Urs kommt aus der Dunkelkammer gerannt. Um ihn verbreitet sich der Gestank von vergammeltem Fisch. «Nichts», sagt er. «Ich kann nichts sehen.» Er wollte Bakterien zum Leuchten bringen, doch auch, als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, blieb alles komplett finster. «Habe ich zu wenig lang ausgeharrt?»

Kurze Zeit später stehen wir alle aneinandergepfercht in dem engen Raum und blicken angestrengt in die Finsternis. Wir atmen flach und halten uns die Nase zu, damit wir den Fischgestank ertragen. «Sieht jemand was?», fragt Marc. Kollektives Verneinen. «Die waschen den Fisch einfach zu gut, bevor sie ihn in der Schweiz verkaufen», meint Urs.

Der erste Versuch des Experiments ist fehlgeschlagen. Marc, Tuuli und Urs hatten verschiedene Fische gekauft, in Salzwasser eingelegt und einige Tage liegen gelassen. Nun sollten sich eigentlich die biolumineszierenden Bakterien auf dem Fisch vermehren, sodass man ihr Leuchten im Dunkeln erkennt. Die Bakterien sollten dann in einer Nährlösung aus Salzwasser, Pepton und Agar kultivieren. Doch nun muss erst einmal neuer Fisch her. Experimentieren im Heimlabor braucht Geduld.

Marc, Urs und Tuuli sind Biohacker und damit Teil einer Bewegung, die die Welt ähnlich verändern könnte, wie in den 70er-Jahren die Computer-Tüftler mit der Entwicklung des PC in der Garage. Das zumindest glauben euphorische Journalisten und Technik-enthusiastische Wissenschafter. So meinte etwa der Physiker und Freidenker Freeman Dyson 2007 in einem Essay, «dass die domestizierte Biotechnologie unser Leben in den nächsten 50 Jahren mindestens so stark prägen werde, wie die Domestizierung des Computers in den letzten 50 Jahren».

Das Wort Hacker hat hier nichts mit den Kriminellen zu tun, die in fremde Computersysteme eindringen, sondern meint generell Techniktüftler, die unkonventionelle Ansätze verfolgen, egal, ob in der Elektro- oder der Biotechnik. Viele Biohacker haben einen naturwissenschaftlichen Hintergrund, so wie Marc Dusseiller, der promovierter Materialwissenschafter und frei schaffender Dozent ist. Urs Gaudenz unterrichtet an der Hochschule Luzern Innovationsmanagement und betreibt ebenfalls in Luzern das GaudiLabs, in dem jetzt der Fisch vor sich hin stinkt. Tuuli Utrainen ist eine Biohackerin aus Finnland und gerade auf Besuch in der Schweiz.

Doch Biohacker machen nicht bei der Kultivierung von Bakterien Halt, sie stossen auch in die Gentechnik vor. So wie Computerhacker sich mit dem Code einer Software kreativ auseinandersetzen und ihn umprogrammieren, verfahren auch Biohacker mit der DNA, dem Code des Lebens. Und genau hier vermuten Technik-Enthusiasten das Potenzial der häuslich gewordenen Biotechnik. Wenn Biohacker mit ihren unkonventionellen Ansätzen Gentechnik betreiben, könnten daraus allerhand nützliche Dinge entstehen: Medikamente gegen seltene Krankheiten, die sich zu erforschen für grosse Institute nicht lohnt. Oder wie wäre es mit leuchtenden Pflanzen, die unsere Strassenlampen ersetzen? Die Vorstellung aber, dass die Gentechnik in die Hand aller gelegt wird, schürt auch Angst: Terroristen könnten Killerviren entwickeln oder Amateure aus Versehen gefährliche Erreger freisetzen.

Gentechnik war früher nur Forschern in Laboren mit Millionenbudget möglich. Doch die Technologie wird günstiger. Ausrangierte Geräte lassen sich im Internet über Ebay kaufen oder gleich selber herstellen. Marc und Urs haben aus einem Computerlüfter, einem Peltierelement eines Kühlschranks und ein paar anderen Bauteilen eine PCRMaschine gebaut. PCR steht für Polymerase Chain Reaction und meint eine Möglichkeit, mit der man jedes bekannte Gen aus einem Organismus herausholen kann. 1983 gab es den Nobelpreis für dieses Verfahren, bei dem das Enzym Polymerase Gene vervielfältigt.

Wie man selber zum Biohacker wird, das wollten die drei deutschen Journalisten Hanno Charisius, Richard Friebe und Sascha Karberg herausfinden. In ihrem eben erschienenen Buch «Biohacking: Gentechnik aus der Garage» erzählen sie von ihrer «Biobildungsreise» durch die USA, auf der sie Biohacking-Pioniere trafen. Sie beschreiben, wie sie ihr eigenes kleines Labor aufbauten und wie sie dort nach vielen Rückschlägen einige genetische Experimente erfolgreich durchführten. Drei Jahre haben sie für ihre Recherchen gebraucht und 3500 Euro für die Laborausstattung ausgegeben. Am Ende ist es ihnen gelungen, den Hundekot im Garten genetisch zu analysieren und den Übeltäter unter den Nachbarhunden zu identifizieren.

Witzig sind solche Experimente. Aber sie lassen einen auch daran zweifeln, ob Biohacking wirklich für die nächste grosse Technikrevolution steht.

Solche Prophezeiungen betrachtet Sara Tocchetti kritisch. Die Schweizer Wissenschafts- und Technikforscherin untersucht den kulturellen Einfluss von Biohacking an der London School of Economic. Wenn sich Do-it-yourself-Biologen selber als Biohacker bezeichnen, dann gäbe das ihnen die Möglichkeit, sich als alternativ denkende Biotechniker zu verstehen. «Ausserdem lässt es der Begriff Biohacking zu, sich in die erfolgreiche Vergangenheit der Computerhacker einzuschreiben und sich als Teil der nächsten Erfolgsgeschichte zu fühlen», sagt Sara Tocchetti.

Doch kann Biohacking wirklich eine solche Erfolgsgeschichte werden? «Es ist viel zu früh, um diese Frage zu beantworten», sagt Ellen Jorgenson im Buch «Biohacking: Gentechnik aus der Garage». Ellen Jorgenson ist Biohackerin der ersten Stunde und hat in New York das öffentlich zugängliche Labor «Genspace» aufgebaut. Einerseits hält sie es für möglich, dass Biohacker mit völlig unterschiedlichem wissenschaftlichem und nichtakademischem Hintergrund neue Perspektiven und Ideen eröffnen werden. Andererseits könnte es auch sein, dass Biotechnik eine zu komplexe Technologie ist, um damit Anwendungen im Heimlabor zu kreieren.

«Ein Medikament gegen Krebs werden Biohacker nicht entwickeln», sagt Marc Dusseiller. «Aber Biohacking hilft, die Wissenschaft zu demystifizieren.» Wer selber experimentiere, bekomme ein viel besseres Verständnis von Biotechnik und ihren Möglichkeiten und Gefahren. Der 37-Jährige ist eine Art antielitärer Wissenschafter. Seine unkonventionelle Art der Wissensvermittlung drückt sich auch in seinem Äusseren aus: Auf der Nase sitzt eine übergrosse Brille, von der man nicht weiss, ob sie als Schutzbrille, Accessoire oder Sehhilfe gedacht ist. Die Hosen sind löchrig vom Löten, der Pullover befleckt von der Laborarbeit – Wissenschaft und Alltag, Arbeit und Freizeit lassen sich nicht trennen.

Zusammen mit dem Engländer Andy Gracie und dem Inder Yashas Shetty hat Marc Dusseiller Hackteria.org gegründet, eine Online-Plattform, die das Wissen über Biologie und Biotechnik öffentlich zugänglich macht. Experimente werden hier im Stile von Kochrezepten beschrieben, sodass sie reproduziert werden können. Ebenso findet man Anleitungen, um sich selber Laborinstrumente zu bauen. Auf diesem Gebiet haben sich Marc Dusseiller und Urs Gaudenz spezialisiert. Auf dem Couchtisch im GaudiLabs steht eine kleine Zentrifuge, dessen Hauptbauteil eine ausrangierte Computerharddisk ist. Im USB-Slot des Computers steckt ein kleines Gerät, mit dem man die optische Dichte einer Flüssigkeit messen kann.

Auf dem Laptop zeigt Marc Dusseiller Bilder von Biohack-Sessions in Ljubljana, Indonesien und London. Er reist um die Welt, trifft andere Hacker, vermittelt sein Wissen und lernt dazu. Bald fährt er wieder nach Ljubljana und bringt Bauteile mit, um einem Freund zu helfen, die Genkopiermaschine nachzubauen. «Es gibt Biohacker, die davon träumen, der nächste Bill Gates zu werden und in ihrer Garage eine Entwicklung zu machen, die kommerzialisiert werden kann», sagt Marc Dusseiller. Es ist ihm aber eher zuwider, dass neue Monopolisten entstehen könnten. «Ich will, dass Wissen und Technik der ganzen Welt zugänglich ist», erklärt Marc Dusseiller.

Reich werden durch Biohacking? Zu diesem Traum regt Bill Gates selber an. «Wenn ich heute Teenager wäre», sagte der Microsoft-Gründer vor drei Jahren in einem Interview, «würde ich die Biologie hacken. Erbgut synthetisieren und künstliches Leben schaffen – wer die Welt wirklich verändern will, sollte hier starten bei den Genen.»

Die Welt verändern mit synthetisch geschaffenem Leben – genau das will auch Omri Amirav-Drory tun. Doch weil das im Labor so mühsam ist, weil es Wochen, ja Monate dauert, bis man die Genbausteine von verschiedenen Bakterien zu einem Genom zusammengesetzt hat, machte er sich daran, eine Software zu programmieren, womit sich Leben am Computer designen lässt. So entstand das in Tel Aviv ansässige Start-up Genom Compiler mit der gleichnamigen Computeranwendung. Das Programm macht es möglich, einzelne Genbausteine aus einer Datenbank per Drag&Drop-Verfahren aneinanderzureihen. Die so kreierte DNA lässt sich dann übers Internet bestellen. Möglich wird dies dank der synthetischen Biologie, dem künstlichen Erzeugen von Genen. Genom Compiler leitet den Auftrag an ein auf das Zusammensetzen von Basenpaaren spezialisierte Firma weiter, die dann die synthetischen Gene an den Auftraggeber versendet.

«Unser Ziel ist es, Gentechnik zu demokratisieren und Biohacking auch Leuten ausserhalb von Laboren zugänglich zu machen», sagt Amirav-Drory. Doch eine einfach zu bedienende Software wie der Genome Compiler ist nur eine Voraussetzung dafür. Eine andere sind billige synthetische Genbausteine. Momentan kostet ein Basenpaar etwa 35 Rappen. Doch für ihre Kreationen brauchen Biotechniker Hunderte oder sogar Tausende solcher Basenpaare.

Der Genome Compiler wird vorerst vor allem von Forschungsinstituten benutzt, steht aber auch Biohackern zur Verfügung. Der österreichische Biotechnik-Student und Biohacker Andreas Stürmer hat mit der Software ein genetisches Konstrukt entworfen, das Pflanzen zum Leuchten bringen soll. Dieses besteht aus Genen ähnlicher Bakterien, wie sie Marc Dusseiller und Urs Gaudenz in ihrem Heimlabor kultivieren möchten. Von diesem Projekt war Amirav-Drory und der Technik-Unternehmer Antony Evans so begeistert, dass sie beschlossen, es über Kickstarter zu finanzieren. Die Initianten wollten 65 000 Dollar auf der Crowdfunding-Plattform sammeln, um verschiedene Variationen der synthetischen Leuchtgene herzustellen. In wenigen Tagen kamen über 165 000 Dollar zusammen.

Als der erste Schritt hin zu nachhaltigem natürlichem Licht wird das Projekt angepriesen. Einen Teil des Traubenzuckers, der die Pflanze bei der Fotosynthese produziert, wird in der Nacht in Licht umgewandelt – so das Prinzip der lebenden «Lampe». Dass sein Genkonstrukt Pflanzen zum Leuchten bringen wird, daran zweifelt Andreas Stürmer nicht. Die Frage ist nur, wie stark sie leuchten wird. «Man wird von der Pflanze nicht geblendet werden, aber man wird sie im Dunkeln sehen können», ist Andreas Stürmer überzeugt. Um elektrische Lampen tatsächlich zu ersetzen, ist die Pflanze also nicht geeignet. Oder noch nicht geeignet. Denn mit weiteren Gendesigns soll der Prototyp der Pflanze optimiert werden. Würde das nur annähernd gelingen, wäre die Leuchtpflanze wohl die erste Biohacking-Anwendung, die mehr ist als Spielerei.

Allzu schnell dürfte sie aber nicht Realität werden. Und so scheint dann Freeman Dysons Prognose, dass die Biotechnologie schon in den nächsten 50 Jahren unser Leben massgeblich verändern werde, reichlich hochgegriffen. Immerhin heisst das auch, dass es keinen akuten Grund gibt, sich vor den negativen Folgen der Biotechnologie dramatisch zu fürchten: Killerviren mit synthetischen Genen herzustellen, ist zwar potenziell möglich, doch wohl so kompliziert und aufwendig, dass Terroristen ihren Zielen näher kommen, wenn sie Sprengstoff verwenden oder der in der Natur vorhandene Erreger Anthrax verwenden. So wie ökologisch gesinnte Menschen (vorerst) besser bedient sind, wenn sie Energiesparlampen kaufen, statt leuchtende Pflanzen zu züchten.

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