Das knappe Ja des Stimmvolks zur Zweitwohnungsinitiative habe verheerende Folgen für die Baubranche. Das sagt der Schweizerische Baumeisterverband voraus. «Mindestens 10 000 Arbeitsplätze sind gefährdet», sagt Präsident Werner Messmer. «Das ist sehr happig und eine eher konservative Schätzung.»

Offenbar überrascht vom Abstimmungsergebnis, liess er in dieser Woche berechnen, wie viele Arbeitsplätze vom Zweitwohnungsbau abhängen. Das Ergebnis: In den Tourismusgebieten ist es jede zehnte der 100 000 Stellen. Die Einbusse könne mit zusätzlichen Hotel- oder Erstwohnungsbauten nicht wettgemacht werden, glaubt der Verband.

Bei dieser düsteren Prognose stützt sich der Verband auf die Berechnungen der betroffenen Kantonalsektionen: «In Graubünden sind eher kurz- als langfristig mindestens 2000 Stellen bedroht», sagt Andreas Felix, Geschäftsführer des kantonalen Baumeisterverbandes. Der Zweitwohnungsbau macht in Graubünden über 10 Prozent des gesamten Bauvolumens aus. In den vom Baustopp am stärksten betroffenen Regionen liegt dieser Anteil weit höher. Felix rechnet deshalb damit, dass allein im Bauhauptgewerbe 700 der 5800 Stellen wegfallen. «Ohne Entlassungen geht das nicht.»

Noch stärker trifft es laut seiner Berechnung das Baunebengewerbe. Es macht im Wohnungsbau zwei Drittel des Bauvolumens aus. 1300 Stellen von Malern, Gipsern, Schreinern und Haustechnikern seien gefährdet. «Es gibt Betriebe, die so stark betroffen sind, dass sich für sie die Frage nach der Zukunftsfähigkeit stellt. Auch drastischste Optionen wie Konkurse und Betriebsschliessungen sind nicht auszuschliessen.»

Im Wallis sei die Lage «dramatisch», sagt Serge Métrailler, Direktor des Walliser Baumeisterverbandes. «Mindestens 2000 Stellen werden sicher aufgehoben. Ab Frühling 2013 kommt es zu Entlassungen.» Im Wallis beschäftigt die Baubranche 25 000 Mitarbeiter. Davon arbeiten 4800 in den vom Baustopp betroffenen Gebieten. «Es gibt viele Firmen, die nur im Zweitwohnungsbau tätig sind», sagt Métrailler. «Es wird ganz klar Konkurse und Firmenliquidationen geben.»

Betroffen seien überdies die mit der Bauwirtschaft verflochtenen Immobilienhändler, Treuhänder, Anwälte und Banken. «Die Wirtschaft ganzer Dörfer ist bedroht», glaubt Métrailler. «Es wird zu einer Abwanderung aus den Alpentälern kommen.» In der Innerschweiz seien «mindestens 1000 bis 1500 Stellen gefährdet», sagt Joseph Lustenberger, Präsident der Zentralschweizerischen Baumeisterverbände.

«Ab diesem Herbst heisst es: Das wars dann wohl. Konkurse und Liquidationen sind ganz sicher.» Gefährdet seien vor allem Firmen, die zuhinterst in den Tälern liegen, zum Beispiel in Engelberg.

Der Umsatz der Tessiner Bauwirtschaft werde wegen der Zweitwohnungsinitiative mindestens um 10 bis 20 Prozent einbrechen, glaubt Nicola Bagnovini, Vizedirektor des Tessiner Baumeisterverbandes. Umgelegt auf die 20 000 Beschäftigten des Sektors bedeutet das, dass 2000 Stellen akut gefährdet sind.

In den übrigen betroffenen Kantonen wie Bern, Uri oder Waadt rechnen die Baumeister ebenfalls mit Jobverlusten. Tausende Stellen seien zudem bei Planern, Immobilienhändlern und der Zulieferindustrie bedroht, sagt Charles Buser, Direktor des Dachverbandes Bauen Schweiz. «Die Auswirkungen werden für die ganze Bauwirtschaft massiv sein.»

Diese Befürchtung teilen die beiden Schweizer Grossbanken. «Bei einem totalen Baustopp für Zweitwohnungen sollten rund 6000 bis 7000 Vollzeitstellen wegfallen», sagt Matthias Holzhey, Immobilienspezialist der UBS. «Die Schätzung ist eher vorsichtig gerechnet.»

«In den kommenden Jahren ist mit einem spürbaren Beschäftigungsrückgang in den betroffenen Branchen zu rechnen», sagt auch Thomas Rieder, Immobilienexperte der Credit Suisse. Nach seiner Berechnung dürfen in 550 Gemeinden keine Zweitwohnungen mehr gebaut werden. Er geht davon aus, dass im Hochbau in den touristischen Gemeinden 5 Prozent der Stellen wegfallen, im Ausbaugewerbe sogar über 8 Prozent.

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