Ein ehemaliger Uber-Fahrer, zwei Rentner aus Buffalo und ein Schweizer Journalist gehen gemeinsam in eine Hochzeitskapelle. Es ist der 1. Mai – ein Montag, an dem die Sonne in Las Vegas noch ein bisschen stärker brennt als normalerweise. Vor genau 50 Jahren haben sich Priscilla und Elvis Presley (1935– 1977) hier das Jawort gegeben; Deborah und John wollen es ihnen gleichtun.

Dass die beiden Rentner heute heiraten würden, das wussten sie gestern noch nicht. Und doch stehen sie jetzt einander gegenüber vor dem Altar, halten sich an den Händen und warten darauf, den Bund fürs Leben zu schliessen. Er sucht ihre Augen, sie ihre Schuhe. Beide sind nervös. Deborah und John sind seit acht Jahren ein Paar und wollten eigentlich nie heiraten. Dann kamen sie nach Vegas.

Die Bänke in der «Little White Wedding Chapel» sind leer – Freunde und Familie wissen noch nichts von der Hochzeit. Dafür ging alles zu schnell. Als Trauzeuge fragten Braut und Bräutigam deshalb spontan jenen Schweizer Journalisten an, den sie kurz zuvor im Empfangsraum der Kapelle kennen gelernt hatten, der jetzt auf der hintersten Holzbank sitzt und das Schauspiel etwas perplex verfolgt. Finanziell ist das ein guter Deal.

Denn wenn eine Mitarbeiterin der Kapelle als Trauzeugin einspringen muss, dann kostet das extra. So zahlen Deborah und John für ihre Hochzeit lediglich 75 Dollar. Dazu kommen 77 Dollar für die Heiratslizenz, die sie sich im Standesamt einige Querstrassen weiter haben ausstellen lassen. «So einfach und so billig ist das sonst nirgends», wird John nach der Hochzeit seinem Trauzeugen erklären. «Wir dachten irgendwann, dass wir es ausnützen müssen, wenn wir schon mal hier sind.» Zwischen dem definitiven Entscheid und dem Beginn der Zeremonie vergingen nur knapp 90 Minuten.

Sie, klein und etwas mollig, hat sich kurzfristig noch eine weisse Bluse und weisse Turnschuhe besorgt. «Das gehört doch irgendwie zu einer Hochzeit», sagt Deborah. Er, gross und mit Schnurrbart, hat sich nach längerer Diskussion dem Anzug erfolgreich verweigert, trägt seine angestammten braunen Sandalen, schwarze Shorts und ein zu enges T-Shirt, das sich über seinen Bierbauch spannt.

Am Handgelenk haben beide noch das orange Eintrittsband von jenem Nachtclub, wo heute in den frühen Morgenstunden die Idee vom Heiraten erstmals aufgekommen ist. Dem Trauzeugen werden sie nach der Zeremonie versprechen, dass sie ihm jeweils am Hochzeitstag eine Postkarte schicken werden – so richtig glaubwürdig wirkt das aber nicht.

Eine Stadt der Widersprüche

Getraut werden sie von Sam Kassab, einem sympathischen Ägypter. Bis vor einigen Jahren arbeitete Kassab noch als Uber-Fahrer, dann sicherte er sich einen Job als Limousinen-Chauffeur bei der Hochzeitskapelle. Als schliesslich eine Stelle als «Minister» frei wurde, nutzte er die Chance, füllte im Internet ein Formular aus, wartete einige Tage auf die Bestätigung und führte danach seine erste rechtlich legitime Hochzeit durch.

In der Stadt Las Vegas werden pro Jahr rund 80 000 Heiratslizenzen ausgestellt. Das sind doppelt so viele wie in der ganzen Schweiz – rechnet man es pro Einwohner, sind es gar achtmal mehr. Je näher das Wochenende rückt, desto omnipräsenter wird das Heiraten. Dafür sorgt die Braut, welche mit Absatzschuhen in der Hand und Brautjungfern im Schlepptau durch das Casino rennt, um doch noch rechtzeitig zu ihrer Hochzeit zu kommen.

Dafür sorgen aber genauso die frisch vermählten Ehepaare, die nebeneinander vor den Fontänen des Bellagios für Hochzeitsfotos posieren, und die zwei älteren Frauen am Hotelpool, welche den nahenden Junggesellinnenabschied planen. Für viele ist eine Hochzeit in Las Vegas ein Traum. Und das, obwohl die ursprünglich religiöse Zeremonie im diametralen Kontrast zu jenen Dingen steht, für welche die Oase in der Mojave-Wüste sonst eigentlich bekannt ist: Glücksspiel, Polterabende und viel Prostitution. Heiraten in der Stadt der Sünden; diese Ambivalenz passt zum Ort, der von Widersprüchen nicht nur geprägt ist, sondern darauf aufbaut.

«Als sei es gestern gewesen»

Die Liste von Prominenten, die sich in Vegas das Jawort gegeben haben, ist lang. Aber keine Hochzeit ist mit jener vergleichbar, die am 1. Mai 1967 stattfand – genau 50 Jahre, bevor Deborah und John hier vor dem Altar stehen. Denn damals heirateten Priscilla und Elvis Presley. Er, der «King of Rock and Roll», hat Vegas geprägt wie kein Zweiter.

Hier hat der Sänger seine ersten Erfolge gefeiert und 837 Shows am Stück vor ausverkauften Rängen gespielt. Mit seinem Auftritt, vor allem aber mit seinem Aufstieg, hat er der damals zwielichtigen Stadt zu einem Imagewechsel verholfen.

Dokumentation: Wie Priscilla Beaulieu zu Elvis Presleys Frau wurde

Elvis Presley und Priscilla Beaulieu ist die Geschichte eines Mädchens, das ein Idol kennenlernen will und doch nur einen Menschen trifft. Der ebenso unsichere wie untreue Star enttäuscht die Minderjährige, doch getrieben vom Ehrgeiz ihrer Mutter geht sie eine Verbindung mit ihm ein. Erst nach Jahren kann sie sich aus der Falle befreien. Später wird sie vom Anhängsel des Kings zur Regentin seines Imperiums. Annette Baumeister und Natascha Walter erzählen die Liebe zwischen Elvis und Priscilla ungeschönt aus einer neuen Perspektive. Neben Suzanne Finstad und Currie Grant kommen Elvis' Weggefährten Joe Moscheo und Terry Blackwood zu Wort.

Und obwohl die Ehe von Priscilla und Elvis lediglich fünf Jahre dauerte, ist ihre Hochzeit noch immer eines der prägendsten Ereignisse in der Geschichte von Vegas. Nur ans Jubiläum scheint sich heute niemand mehr zu erinnern: Nicht Deborah und John, die sich jedoch sichtlich über den Zufall freuen. Auch nicht Erin Gilday, die Verantwortliche der Hochzeitskapelle im Hotel Planet Hollywood, wo Elvis vor 50 Jahren heiratete.

Gilday erzählt zwar, dass immer wieder Paare explizit hierherkommen, um sich am selben Ort wie Elvis trauen zu lassen, aber an diesem Montag seien keine Eheschliessungen geplant. Nach speziellen Jubiläums-Anlässen sucht man auch in den anderen Kapellen vergebens. An diesem Montag scheint sich nur jemand an das Jubiläum zu erinnern; eine ältere Frau, die deshalb schon den ganzen Tag strahle, wie ihre Angestellten versichern: Charlotte Richards ist heute 82-jährig und könnte die Hochzeit von Elvis nie vergessen. Schliesslich war sie dabei.

Es sei eine Feier im kleinen Rahmen gewesen, erzählt Richards, höchstens 20 oder 25 Leute: «Elvis sah so schön aus wie immer – ein wunderbarer Bräutigam. Aber nervös war er», sagt sie und lacht, «ich habe ihn selten so nervös gesehen.» Die blonde Frau mit der gepunkteten Bluse sitzt auf einer Holzbank vor jener Kapelle, wo kurz zuvor Deborah und John geheiratet haben. Neben Richards liegen ihre beiden Hündinnen, welche sie gerade vom wöchentlichen Coiffeur-Termin abgeholt hat.

An die Trauung von Elvis erinnert sich die 82-Jährige, «als sei es gestern gewesen»: Ein kleiner Konferenzraum musste damals genügen für jene Hochzeit, über welche die ganze Welt sprach. Vor 50 Jahren war Elvis zwar erst 32-jährig, aber bereits der mit Abstand bestbezahlte Entertainer der Welt. Eine Kapelle wäre von seinen Fans belagert worden. Richards kümmerte sich damals um die Blumen, dekorierte den Saal und hiess die Gäste willkommen.

Auch heute lächelt sie noch ununterbrochen, wenn sie von der Hochzeit erzählt. Dass Richards 82 Jahre alt ist, das sieht man nur ihren Händen an. Sie wirkt jung und aufgestellt, freut sich enorm über den Besuch aus Europa. Schon ein paar Mal habe man sie über den Atlantik geflogen, um dort Paare zu trauen, erzählt sie. Richards gilt weltweit als die unangefochtene «Wedding-Queen».

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Nicht nur weil sie damals die Blumen bei der Elvis-Hochzeit vorbereitet hatte, sondern vor allem, weil sie einige Jahre später ihre eigene Kapelle kaufte, die «Little White Wedding Chapel». Hier hat sie nicht nur Promis wie Britney Spears, Michael Jordan und Frank Sinatra verheiratet, sondern nach eigenen Angaben rund eine Million Hochzeiten organisiert. Auch heute ist Richards noch fast täglich im Einsatz.

Die «Little White Wedding Chapel» ist rund um die Uhr und während des ganzen Jahres geöffnet. Paare können sich in vier verschiedenen Kapellen trauen lassen, dazu noch in einer Gartenlaube und im weltberühmten «Tunnel of Love». An einem arbeitsreichen Tag wird im Akkord geheiratet: Alle paar Minuten kommt ein neues Paar an – wer zu wem gehört, das kann man als Aussenstehender schnell nicht mehr beurteilen.

Das Treiben und Hetzen im Empfangsraum erinnert nämlich eher an ein amerikanisches Fastfood-Restaurant als an eine Hochzeitskapelle; je schneller die Kunden abgefertigt werden, desto besser. Und auch der «Tunnel of Love» passt irgendwie in dieses Bild. Denn dort werden sogenannte Drive-Thru-Hochzeiten angeboten: Paare können direkt im Auto verheiratet werden, ohne dass sie dafür je aussteigen müssen. Es ist eine jener Ideen von Richards, die wohl nur in Las Vegas gedeihen können. Jedoch ist es nicht die einzige.

Der Echteste aller Falschen

Hätten Deborah und John gewusst, dass man sich hier statt vom ehemaligen Uber-Fahrer Sam auch von Elvis höchstpersönlich trauen lassen kann, dann hätten sie sich das vermutlich sogar überlegt, sagt die frischgebackene Braut und lacht. In den 80er-Jahren, als die Welt noch um den «King of Rock and Roll» trauerte, versuchten in Las Vegas diverse Elvis-Imitatoren aus dem Imperium des Sängers Profit zu schlagen.

Richards war damals die Erste, welche einen von ihnen einlud, um in ihrer Kapelle eine Hochzeit zu organisieren; Trauung statt Trauer. Die Paare kamen sofort in Scharen. Unterdessen ist die Elvis-Zeremonie im Angebot von fast jeder Kapelle in Las Vegas – und es gibt Dutzende Imitatoren, welche ihre Dienste als Minister anbieten.

Bei der «Little White Wedding Chapel» kann man sich für 345 Dollar von Elvis verheiraten lassen. Das sei zwar etwas teurer als bei der Konkurrenz, gibt Richards zu, aber es lohne sich. Denn bei ihr werde man vom echtesten aller falschen Elvisse getraut, sagt sie und streichelt ihre Hündin: «Ich habe über die Jahrzehnte mit Dutzenden Imitatoren zusammengearbeitet. Mit den dicken, den dünnen, den hässlichen, den spanischen und den asiatischen. Aber keiner ist so sehr Elvis wie unser Jesse.» Und tatsächlich – er, Jesse Garon, hat sein komplettes Leben darauf ausgerichtet, zum perfekten Double seines Idols zu werden.

Dank unzähligen Schönheitsoperationen ist er dem «King of Rock and Roll» unterdessen wie aus dem Gesicht geschnitten. Dazu kommen die typischen Kleider, der Akzent und die charakteristischen Bewegungen; Jesse Garon gibt eine erschreckend gute Elvis-Kopie ab. Und das, obwohl an ihm alles falsch ist, was falsch sein kann – sogar sein Name. Der Imitator liess sich nämlich offiziell umtaufen, damit er gleich heisst wie der früh verstorbene Zwillingsbruder von Elvis.

Mit diesem Einsatz hat er es sogar auf die Titelseite des renommierten «Time»-Magazins geschafft. Vor allem aber verdient der Elvis-Imitator damit  unterdessen mehr Geld in den Hochzeitskapellen von Las Vegas, als die meisten Touristen während derselben Zeit in den Casinos verspielen können. Einige Tage nachdem der originale Elvis seinen 50. Hochzeitstag gefeiert hätte, fährt sein Double Jesse Garon auch bei der «Little White Wedding Chapel» vor. Er sitzt in seinem pinken Cadillac, winkt und grinst über das ganze Gesicht. Es ist bereits seine sechste Hochzeit an diesem Tag – zwei weitere werden noch folgen.

Wo bleibt die Liebe?

Zeit ist Geld. Nach seiner Ankunft vergehen nur etwa zwanzig Minuten, bis Jesse Garon bereits «Can’t Help Falling In Love» singt, die Hüfte schwingt und sich für die Smartphone-Kameras in Szene setzt. Gleichzeitig schmusen Regina und Joe, die frisch Verheirateten, auf der Rückbank seines pinken Cadillacs. Der echteste aller falschen Elvisse hat ihnen den Wagen für eine Drive-Thru-Hochzeit ausgeliehen, traute die beiden dabei auch gleich selber. Charlotte Richards steht währenddessen nur wenige Meter daneben und hat wässrige Augen. Auch nach der millionsten Hochzeit – und das ist durchaus wörtlich zu verstehen – wird sie noch emotional.

Denn obwohl der Strip in Vegas komplett unecht und affektiert ist, sind diese Zeremonien für sie weit mehr als Show. Es ist eine Verbindung vor Gott. Und an dieser Überzeugung können weder die Promoter etwas ändern, die vor ihrer Kapelle Visitenkärtchen für die «besten Nutten der Stadt» verteilen, noch die Prostituierten, die sie am frühen Morgen immer mal wieder halb bewusstlos in ebendiesem pinken Cadillac entdeckt. In der Stadt der Sünde ist es schwierig, nicht den Glauben an Liebe, an Echtheit und Aufrichtigkeit zu verlieren. Spätestens nach einer Woche fliehen die meisten Touristen deshalb wieder in die Realität.

Und obwohl die Akkord-Hochzeiten auf den ersten Blick genauso pathetisch anmuten wie der Rest der Stadt, sind sie es eben doch nicht. Das merkt man, wenn sich Regina und Joe auf der Rückbank des pinken Cadillacs ganz tief in die Augen schauen, dabei sowohl die Elvis-Kopie als auch die SmartphoneKameras verschwinden. Wenn Deborah vor dem Altar die Hände von John streichelt und plötzlich völlig egal ist, dass die beiden ihren Trauzeugen erst vor ein paar Minuten kennen gelernt hatten, sie ihm wohl nie eine Postkarte schicken werden.