Studien zu Gülens Schriften seien Teil des Angebots gewesen. Doch um Inhalte ging es bei den überstürzten Abmeldungen längst nicht mehr: «Freunde und Verwandte setzten unsere früheren Kunden unter Druck. Einige von ihnen besitzen Häuser in der Türkei. Sie fürchten Beschlagnahmungen oder noch grössere Schwierigkeiten, wenn sie in die Türkei einreisen», sagt G.D.

Über die Basler Nachhilfeschule dürfte die türkische Regierung ebenso informiert sein wie über die anderen Schweizer Lernzentren, die dem Gülen-Netzwerk nahestehen. Wie die «SonntagsZeitung» im Januar publik machte, schickten türkische Diplomaten entsprechende Informationen nach Ankara. Gestern doppelte der «Spiegel» nach: Mitarbeiter von Botschaft und Konsulat hätten auch in der Schweiz Informationen über Gülen-Anhänger gesammelt.

Kurz nach dem Putsch berichteten türkische Tageszeitungen bereits über die hiesigen Gülen-Schulen. Zwei Millionen Franken Gewinn würden sie angeblich erzielen und «geheime Konten» führen. Namentlich erwähnt ist auch der Basler Bildungsverein. Die Schlagzeilen verbreiteten sich rasch in den sozialen Netzwerken. Boykott-Aufrufe folgten; verfasst von Erdogan-Anhängern in der Schweiz.

G.D. blickt nachdenklich auf den Tisch, schüttelt den Kopf: «Der Betrag ist frei erfunden. Wir müssen die Schule schliessen, weil wir die Miete und Löhne nicht mehr bezahlen können. Würden wir über solide Finanzen verfügen, müssten wir doch nicht den Betrieb stoppen.» Gemeinsam mit den anderen Bildungszentren erstattete er Anzeige. Seither sei die Hetze im Netz zurückgegangen.

Gespaltene Gemeinschaft
Zur Gülen-Bewegung ist wenig belegt. Aussteiger berichten von hierarchischen Strukturen und sektiererischen Zügen. Die Vorwürfe lassen sich aber ebenso schwer prüfen wie die Zusicherung der Gülenisten, ihnen gehe es nur um Bildung und Integration. G.D. sagt, sein Verein sei offen, niemand würde unter Druck gesetzt: «Wir haben uns nie versteckt. In der türkischen Fetih-Moschee wussten beispielsweise alle, dass wir Gülen-Anhänger sind.» Dorthin geht er seit dem Putsch nicht mehr. Die Blicke, das Getuschel: Er spüre, er sei nicht willkommen.

Dem widerspricht Ahmet Söylemezo, Vorstandspräsident der Fetih-Moschee: «Wir sind eine neutrale Moschee. Unsere Tür steht allen Muslimen offen.» Die Basler Fetih-Moschee gehört zu jenen Moscheen, deren Imame direkt von Diyanet finanziert werden, der türkischen Behörde für religiöse Angelegenheiten. Diese geriet in die Schlagzeilen, weil sie ihre Religionsattachés weltweit aufforderte, Gülen-Anhänger zu melden. Einige Imame in Deutschland sollen dem Aufruf gefolgt sein. Söylemezo sagt, ein solches Schreiben sei in Basel nicht eingegangen: «Wir sammeln auch keine Daten über Gülen-Anhänger.»

Der Kanton Basel-Stadt schreibt auf Anfrage, die Situation werde seit dem vergangenen Sommer «konstant im Auge behalten». Von Bespitzelungen sei nichts bekannt.

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