Rolf Ploetzing, 59, macht es einem nicht leicht. Einerseits ein herzensguter Mensch, etwas derb die Ausdrucksweise, ein Ruhrpott-Original. Wen Rolf Ploetzing mag, den verteidigt er mit Haut und Haaren. So ein Typ Mann ist das. Dann aber streut er immer mal wieder Sätze in seine wahrhaftig lebendige Erzählweise ein, die so was von politisch unkorrekt und auf keinen Fall druckreif sind, dass man das Gespräch als moralisch integrer Mensch eigentlich sofort abbrechen müsste.

Die Würstchen-Bude nennt sich «Frühstücksoase». Hier kommen sie alle ins Gespräch miteinander, ob gewollt oder ungewollt. Vor allem dann, wenn der redselige Rolf Ploetzing von einem kleinen Kreisverband der Alternative für Deutschland (AfD) hier auftaucht und sich Nudeln mit Bockwurst bestellt.

Er referiert über die Ausländer, die sich nicht integrieren wollten, ruft aber im nächsten Satz zur Integration der Flüchtlinge auf und fordert Investitionen in die Bildung. Er bezeichnet einige seiner Parteikollegen bei der AfD als «nicht die hellste Kerze auf der Torte» und erzählt plötzlich vom «weichgeklopften Adolf», der dafür verantwortlich sei, dass in den 1940er-Jahren die «Amis und die Engländer Essen zugebombt haben, bis der Arzt kommt».

Goldene Zeit ist vorbei

Die Frittenbude findet sich im Norden von Essen, einer Stadt mit mehr als 580'000 Einwohnern mitten in einem der grössten Ballungszentren Europas, dem Ruhrpott. Eine Stadt, die die goldene Zeit nach der Krise der Schwerindustrie hinter sich gelassen hat und sich neu erfinden muss. Über die Menschen im «Pott» sagen die Leute, sie seien direkt und unverblümt, aber herzlich und freundlich.

Das Klischee findet Bestätigung. Ploetzing, auf den wir beim Imbissstand zufällig gestossen sind, bietet uns spontan einen Kurztrip in seinem Auto quer durch Essen an. Als wir die Tour aus Erschöpfung nach sechs Stunden abbrechen, ist Ploetzing perplex. «Ich bin noch lange nicht fertig.»

Der Seismograph für Berlin

Am Sonntag werden die Menschen in Essen an die Urne gerufen, das Land Nordrhein-Westfalen wählt den Landtag und den Ministerpräsidenten. Die Wahl wird auch als «kleine Bundestagswahl» bezeichnet, weil in Nordrhein-Westfalen fast ein Fünftel aller Deutschen lebt. Politische Richtungsänderungen haben sich in der Geschichte oft in Nordrhein-Westfalen angekündigt.

1995 schlossen sich die zuvor alleinherrschenden Sozialdemokraten mit den Grünen zusammen, drei Jahre später war Rot-Grün auch auf Bundesebene installiert. 2005 verlor Rot-Grün dann die Mehrheit zwischen Bielefeld im Osten und Aachen im Westen, kurz darauf war Rot-Grün auch in Berlin Geschichte: SPD-Kanzler Gerhard Schröder verlor die Wahl gegen Angela Merkel. Sollten die Genossen am Sonntag also auch hier den Regierungsposten an die CDU verlieren, ist das ein schlechtes Omen für die Bundestagswahl im September.

Auf unserer Tour durch Essen führt uns Rolf Ploetzing an stillgelegten Zechen vorbei, in ein Museum, hoch auf einen alten Förderturm, in eine uralte Schlosserwerkstatt. Man begegnet auf dieser Tour Menschen, die offen sind für Fragen und sich auf Gespräche einlassen. Stefan, ein Hochschullehrer, 50 Jahre alt, hat bislang immer für die SPD votiert, am Sonntag gibt er seine Stimme vielleicht der Linkspartei.

Die Stimmung im «Pott», wie er sagt, habe sich verändert. Der Strukturwandel habe Zehntausende von Jobs weggefegt, die Digitalisierung mache vielen Menschen Angst. «Viele Menschen fürchten um ihre kulturelle Identität», sagt er. Die Kluft zwischen Gutverdienern und jenen Menschen, die wenig Geld zur Verfügung haben, würde in Essen steigen. Die Arbeitslosigkeit ist mit über 10 Prozent hoch.

Sicherheit als Wahlkampfthema

Essen ist zweigeteilt, in den wohlhabenden Süden und den Norden, wo ehemalige Zechen-Arbeiter und Migranten Seite an Seite zusammenleben. «Es gibt zu viele Menschen hier, die sich gesellschaftlich ausgegrenzt fühlen», meint der Hochschullehrer.

Ploetzing, der Mann von der AfD, steht daneben und hört zu. Er widerspricht nicht, beschwert sich dann aber über «No-go-Areas» in einigen Grossstädten. «Da traut sich nicht mal mehr die Polizei hin», sagt Ploetzing, und wie hinter jeden seiner Sätze schiebt er ein «nä» hinterher. Die innere Sicherheit ist eines der grossen Wahlkampfthemen im Ruhrgebiet.

Essen ist Standort vieler internationaler Konzerne, die Firma Krupp nahm hier ihre Anfänge, ThyssenKrupp hat hier die Konzernzentrale, genau wie die Energieversorger RWE und E.ON. Bis in die 1980er-Jahre war die Stadt geprägt von der Schwerindustrie, Zehntausende fanden in der Kohle- und Stahlindustrie ein Auskommen. Im gesamten Ruhrgebiet arbeiteten bis Ende der 1950er Jahre mehr als eine halbe Million Bergleute viele hundert Meter unter Tage.

Doch die Ruhrkohle konnte preislich international nicht mehr konkurrieren, hinzu kamen die fallenden Ölpreise, welche zu sinkendem Absatz der Ruhrkohle führte. Nach und nach wurden Zechen im «Pott» stillgelegt, heute sind nur noch wenige hundert Bergleute in der Branche tätig. Bis 2018 soll der Steinkohle-Abbau im Ruhrgebiet Geschichte sein.

Mit dem Strukturwandel begann Ende der 1960er-Jahre der Aufstieg der SPD in NRW. Vor allem der von 1978 bis 1998 20 Jahre als NRW-Ministerpräsident amtierende spätere Bundespräsident Johannes Rau verstand es, die durch den Niedergang der Schwerindustrie gebeutelten Menschen für die SPD zu gewinnen. Damals entwickelte sich NRW zur Herzkammer der Sozialdemokratie, eine rote Hochburg, die nun zu fallen droht.

«Im Sommer haben Sie die Sonne durch die schwarze Decke nicht gesehen, hier war alles dreckiger Staub in der Luft», erinnert sich Rolf Ploetzing. Ob es denn nicht besser sei für die Menschen hier, seitdem die Zechen zuhaben? Ploetzing gibt zurück: «Willste Arbeit haben oder Dreck?». Sein Blick ist streng, dann murmelt er: «Na also.»

Wandel braucht Zeit

Essen hat sich neu aufgestellt, investierte zuletzt mehr in Bildung, das Wirtschaftswachstum gehört zu den stärksten im Land. Doch es braucht Zeit, bis der Strukturwandel abgeschlossen ist. Wegen der Konzentration auf die Schwerindustrie vernachlässigte die Stadt lange höhere Bildungsangebote, viele Zechen-Leute hatten es schwer, eine neue Stelle zu finden, die Arbeitslosenrate von mehr als 12 Prozent ist ein Indiz dafür.

Es ist Abend geworden in Essen, AfD-Mann Ploetzing fährt uns zurück zur «Frühstücksoase». Das abschliessende Gespräch dreht sich wieder um Ausländer, Integration, Sicherheit, er lobt die direkte Demokratie der Schweiz. Ploetzing, der eine eigene Druckerei betreibt und Maschinenbauer lernte, hört sich die Gegenargumente an, stimmt hier und da der anderen Sichtweise zu, erklärt dann seinen Standpunkt. Gut, hat man das Gespräch am Mittag in der «Frühstücksoase» dann eben doch nicht abgebrochen.