Es geschah in Luzern. Der Mann tötete seine Ehefrau an einem Gartenfest des Frauenhauses, verletzte Anwesende, erschoss sich selber. Die Tat sorgte 1994 schweizweit für Entsetzen. Gleichzeitig schwappte eine Welle der Empörung über die Frauenhäuser herein. Der Tenor: Sie würden die Bewohnerinnen zu wenig schützen. Die Debatte offenbarte eine verbreitete Haltung, gegen die sich Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser noch jahrelang wehren mussten.

Im Basler Frauenhaus arbeiteten in den 90er-Jahren Barbara Manz und Christrun Oelke. Die Tat und deren Berichterstattung hätten unter den Mitarbeiterinnen Wut und Aktivismus ausgelöst, erinnern sie sich. «Wir mussten der Bevölkerung klarmachen, dass wir kein Gefängnis sind und sich die Gesellschaft zu wenig um die Täter kümmert», sagt Manz. Während Anfang der 80er-Jahre die erste Generation von Pionierinnen das Frauenhaus gegen zahlreiche Widerstände aufbaute, stemmte sich rund fünfzehn Jahre später die zweite Generation dagegen, Täter aus ihrer Verantwortung zu nehmen. Sie eckten damit erneut an.

Häusliche Gewalt als Ruhestörung
Wie tief die Gräben zwischen dem Frauenhaus und anderen Institutionen waren, zeigt das Verhältnis zur Polizei. Im Frauenhaus häuften sich Geschichten von Polizisten, die misshandelte Frauen nicht ernst nahmen oder sich auf die Seite der Männer schlugen. «Insbesondere freche oder aufmüpfige Frauen, die nicht dem klassischen Opfer entsprachen, waren damit konfrontiert, dass sie Schuld an ihrer Situation seien», sagt Manz. Informierte ein Nachbar die Polizei, weil eine Frau um Hilfe schrie, hätte die Polizei den Fall wie eine Ruhestörung behandelt. «Die Beamten versuchten zu beruhigen und zu vermitteln, klärten aber nicht ab, ob jemand bedroht oder in Gefahr ist», sagt Manz.

Wie das Frauenhaus über die Polizei schimpfte, so wetterten umgekehrt auch die Beamten. Markus Melzl, der damalige Polizist und spätere Mediensprecher der Staatsanwaltschaft, sagt: «Wir wurden mit Vorstellungen konfrontiert, die nicht umsetzbar waren.» Bis Ende der 90er-Jahre fehlten die rechtlichen Grundlagen: Erst seit 2004 gelten Körperverletzungen, Drohungen und sexuelle Nötigung innerhalb einer Partnerschaft als Offizialdelikte; seit 2007 kann die Polizei Wegweisungen aussprechen. Bevor diese gesetzlichen Änderungen kamen, seien die Einsätze für die Polizei häufig frustrierend gewesen, sagt Melzl: «Wiederholt zogen Frauen ihren Strafantrag zurück. Dann konnte die Polizei nicht ermitteln, auch wenn sie mehrfach zu demselben Paar ausrücken musste.»

Ihre Sicht der Dinge schilderten Beamte wie Mitarbeiterinnen des Frauenhauses am ersten runden Tisch Mitte der 90er-Jahre. Diesen initiierte das Frauenhaus mit dem Gleichstellungsbüro. Es wurde das erste Interventionsprojekt für häusliche Gewalt in der Schweiz. Dabei versammelten sich alle Basler Institutionen, die mit häuslicher Gewalt zu tun hatten: Gerichte, Jugendämter, Spitäler, Polizei, das Frauenhaus. «Für die Sicherheit von Kinder und Frauen ist nicht nur das Frauenhaus verantwortlich. Wir wollten eine verbindliche Zusammenarbeit aufbauen», sagt die ehemalige Frauenhaus-Mitarbeiterin Oelke. Bei diesen Treffen seien Missverständnisse geklärt, Abläufe definiert und gemeinsame Standards entwickelten worden: «Das veränderte viel.» Neben diesem Austausch begannen die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses, auch Seminare und Weiterbildungen durchzuführen.

Täterprogramm als Pflicht
Noch heute stellen Mitarbeiterinnen des Frauenhauses ihre Arbeit vor, beispielsweise den neuen Baselbieter Polizisten. Wie Rosmarie Hubschmid, Leiterin des Basler Frauenhauses sagt, funktioniere die Zusammenarbeit deutlich besser: «Das Thema häusliche Gewalt ist bei der Polizei angekommen.» Sie sieht anderweitig grossen Handlungsbedarf: kürzere Verfahrensdauer, überprüfbare Paarberatungen und eine rechtliche Grundlage, um Täter zur Teilnahme an einem Täterprogramm zu verpflichten. «Heute sind diese Kurse grösstenteils freiwillig», sagt Hubschmid. Auch 35 Jahre nach der Gründung des Frauenhauses sind pionierhafte Ansätze gefragt.

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