Die Worte von Marta Torrecillas verbreitete sich wie ein Lauffeuer. «Sie haben mir die Finger einen nach dem anderen gebrochen und mir an die Brüste gefasst», schluchzte sie in einer Sprachnachricht.

Am Tag des Referendums über die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien gelangte das Tondokument über Facebook und Twitter in die Medien. Spanische Polizisten hatten an jenem 1. Oktober 2017 Wahllokale in ganz Katalonien gestürmt, um die verbotene Abstimmung zu verhindern. Torrecillas beobachtete die Wahl im Schulhaus Pau Claris in Barcelona.

Die Sprachnachricht war einer der ersten Belege für die Polizeibrutalität, die später weitherum verurteilt wurde. Der Fussballtrainer von Manchester City, Pep Guardiola, wiederholte die Geschichte der Frau, deren Finger einzeln gebrochen worden seien. Die Bürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau, prangerte den sexuellen Übergriff an.

Wahrheit oder Fake News?

Ein Jahr danach sitzt die 34-jährige in einem Kaffee in Basel. Sie ist aus Barcelona angereist und wird später an einer Veranstaltung von Auslandskatalanen ihre Geschichte erzählen. Es geht ihr darum, einiges richtigzustellen. Denn ihre Sprachnachricht hat sich nach der Veröffentlichung zu einem Bumerang entwickelt, der wuchtig in ihr Leben eingeschlagen ist. Torrecillas ist mittlerweile in ganz Spanien unter dem Namen «Marta dedos rotos» bekannt.

Der Zusatz «gebrochene Finger» ist höhnisch gemeint. Denn Marta gilt bei vielen Spaniern mittlerweile als Lügnerin. Das hat mit einem Interview zu tun, dass sie am Tag nach dem Unabhängigkeitsreferendum gab. Nach einem Spitalbesuch räumte sie ein, dass zwar die Finger der linken Hand und die Schulter verletzt, aber kein Finger gebrochen war.

Dann begann der Shitstorm. «Marta, die Lügnerin» hiess es nun. Boulevardjournalisten belagerten sie und breiteten Details über ihr Privatleben aus. Die Wut vieler Spanier gegen die abtrünnigen Katalanen entlud sich in Internetforen, wo Torrecillas Telefonnummer veröffentlicht wurde. Sie bekam nach eigenen Angaben über 3000 Nachrichten und 900 Anrufe.

Obwohl sie die Telefonnummer wechselte, wird sie immer noch wöchentlich mit Mord- und Vergewaltigungsdrohungen eingedeckt. Am Tisch im Basler Kaffee zückt sie ihr Smartphone und zeigt die Liste der Personen, welche sie blockiert hat. In den Profilbildern sieht man viel rot und gelb. Die Krieger im Netz zeigen die spanische Flagge. Torrecillas geht gerichtlich gegen sie vor.

Ihren alten Job als Eventmanagerin musste sie an den Nagel hängen. Ihr Arbeitgeber hielt zwar zu ihr. Mit ihrem mittlerweile national verhassten Gesicht durfte sie die Firma aber nicht mehr nach aussen vertreten. Mittlerweile arbeitet sie bei einem Arbeitgeber, der die Unabhängigkeitsbewegung positiv sieht.

Was an jenem Tag, der Torrecillas Leben auf den Kopf stellte, geschah, zeichnet nun ein Dokumentarfilm nach. Er stammt von einem Journalisten des katalanischen TV-Senders TV3. Er befand sich am 1. Oktober 2017 in der Schule Pau Claris, wo Torrecillas im Auftrag der Regionalregierung den Abstimmungsvorgang überwachte.

Der Film zeigt, wie zwei Beamte der katalanischen Lokalpolizei vorbeikamen und die Anwesenden baten, die Schule zu verlassen, weil das Referendum illegal sei. Ein Gericht hatte es verboten. Doch die anwesenden Separatisten, die bereits die Nacht in der Schule verbracht hatten, um das Wahllokal offen zu halten, bleiben.

Dann kam die Policía Nacional mit Helmen und Schlagstöcken. Eine Zeit lang wurden sie von einem Schulhoftor aufgehalten, das Aktivisten blockierten. Über einen anderen Eingang verschafften sich die Polizisten Zutritt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich ein Teil der Besatzung des Stimmlokals bereits auf eine Treppe gesetzt, die in den ersten Stock zu den Abstimmungsurnen führte. Handyvideos zeigen ältere Personen und viele Frauen, die passiv Widerstand leisteten.

Marta stand unbeteiligt oben an der Treppe. Der Dokumentarfilm zeigt aus der Perspektive von Zeugen beziehungsweise ihrer Smartphonekameras, wie sich die Polizisten die Treppe hinaufprügeln. Das Video eines Polizisten, der von einer der oberen Stufen einen Satz nimmt und auf eine Person weiter unten eintritt, ging bereits am gleichen Tag um die Welt.

Marta Torecillas wird am 1. Oktober 2017 im Schulhaus Pau Claris in Barcelona von Polizisten der spanischen Policia Nacional die Treppe heruntergezerrt und dabei an der Hand verletzt. Die Polizisten kamen, um Urnen für das Referendum über die Unabhängigkeit der Region Kataloniens zu beschlagnahmen. Es war gerichtlich verboten worden. Quelle: Youtube/ La Vanguardia

Informationskrieg um Katalonien

Die Szene, die Marta Torrecillas berühmt machte, ereignete sich, als die Treppe schon geräumt und die Urnen beschlagnahmt waren. Torrecillas nähert sich zwei Polizisten von hinten. In dem Moment kam ein weiterer Polizist von der Seite und packt sie am Arm. Sie sackt zusammen.

Dann entsteht ein Gerangel. Ein Polizist packt mit beiden Händen Torrecillas rechte Hand, in der sich ihr Smartphone befindet. Dann zieht er sie die Treppe hinunter. Ihr Minirock rutscht dabei nach oben, sodass sie praktisch in Unterhose über die Stufen schlittert.

Was dann weiter unten geschah, ist auf dem Film nicht mehr richtig zu erkennen. Torrecillas Stimme stockt, als sie sich erinnert. Ein Polizist habe ihr an die Brüste gefasst und ihr einzeln die Finger der linken Hand ausgerenkt. Die Policía Nacional bestreitet die Vorwürfe. «Es schmerzte höllisch und in dem Moment dachte ich, sie wären gebrochen», sagt Torrecillas.

Sanitäter, die die Hand später untersuchten, hätten sie bei ihrem Eindruck bestärkt. «Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gesagt, was ich erlebt habe», sagt sie über ihre Sprachnachricht.

Und spielt es überhaupt eine Rolle, ob die Finger gebrochen oder nur verstaucht waren? Im heutigen Spanien schon, denn es tobt ein Informationskrieg. Am Tag des Referendums mischten sich auf Twitter echte Bilder von gewalttätigen Polizisten mit Archivfotos aus anderen Regionen. Die Aussage des damaligen spanischen Aussenministers Alfonso Dastis, der mit Verweis auf gefälschte Bilder jegliche Brutalität bestritt, wurde zwar durch Dutzende echte Videos wiederlegt.

Doch das vermochte die Wut auf Torrecillas nicht zu dämpfen. Durch den Dokumentarfilm haben die Drohungen wieder zugenommen. Trotzdem würde sie alles wieder gleich machen, wenn sich das Referendum wiederholte, sagt sie und schiebt nach: «Obwohl, ich würde diesmal Handschuhe tragen.»