Von wegen neben den Schuhen!» Das ist der erste Satz von Alex Frei, an den ich mich zurückerinnern kann. Frei, das aufstrebende, aber ungeduldige Talent, stand in der Kritik. Nach seinen drei Toren am 28. März 2001 im Länderspiel gegen Luxemburg weckte er Erwartungen, die er in den folgenden Wochen nicht erfüllen konnte. Frei steht neben den Schuhen, hatte ich geschrieben, weil er den ganzen April ohne Torerfolg geblieben ist. Oder bis zu jenem «von wegen neben den Schuhen», das er mir am 3. Mai in der Genfer Charmilles erst ins Gesicht schmetterte und danach schelmisch lachte. Denn 170 Sekunden nach seiner Einwechslung schoss Joker Frei Servette in den Cupfinal.

Eine kleine Episode, gewiss. Trotzdem legt sie einige Charakterzüge des treffsichersten Schweizer Stürmers aller Zeiten offen. Seinen Ehrgeiz, seine Reizbarkeit, seinen Gerechtigkeitssinn, sein Streben nach Anerkennung, seine Streitlust und seinen Kampfgeist. Züge, die er sich bis heute bewahrt hat, auch wenn er sich inzwischen diplomatischer äussert. Gebrüll wie nach Servettes 0:0 im Uefa-Cup-Hinspiel gegen Hertha Berlin («Die waren schon in Genf überheblich. Das wird in Berlin nicht anders sein. Und spielerisch ist Hertha nicht besser als wir.») ist längst PR-tauglichen Voten gewichen.

In seiner Anfangszeit als Profi war Frei ein wenig Rebell. So wehrte er sich als Wortführer der U21-Auswahl erfolgreich gegen Eindringling Mladen Petric. Dabei wusste er schon damals, dass er sich mit diesem Vorgehen nicht nur Freunde macht. Denn der Schweizerische Fussballverband kämpfte damals um die Gunst des hochbegabten kroatisch-schweizerischen Doppelbürgers. Doch während sich Frei und seine Kollegen durch die EM-Qualifikation mühten, zierte sich Petric, Farbe zu bekennen. Was Frei missfiel. Und als Petric doch noch mit der Schweiz an der U21-EM teilnehmen wollte, stiess Frei die Türe zu. Für ihn war klar: Petric soll nicht den Platz eines Kollegen erben, der sich von Beginn weg zu dieser Mannschaft bekannt hatte. Frei deswegen dafür verantwortlich zu machen, dass Petric sich für Kroatien entschieden hat, wäre zu profan.

Der Drang nach Harmonie und Zusammengehörigkeit ist typisch für Frei. Und erinnert an einen Paten aus einem Mafia-Streifen, der oben am Tisch sitzend mit energischer Stimme die «Familien-Regeln» doziert. In diesen Kontext passt auch seine geplante Aktion vor der WM 2006. Das Warm-up vor dem Testspiel gegen China sollten die Schweizer mit T-Shirts bestreiten, auf denen eine Solidaritätsbekundung gegenüber Benjamin Huggel gedruckt ist. Doch der Verband legt sein Veto ein. Und Huggel, der nach der üblen Eskalation im Barrage-Rückspiel in der Türkei von der Fifa gesperrt wurde, erhält vom SFV nicht mal Tickets für die Schweizer WM-Spiele. Ein Vorfall, der Frei lange zu denken gegeben hat.

September 2003. Ich fahre in den Nordwesten Frankreichs. Nach Guingamp. Der Grund für meinen Trip: Ricardo Cabanas hat erst kürzlich von GC in die Bretagne gewechselt. Aber Guingamp ist ein fürchterliches Kaff und Cabanas mir gegenüber wortkarg und misstrauisch. Das einzige Highlight dieser Reise hat nichts mit Cabanas oder Guingamp, sondern mit Frei zu tun. Es ist Nachmittag, als ich ihn ohne triftigen Grund anrufe. Frei hat eine schwierige erste Zeit in Rennes, weil er nur der «petit suisse» ist, auf den keiner gewartet hat und der kaum eine Bewährungschance erhält. «Komm doch her, ich würde mich freuen», sagt er. Es hörte sich wie ein Hilferuf an. Es ist diese Herzlichkeit und Spontanität die mich dazu veranlasst, 133 Kilometer nach Rennes zu fahren, um mit Frei gemütlich zu Abend zu essen und über vieles andere als Fussball zu diskutieren.

Wir haben uns später auch zweimal in Dortmund zum Abendessen getroffen. Doch da waren immer auch Leute vom Verein oder aus Freis Familie mit im Lokal. Jener Abend in Guingamp indes bleibt einzigartig, weil ich Frei das erste und letzte Mal so erlebt habe, als sei er keine Person des öffentlichen Interesses.

Doch nicht alle Begegnungen mit Frei waren derart schwerelos. Ich erinnere mich an den Abend nach dem WM-Auftakt der Schweizer gegen Frankreich. Es lastet viel Ballast auf Frei. Die Spuck-Affäre von 2004 an der EM in Portugal. Die erste WM-Teilnahme. Der in der Schwebe hängende Wechsel von Rennes zu Dortmund. Frei will sich der ganzen Welt beweisen und mit guten Leistungen seinen Transfer in die Bundesliga erzwingen. Und dann das: In der Nachspielzeit faustet Frei vor seinem freistehenden Teamkollegen Djourou den Ball ins Tor. Die Schweiz startet mit einem 0:0 in die WM 2006. Und Frei ist wie schon 2004 der Buhmann.

Damals war ich noch beim «Blick» und ein findiger Produzent schrieb in der Bildlegende: «Der Ball ist an Frankreich-Goalie Barthez vorbei. Rechts steht Djourou bereit, um das Leder zum 1:0-Siegtor einzunicken. Doch Frei spuckt seinem Kollegen in die Suppe.» Zu viel Spucke für Frei. Am Abend nach dem Spiel begegnen wir uns im Kurort Bad Bertrich zufällig auf einem Abendspaziergang. Den Wortlaut habe ich vergessen. Aber so laut wie an jenem Abend war es in diesem Krampfader-Mekka nie mehr. Zumindest solange die Schweizer ihr WM-Quartier dort aufgeschlagen hatten.

Ab morgen ist der Fussballer Frei Geschichte und der Sportchef Frei Gegenwart. Schade. Auch für ihn selbst. Mit 33 verlässt er die Basler Europa-League-Party, bevor sie ihren Höhepunkt erreicht hat.

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