Sieht so eine Piratin aus? Pinkes Jackett statt schwarzes T-Shirt, silbern lackierte statt abgenagte Fingernägel. Julia Schramm (26), Vorstandsmitglied der deutschen Piratenpartei, ist vom Image eines Computer-Nerds so weit entfernt, wie die Schweizer Piraten von einem Sitz im Bundesrat. Und doch ist sie das Gesicht der deutschen Schwesternpartei.

Morgen Montag erscheint ihr erstes Buch. «Klick mich: Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin». 100 000 Euro soll Schramm für ihr Erstlingswerk bekommen haben. Das passt nicht allen. Sie, die Piratin, publiziert bei einer Tochter des Branchenriesen Bertelsmann, dem Feindbild vieler ihrer Kollegen.

«15 Prozent der Piraten hassen mich bestimmt», sagt Schramm nüchtern über die 30 000-Mitglieder-Partei. Die Vorwürfe, die man ihr macht, wiederholen sich: Sie sei mediengeil, inszenierungssüchtig, ein Bühnenluder. Dabei winkt sie bei den meisten Medienanfragen ab. Auf «Bild» («mit denen rede ich nicht»), die «Zeit» («die sollten sich schämen») und die «Frankfurter Allgemeine» («unfair») ist sie nicht gut zu sprechen. Von 30 Anfragen hat sie zuletzt 25 abgelehnt.

Auslöser dafür war ausgerechnet einer der schönsten Momente in ihrem Leben. Am Silvesterabend machte ihr der Berliner Pirat Fabio Reinhardt am Rande einer Protestaktion in Budapest einen Heiratsantrag. Und Julia Schramm tat, was sie eben am liebsten tut: Sie twitterte (8186 Follower) die gute Nachricht in die Welt hinaus – samt Foto des Verlobungsrings.

Die Häme war gross. Ein Parteikollege ätzte: «21. Jahrhundert und dann heiraten, wie rückständig ist das denn?». Und «Die Zeit» spottete in einer Glosse: «Was soll man von einem Ring halten, der gerade mal 79 Euro kostete und in dem sich ein paar Swarovski-Krümel Mühe geben aufzufallen?» Das war zu viel für die 26-Jährige, die ihrem Freund damit gedroht hatte, «Nein» zu sagen, sollte er einen dieser «klassischen Ringe in der Schatulle» anschleppen.

Dabei ist Julia Schramm die Shitstorms gewohnt. Sie kennt diese Welle von Negativreaktionen im Netz. Die Piraten sind eine Protestpartei, aber ideologisch gespalten. Schramm vertritt linke Werte, doch zuletzt kamen viele ehemalige NPD-Wähler hinzu. Auf ihrem Blog wird Schramm beleidigt, per E-Mail angefeindet. «Du musst mal richtig gebumst werden, dann denkst du auch wieder gerade», gehört noch zu den harmloseren Sprüchen.

Doch sie hält es aus. Sogar Morddrohungen wischt sie mit zugekniffenem Mund und rollenden Augen weg. «Was soll ich denen noch Aufmerksamkeit schenken», sagt sie. «Weisste? Wenn ich mich für etwas entschieden habe, dann ziehe ich das auch durch. Und zwar volle Möhre.» Nur der Zug an der Zigarette unterbricht ihren Wortschwall. Doch so tough, wie sie dann tut, ist sie nicht – und sie weiss das auch. Sie wächst behütet auf, in Hennef bei Bonn. Ihre Mutter ist Hausfrau, ihr Vater Ingenieur. Anfang zwanzig leidet sie an Depressionen, das Schreiben ist für sie Therapie.

Noch heute kritisiert sich Schramm selbst, schreibt von Julia an Julia. «Du kannst nicht einfach durch die Gegend laufen und glauben, dass die Menschen deine Absichten verstehen! Das ist dumm, weil elitär, weil abgehoben, weil unfair», bloggt sie an sich selbst – und die Welt kann mitlesen. Das helfe ihr, über sich zu reflektieren, sagt sie. Doch es ist auch Selbstschutz. Wer sich selber kritisiert, entwaffnet seine Kritiker.

Sie nennt sich scherzhaft «Politikergattin» (ihr Ehemann ist Abgeordneter in Berlin) oder «Privilegienmuschi» (Frau mit allen Möglichkeiten). Und doch geht ihr Kritik, wenn sie ausserhalb des Netzes auf sie niederprasselt, nahe – sehr sogar, wie diesen April. Die «Frankfurter Allgemeine» zeichnete einen Tag vor der Wahl zum Bundesvorsitzenden ein nicht gerade schmeichelhaftes Bild von ihr. Was sie sage und was sie tue, stünden im extremen Gegensatz. «Ich las den Artikel um 10 Uhr morgens und musste bis abends immer wieder heulen.»

Kandidieren? Nein, das kam nicht mehr infrage. Sie, die Feministin, die bereits im Alter von 15 Jahren Simone de Beauvoirs «Das andere Geschlecht» las, wollte nicht mehr. Obwohl sie immer betonte, es brauche eine Frau im Rennen. Erst recht, weil die bisherige Vorsitzende Marian Weisband nicht mehr antrat.

Erst ihr Mann konnte sie im Verlauf des Tages umstimmen, indem er zu ausserordentlichen Mitteln griff. «Er schrie mich an, ich müsse kandidieren», sagt Schramm. «Das ist sehr ungewöhnlich für ihn.» Also stellte sie sich dem Urteil ihrer Parteikollegen – und verlor. Bernd Schlömer wurde neuer Bundesvorsitzender. Schramm zog aber mit einem Glanzresultat in den Beisitz ein.

Sie ist nun Bindeglied der Piraten aus aller Welt und gefragt für Auftritte. Gestern referierte sie an einem Anlass der FDP in Rheinfelden AG. Davor traf sie Vertreter der Schweizer Piraten in Basel. «Ganz toll», sagt Schramm. Die Schweiz sei generell sehr viel mehr auf Konsens und Harmonie ausgerichtet, das spüre man auch bei den Piraten. «Da bin ich glatt ein wenig neidisch.»

Kein Wunder, denn Schramm zeigt, woran selbst die einzig politisch erfolgreiche Piratenpartei – die deutsche – scheitert. Nächstes Jahr will Schramm eine Auszeit von den Ämtern nehmen. Wie schon Marian Weisband, wie schon andere ehemalige Aushängeschilder. Die deutschen Piraten – ganz auf direkte Demokratie versessen – zerren und reissen an ihren Spitzenkandidaten. Sie gönnen niemandem das Rampenlicht, lieber zerfleischen sie sich selbst – sogar wenn sie deswegen von zuletzt nie für möglich gehaltenen 13 Prozent wieder auf 6 Prozent fallen. «Die Piraten wollen keine Führungsfigur», sagt Schramm. Sie will es auch nicht sein.

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