Zürich liegt im Aargau

Illustration: Nicolas Bischof

Illustration: Nicolas Bischof

Erst das Stadtpräsidium, dann TeleZüri und jetzt auch noch Rekordmeister GC: In Zürich übernehmen Aargauer das Ruder.


Der Rüebligraben schien unüberwindbar. Oder erinnert sich noch irgendjemand an Lorena Oliveri? Die dunkelhaarige Wirtschaftsstudentin aus Spreitenbach wollte im Jahr 2009 Miss Schweiz werden. Die damals 21-Jährige stieg mit dem Versprechen ins Rennen, wegweisende Fortschritte in der Völkerverständigung erzielen zu können – weil sie sowohl in Zürich als auch im Aargau aufgewachsen sei.

Damit machte sie sich in beiden Kantonen unwählbar. Den Rest der Schweiz wiederum kümmerte dieser lokale Konflikt herzlich wenig. Sie kürte lieber die Blondine Linda Fäh zur Königin – und deren gute Freundin Lorena schied sang- und klanglos aus.

Die Animositäten zwischen Zürchern und Aargauern sind uralt. Und sie wurden stets mit viel Liebe gepflegt. Wer ein stolzer Bürger von Argovia sein will, hat es bis heute nicht verdaut, dass Aarau nur zur Zeit der Helvetik der Nabel der Schweiz war. Man schrieb das Jahr 1798. Doch alsbald löste die Eidgenossenschaft ihren Regierungssitz in der Provinz auf und gab lieber Bern (der offiziellen Hauptstadt) und vor allem Zürich (der wirklichen Hauptstadt!) den Vorzug.

Die Politik hat sich längst mit dieser Schmach abgefunden und spricht auf der Kantonshomepage www.ag.ch bescheiden von einer «Schweiz im Kleinen» zwischen Rhein, Reuss und Aare, welche die «grossen Zentren verbindet». Das Volk dagegen neigt zu Kompensationshandlungen. So wird auf der A1 jedes Gefährt mit ZH-Nummernschild gnadenlos weggeblinkt, das sich nach dem Bareggtunnel auf die Überholspur wagt. Und Samstag für Samstag fährt eine Heerschar frisch frisierter Menschen mit Kennzeichen AG in die umgekehrte Richtung, um – man muss es als verzweifelten Akt der Rückeroberung verstehen – über die Szenelokale in den Stadtkreisen 4 und 5 herzufallen.

Die Zürcher gehen seither lieber von Montag bis Donnerstag in den Ausgang. Am Wochenende zocken sie dann die Auswärtigen mit überrissenen Getränkepreisen ab. Oder überschütten sie im Fussballstadion mit Spott und Häme: «Aarau hät kei Disco, schalalala», hallte es jeweils aus dem FCZ-Gästesektor durchs Brügglifeld, als der FCA noch bei den Grossen mitspielte. Gipfel der Bosheit ist wohl, dass sich die Zürcher jetzt für 2,4 Millionen Franken einen neuen Strichplatz leisten – und ihn ausgerechnet an der Aargauerstrasse bauen.

Doch Rache ist süss. Peach Weber, dessen Witze kein Zürcher ernsthaft lustig finden kann, hat für sich das ganze Hallenstadion reserviert. Am Freitag, dem 15. Oktober 2027. Das Schlimme daran: Das Haus könnte an diesem Abend tatsächlich ausverkauft sein. 4500 Tickets sind schon weg.

Es hätte also dringend eine Botschafterin wie Lorena Oliveri gebraucht, um die alten Gräben endlich zuzuschütten. Doch fast zeitgleich mit ihrer Nichtwahl mehrten sich urplötzlich die Aargauer Erfolgsmeldungen in der Grossstadt. Im selben Jahr haben nämlich 41 745 Wahlberechtigte Corine Mauch zur Miss Zürich – pardon: zur ersten Stadtpräsidentin von Zürich – erkoren. Die SP-Politikerin ist schweizerisch-amerikanische Doppelbürgerin und im erzkatholischen Oberlunkhofen AG gross geworden. Ihr Grossvater mütterlicherseits führte in Oftringen eine Metzgerei. Dank Mauch spricht das offizielle Zürich jetzt einen charmanten Kellerämtler Dialekt, wenn es das Filmfestival eröffnet oder einen Gleichstellungsbaum pflanzt.

Danach ging es Schlag auf Schlag: Der Aargauer Verleger Peter Wanner (der auch den «Sonntag» herausgibt) kaufte sich erst TeleZüri und dann Radio 24, das in der Stadt so etwas wie Denkmalschutz geniesst und mit «Das isch Züri.» wirbt. (Dessen Urzürcher Gründer Roger Schawinski, der erfolglos mitgeboten hat, fragt sich seither, wofür er eigentlich anno dazumal auf den Pizzo Groppera gestiegen sei.)

Der vorläufige Höhepunkt dann diese Woche: André Dosé, ursprünglich gar kein Aargauer, aber seit langer Zeit im Fricktal fest verwurzelt, wird neuer Chef der Grasshoppers. Der Rekordmeister greift also in höchster Not auf einen Troubleshooter aus dem Nachbarkanton zurück, um GC aus dem Elend zu holen. Diese Nachricht hat die Region derart in Ekstase versetzt, dass ein namhafter Journalist aus Baden gleich auch noch Rolf Fringer, den neuen FCZ-Meistertrainer in spe, auf die Liste der Zürich-Eroberer setzen wollte. Man mag es ihm nicht verübeln, schliesslich war der Adliswiler mit österreichischem Pass mit dem FC Aarau erfolgreicher als Ottmar Hitzfeld.

Auch ohne den gefühlten Aargauer Fringer war das für diese Zeitung Anlass genug, hier und heute eine ganze Seite für das Thema «Die Aargauerisierung Zürichs» freizuräumen. Eine Entwicklung, die allerdings den Zürchern selbst noch gar nicht aufgefallen ist – und sie deshalb komplett kalt lässt. Auf die Herkunft der Stadtpräsidentin angesprochen, sagt jedenfalls die eine Hälfte der Befragten: «Sie ist Aargauerin? Das wusste ich gar nicht.» Und die andere Hälfte fragt: «Wer ist Corine Mauch?»

Ebenso spurlos ging am Zürcher Fernsehpublikum vorbei, dass ein Aargauer bei TeleZüri das Sagen hat. Bevor dieser den Sender kaufte, diskutierte Markus Gilli im «SonnTalk» mit Ulrich Giezendanner (SVP), Cédric Wermuth (SP) und Christine Egerszegi (FDP). Seit der Übernahme sitzen nun halt Cédric Wermuth (SP), Christine Egerszegi (FDP) und Ulrich Giezendanner (SVP) in der Runde. Nur die Werbespots mit DJ Bobo fürs Shoppi Tivoli scheinen häufiger über den Sender zu gehen als auch schon.

Das kleine Beispiel zeigt, wie Zürich wirklich tickt. Die selbst ernannte Metropole lockt die grossmäuligsten, schlauesten, schrägsten, mächtigsten Leute zu sich und macht damit Quote. Ein Redaktionskollege hat das Erfolgsrezept der Stadt einmal wie folgt beschrieben: «In Zürich sitzen die Banken, die Hochschulen, die Kreativen und die Medien. Deshalb wollen alle, die ehrgeizig sind, unbedingt dorthin.» Die neuen und alten Zürcher strampelten sich dann ungeheuer ab, um in diesem grossen, bunten und manchmal auch peinlichen Teich irgendwie aufzufallen. Mal mit dem Kopf über, mal unter dem Wasser. Diese Energie treibt die Stadt an, macht sie zur landesweiten Leaderin (ausser momentan im Fussball). Deshalb passt auch der Slogan «World Class. Swiss Made» weit besser zu ihr als das frühere Etikett «Little Big City».

So freuen wir Zürcher uns insgeheim sogar darüber, dass jetzt prominente Aargauer ein paar der heikelsten Posten übernehmen, welche die Stadt zu bieten hat. Und seien wir ehrlich: Ist es nicht mehr als fair, dass nun André Dosé den Schlamassel ausbadet, den der Wohler Ciriaco Sforza angerichtet hat?

*Patrick Kühnis (35) ist gebürtiger Stadtzürcher und arbeitet für das Lokalressort des «Tages-Anzeigers». Er wohnt in Winterthur.

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