Die altehrwürdigen Gebäude atmen den Geist ihrer 900 Jahre alten Geschichte. Könige, Staatschefs und Nobelpreisträger haben hier studiert. Wer den Campus in Oxford betritt, fühlt sich ins Mittelalter zurückversetzt. Die Universität, eine Autostunde von London entfernt, ist nach Bologna und Sorbonne die drittälteste in Europa – und gemäss internationalen Hochschule-Rankings die beste der Welt. Zu den berühmtesten Absolventen der jüngeren Vergangenheit zählen Margaret Thatcher, J. R. R. Tolkien oder Stephen Hawkings. Rektorin Louise Richardson empfängt die «Schweiz am Wochenende» in ihrem Büro mit Blick auf den Campus. «Diese Kinder werden die Welt verändern», sagt sie.

Frau Richardson, noch immer dominieren Männer die akademische Welt. Erst vor einem Jahr wurden Sie zur ersten Rektorin in der über 900-jährigen Geschichte der Universität Oxford ernannt. Wie empfanden Sie Ihre historische Berufung?

Louise Richardson: Wenn ich die Symbolik jetzt abstreiten würde, wäre das unehrlich. In Oxford dauerte es über 700 Jahre, bis Frauen überhaupt als Studentinnen zugelassen wurden. Und noch mal über 100, bis eine Frau die Leitung übernommen hat. Leider herrscht in der Gesellschaft noch immer eine grosse Diskrepanz. Nehmen Sie die Wirtschaft: In den Führungsetagen der meisten Unternehmen sitzen fast ausschliesslich Männer.

Der Frauenanteil unter Ihren Professoren ist mit 19 Prozent nicht besser.

Stimmt, das liegt aber daran, dass es nicht einfach ist, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen. Frauen bleiben weiterhin überproportional oft zu Hause, bei ihrem Nachwuchs. Erst wenn wir die Betreuung der kommenden Generation nicht mehr als Privatangelegenheit, sondern als gesellschaftliche Aufgabe betrachten, wird es genauso viele Frauen in Spitzenpositionen geben wie Männer.

Müssten nicht gerade Universitäten als Ort der Aufklärung deutlich weiter sein?

Damit haben Sie recht. Ich frage mich oft, wie viele Bücher nicht geschrieben, wie viele Lieder nicht komponiert und wie viele wissenschaftliche Entdeckungen nicht gemacht wurden, nur weil Frauen jahrhundertelang der Zugang zur Bildung verwehrt blieb.

Margaret Thatcher, selbst Oxford-Absolventin, wurde bereits 1979 zur ersten Premierministerin Grossbritanniens gewählt. Oxford hinkt 30 Jahre hinterher.

Die Pionierin

Als erste Frau leitet Louise Richardson (58) seit 2016 die britische Elite-Universität Oxford. Die irische Politikwissenschafterin ist es gewohnt, Pionierarbeit zu leisten. Karriere machte sie zunächst in Harvard mit den Forschungsschwerpunkten Terrorismus und Internationale Sicherheit. Später wurde sie Dekanin am Radcliffe Institute for Advanced Study in Harvard. Der Oxford-Posten ist nicht der einzige, den sie als erste Frau übernommen hat: 2009 wurde sie Rektorin der schottischen Universität von St. Andrews. Richardson ist verheiratet und hat drei Kinder. Zu ihren bekanntesten Büchern zählt «Was Terroristen wollen: Die Ursache der Gewalt und wie wir sie bekämpfen können». Als Oxford-Rektorin leitet sie heute die offiziell beste Universität der Welt. Im September überflügelte sie in den internationalen Rankings erstmals die amerikanische Elite-Hochschulen Harvard und Stanford. Oxford existiert nachweislich seit dem 12. Jahrhundert und ist damit nach Bologna und Paris die drittälteste Universität Europas. In Oxford studierten 6 Könige, 27 britische Premierminister und 46 Nobelpreisträger.

Sie dürfen nicht vergessen, dass mit Theresa May erst im vergangenen Sommer die zweite Frau in dieses Amt gewählt wurde. Der Fortschritt kommt in allen Bereichen nur langsam. Übrigens hat Theresa May ebenfalls hier studiert. Die beiden Frauen sind keine Ausnahme. Ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass wir 27 Premierminister ausgebildet haben.

Sind die Erfolge der Vergangenheit manchmal eine Belastung für Sie?

Natürlich spüre ich Druck, aber meine Position ist ein aussergewöhnliches Privileg. Bildung hat die Macht, Leben zu verändern. Nehmen Sie meine Biografie. Ich bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, konnte mich aber dank Stipendien weiterbilden und darf nun als Rektorin jungen Menschen auf ihrem Weg etwas mitgeben. Das ist wundervoll.

Worin sehen Sie Ihre wichtigste Aufgabe?

Mein Ziel ist es, weiterhin die besten Studenten der Welt nach Oxford zu locken. Jede Universität ist nur so gut wie ihre Studenten und Professoren. Doch wir müssen auch unsere Kommunikation verbessern. Mir ist klar, dass Oxford eine sehr privilegierte Institution ist. Umso wichtiger ist es, zu zeigen, dass wir einen bedeutenden Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung leisten.

Elite-Universitäten gelten allerdings oft als abgehoben.

Unser Image, zumindest in Teilen der Gesellschaft, entspricht nicht der Realität. Wir werden mit Privilegien und vor allem Reichtum assoziiert. Das liegt wohl an der prachtvollen Architektur auf unserem Campus und unserer jahrhundertealten Geschichte. Die Welt sollte Oxford aber als den kreativen, weltoffenen und fortschrittlichen Ort sehen, den unsere Studenten aus dem Campus machen.

Der Brexit wird einiges verändern. Wie sehr gefährdet der Austritt Ihre Ziele?

Um es milde auszudrücken: Der Brexit ist in Oxford alles andere als willkommen. Die Umsetzung wird eine enorme Herausforderung. 15 Prozent unserer Studierenden stammen aus Ländern der Europäischen Union. Sie konnten bisher verbilligt bei uns studieren. Das wird nach dem Brexit wohl nicht mehr möglich sein. Auch unsere Wissenschafter sind verunsichert, ob die EU weiterhin Geld in ihre Forschung investieren wird.

Ähnliche Bedenken gab es nach der Zuwanderungsinitiative in der Schweiz. Forcieren Sie nach dem Brexit neue Kooperationen mit Schweizer Universitäten?

Ihr habt einige aussergewöhnlich gute Universitäten. Gerade mit der ETH würden wir gerne engere Verbindungen eingehen. Durch den Brexit verlieren aber nicht nur unsere Universitäten, sondern das ganze System. Wenn man die britischen und Schweizer Hochschulen aus den internationalen Rankings nimmt, verliert Europa seine Spitzenposition. Darunter leidet der Forschungsplatz. Wir haben gesehen, mit welchen Schwierigkeiten Schweizer Universitäten zu kämpfen hatten, besonders wenn es um Gelder aus dem Forschungsprogramm Horizon 2020 ging. Das ist ein warnendes Beispiel. Ich hoffe, dass wir wie die Schweiz eine Lösung finden werden.

Haben Sie die Brexit-Bewegung unterschätzt?

Ja, natürlich, auch ich bin fälschlicherweise davon ausgegangen, dass der Brexit nie angenommen würde. Auch ich habe gedacht, dass Hillary Clinton die nächste US-Präsidentin würde. Es scheint eine wachsende Skepsis gegenüber der Elite zu geben – weltweit. Auch die Universitäten haben die Stimmung falsch eingeschätzt. Wir waren so sehr damit beschäftigt, mit Gleichgesinnten zu sprechen, dass wir übersehen haben, was an der Basis passiert. Diesen Fehler dürfen wir nicht wiederholen.

Sind Brexit und Trump vor allem Ausdruck einer wachsenden Kluft zwischen Elite und Basis?

Wir dürfen nicht vergessen, dass Hillary Clinton über 2,5 Millionen Stimmen mehr erhalten hat. Trotzdem bleibt der Sieg Donald Trumps auf jeder Ebene besorgniserregend. Wir werden noch Generationen brauchen, um die Wahl Donald Trumps zu verstehen. Ich denke, es gibt einen echten Wunsch nach Veränderung. Das würde auch erklären, warum Bernie Sanders, der das Gegenteil von Trump verkörpert, in den Vorwahlen so viele Stimmen erhielt. Jene, die Veränderung wollten, haben sie nun erhalten.

Welche Verantwortung tragen Universitäten in Zeiten von Fake News und den damit verbundenen Machtkämpfen zwischen Regierung und freier Presse?

Sie ist sicherlich gestiegen. Unsere Aufgabe ist es, Studenten zu zeigen, wie sie Informationen prüfen können und dass es problematisch ist, wenn sie ihre Nachrichten nur aus den sozialen Medien beziehen. Das selbstreferenzielle System der Filterblasen beeinflusst unsere Wahrnehmung. Doch die Veränderungen lassen sich nicht alleine durch Fake News und die sozialen Medien erklären.

Welche anderen Faktoren spielen eine Rolle?

Wir – und damit meine ich Wissenschafter weltweit – haben es versäumt, auf die enorm wachsende soziale Ungleichheit aufmerksam zu machen. Heute besitzen die 60 reichsten Menschen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Und der Trend hält an. Wie viel Geld haben die Jungs von Snapchat letzte Woche mit dem Börsengang verdient? Milliarden! Als Gesellschaft sollten wir uns fragen: Wie viel Geld ist genug für einen einzelnen Menschen?

Was können Eltern tun, um ihre Kinder auf den immer stärkeren Wettbewerb vorzubereiten?

Es gibt nichts Wichtigeres, als Kindern Freude am Lesen zu vermitteln. Sie sollen das iPad weglegen und ein Buch in die Hand nehmen – oder wenigstens eines auf dem Tablet lesen. Die Digitalisierung wird weiter voranschreiten. Wir wissen nicht, welche Berufe unsere Kinder eines Tages ausüben werden. Vielleicht sind es solche, die erst noch entstehen werden.

Dann wäre ein stärkerer Fokus auf die Folgen der Digitalisierung doch angemessen?

Natürlich ist es von Vorteil, wenn sich Kinder und Jugendliche mit neuen Technologien wohlfühlen. Wir machen uns auch hier durchaus Gedanken, ob Studenten der englischen Literatur nicht stärker im Umgang mit Computern geschult werden sollten. Als Hochschule geht es aber nicht darum, jungen Menschen konkrete Fähigkeiten beizubringen, sondern sie sollen lernen, kritisch zu denken, offen gegenüber Neuem zu sein und die Globalisierung als Chance zu sehen. Denn die Globalisierung lässt sich nicht rückgängig machen.

In der Schweiz beklagen Politiker, dass es zu viele Geistes- und Sozialwissenschafter gebe. Vielmehr sollten Studenten eine Fachrichtung wählen, die der Wirtschaft nütze.

Das sehe ich komplett anders. Diese Politiker denken nicht zu Ende. Es geht nicht darum, Anwälte, Ingenieure oder Schuhmacher auszubilden, sondern kritisch denkende, mündige Individuen. Das ist entscheidend für unsere Gesellschaft. Wissen Sie, wie viele unserer Geistes- und Sozialwissenschafter von Technologiefirmen umworben werden? Die Firmen sind interessiert daran, herauszufinden, wie Menschen denken und warum sie so denken. Oder nehmen Sie unsere Geschichtsstudenten: Sie lernen, welche Faktoren zu welcher Entscheidung geführt haben. Das ist unheimlich wertvoll, nicht nur fürs Studium, sondern für das ganze Leben. Nur weil man einige Fähigkeiten nicht in wirtschaftlichen Parametern messen kann, heisst das noch lange nicht, dass sie nichts wert sind.

Wie haben sich Ihre Studenten in den vergangenen 10 bis 20 Jahren verändert?

Sie arbeiten heute härter als früher, weil der Konkurrenzkampf grösser geworden ist, besonders seit der Finanzkrise. Jeder, der bei uns studiert, war in der Schule der Klassenbeste, und jetzt sitz er umgeben von Leuten, die genauso klug und engagiert sind wie er. Die Studierenden messen sich laufend mit ihren Kommilitonen. Nur weil man eine gute Ausbildung genossen hat, heisst das heute nicht mehr, dass man einen guten Job finden wird.

Das klingt doch sehr pessimistisch. Was stimmt Sie optimistisch für die Zukunft?

Wenn das pessimistisch erscheint, ist es falsch rübergekommen. Ich sage immer: Wir sind die letzte Bastion des Optimismus. Diese extrem intelligenten, talentierten und motivierten jungen Menschen auf dem Campus zu sehen, erfüllt mich mit sehr viel Hoffnung. Ihnen liegt das Gemeinwohl am Herzen. Sie wollen nicht reich werden, sie wollen die Welt verändern. Ich kann mir als Rektorin nichts Schöneres vorstellen.