Mit der Anklage von drei Privatbankern erhöhen die Staatsanwälte in New York den Druck auf die Zürcher Kantonalbank (ZKB). Bei der Staatsbank reagiert man vordergründig gelassen auf den Angriff aus den USA. Sprecher Urs Ackermann betont, dass es keine Indikation in der Anklage gebe, wonach die Bank systematisch Beihilfe zur Steuerhinterziehung geleistet habe. «Und wir sind zuversichtlich, dass wir eine Lösung mit den amerikanischen Untersuchungsbehörden finden werden.»

Auch in der Chefetage der Bank scheint grosse Gelassenheit zu herrschen. So geht man offenbar davon aus, dass die beiden fehlbaren Banker, die in den USA mit dem Makel einer Anklage versehen sind und derzeit vom Dienst suspendiert sind, schon bald wieder am gewohnten Arbeitsplatz in der Zürcher Innenstadt arbeiten werden.

Sehr realistisch dürfte dieses Szenario nicht sein. Viel wahrscheinlicher ist, dass der Druck auf die Zürcher Bank, die mit Staatsgarantie und AAA-Rating ausgestattet ist, in den nächsten Wochen und Monaten noch grösser wird. So besteht die Gefahr, dass der Bank aufgrund der Klage gegen die Banker die Geschäftstätigkeit massiv eingeschränkt werden könnte.

Der Grund ist das sogenannte Dollar-Clearing. Dieses ist für eine Bank matchentscheidend: Täglich fallen solche Währungstauschgeschäfte an, wenn Kunden beispielsweise in Dollar denominierte Aktien oder Anleihen kaufen oder verkaufen wollen. Weltweit geschieht dies stündlich millionenfach, da rund 40 Prozent des täglichen Volumens an Aktien und Bonds im Dollar abgewickelt werden. Ein Dollar-Clearing erfolgt auch, wenn ein Zürcher KMU die Rechnung eines US- Lieferanten begleichen will.

Wie die allermeisten Banken in der Schweiz kann die ZKB das Clearing nicht selbst abwickeln, sondern ist auf eine Partnerbank angewiesen. Dem Vernehmen nach soll es sich um eine amerikanische Grossbank handeln. Welche, will die ZKB nicht sagen und bezieht sich auf das Bankgeheimnis. Es liegt auf der Hand, dass sich diese Bank aufgrund der erfolgten Anklage Überlegungen anstellt, der ZKB diese Dollarwechsel-Geschäfte aufzukündigen. Eine weitere Zusammenarbeit mit der Staatsbank könnte sie als zu riskant fürs Image betrachten.

Wie nervös und auch hysterisch die Banken teilweise auf potenzielle Reputationsrisiken reagieren, bewies nicht zuletzt die ZKB gleich selbst in den vergangenen Tagen, als sie die Kundenbeziehung der Schweizerisch-Kubanischen Handelskammer auflöste, weil dies möglicherweise den Amerikanern nicht passen könnte. Zu diesem peinlichen Schritt sah sich auch die UBS gezwungen, als sie die Konten von Heinrich Villigers Tabakimportfirma kündigte – notabene vom damaligen UBS-Präsidenten und Bruder Kaspar Villiger ausgeführt.

Kommt es zu einer Kündigung des Clearings, müsste sich die ZKB schnell nach Alternativen umsehen. In der Schweiz dürfte sie wohl nicht fündig werden, da hier offenbar einzig die UBS als Geschäftsbank direkt Dollar-Clearings abwickeln kann. Wie aus Bankenkreisen zu hören ist, würde die UBS sich hüten, der ZKB diese Dienstleistung anzubieten. Das Gleiche dürfte auch für die Basler Kantonalbank (BKB) gelten, die ebenfalls ins Visier der Amerikaner geraten ist. Gemäss internen Berechnungen würde sie bei einem Verlust des Dollar-Clearings etwa ein Viertel der Erträge verlieren. Das wäre eine Katastrophe, aber nicht der Untergang, ist man sich sicher.

Auch die ZKB würde ein Wegfall des Clearings überleben, wie Sprecher Ackermann betont: «Dieser Worst-Case würde die Bank nicht in ihren Grundfesten erschüttern.» Das Notszenario der ZKB sieht offenbar vor, dass Dollar-Transaktionen dann automatisch auf eine andere Bank umgeleitet werden. Sämtliche Banken, die von den Amerikanern verfolgt werden, haben längst Krisenpläne ausgearbeitet. Sie mussten bei der Finanzmarktaufsicht (Finma) zur Begutachtung vorgelegt werden.

Wie fatal der drohende Verlust des Clearings sein kann, zeigte sich bei der Bank Wegelin. Auch bei der St. Galler Privatbank waren zunächst lediglich drei Privatbanker angeklagt. Doch die Amerikaner erhöhten den Druck. Als die Führung gewahr wurde, dass sie nur mit der Zahlung einer massiven Busse den Hals aus der Schlinge ziehen könnte, musste sie die Bank notverkaufen.

Es bestehen Zweifel, ob die ZKB den Ernst der Lage erkannt hat. So scheint die Bank nach wie vor an sämtlichen Führungskräften festhalten zu wollen. Sowohl Martin Scholl als CEO der Bank als auch der fürs Privatbanking zuständige Christoph Weber scheinen beim Bankrat den vollen Support zu geniessen. Doch es waren sie, die ab 2008 die Bank mit Vollgas ins Privatbanking geführt haben. Mit bisher bescheidenem Erfolg. So verwaltet die Bank laut Ackermann rund 10 Milliarden Franken von vermögenden Kunden; insgesamt sind es 180 Milliarden. Damit ist die Bank ein Winzling in der Schweizer Privatbanking-Szene geblieben.

Der grösste Flop war jedoch, das Geschäft zusätzlich mit sogenannten externen Vermögensverwaltern (EVV) zu befeuern. Wie aus dem Umfeld des Bankrates zu hören ist, laufen Diskussionen, aus diesem risikoreichen und immer weniger ertragreichen Geschäft auszusteigen. ZKB-Sprecher Ackermann will nichts davon wissen: «Die ZKB hält am Geschäft mit EVVs fest.»

Das ist erstaunlich, denn genau aus diesem wenig regulierten und immer wieder durch Betrugsskandale auffallendem Umfeld stammen auch die Verfehlungen mit amerikanischen Kunden, welche der ZKB nun so viel Ärger eingebrockt haben. Es ist davon auszugehen, dass die Bank am Schluss des Verfahrens eine happige Busse zu bezahlen hat, für welche die Bank noch keine Rückstellungen gebildet hat. Sie dürfte im dreistelligen Millionenbereich liegen.

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