Als erstes Land Europas hatte die Schweiz eine mehrheitlich weibliche Regierung. Ganz anders sieht es in der Wirtschaft aus. In den Schweizer Verwaltungsräten sind Frauen deutlich weniger vertreten als im europäischen Durchschnitt. Norwegen ist mit einem Frauenanteil von knapp 40 Prozent europäischer Spitzenreiter, in der Schweiz beträgt der Frauenanteil nur 11,6 Prozent.

Das soll sich nun ändern. Der Unternehmensverband Economiesuisse und der Schweizerische Arbeitgeberverband fordern von den Firmen, den Frauenanteil sowohl in den Verwaltungsräten als auch auf der operativen Führungsebene deutlich zu steigern – und zwar aus eigenem Antrieb, ohne gesetzlich vorgeschriebene Quote.

«Es ist an der Zeit, das Potenzial der Frauen in Führungspositionen vermehrt zu nutzen», schreiben die beiden Spitzenverbände in einem noch unveröffentlichten Positionspapier, das dem «Sonntag» vorliegt. Unternehmen könnten es sich nicht leisten, auf Frauen in Führungspositionen zu verzichten. «Der europäische Vergleich verdeutlicht, dass in der Schweiz Handlungsbedarf besteht.»

Economiesuisse will die Firmen nun in ihrem Regelwerk «Swiss Code for Best Practice of Corporate Governance» dazu verpflichten, den Frauenanteil zu erhöhen. Ab 2014 ist folgende Bestimmung geplant: «Dem Verwaltungsrat sollen Frauen und Männer mit den erforderlichen Fähigkeiten angehören. Er sorgt für eine angemessene Diversität seiner Mitglieder.»

«Das ist ein Weckruf», sagt der Projektverantwortliche Meinrad Vetter. «Unsere Botschaft an die Firmen ist: Ihr müsst euch intern an der Nase nehmen.» In Diskussion ist zudem ein ähnlicher Passus wie im schwedischen Pendant zum Swiss Code. Dieser fordert ausdrücklich eine Gleichverteilung der Geschlechter, also eine 50-Prozent-Quote. So weit will Economiesuisse nicht gehen. Denkbar ist aber laut Vetter folgende Formulierung: «Die Firma soll einen ausgewogenen Anteil der Geschlechter im Verwaltungsrat anstreben.»

Davon sind die Schweizer Firmen weit entfernt. Von den 20 Unternehmen, die im Leitindex SMI vertreten sind, hat kein einziges auch nur einen annähernd ausgewogenen Frauenanteil. Der Durchschnitt liegt bei 13,7 Prozent. Mit 33 Prozent schafft es der Uhrenhersteller Swatch auf Platz eins, Actelion und SGS haben kein einziges weibliches Verwaltungsratsmitglied. Als eine der wenigen Frauen ist Beatrice Weder di Mauro in mehreren Verwaltungsräten vertreten: Sie sitzt im obersten Gremium von UBS und Roche, zudem im Aufsichtsrat von Thyssen Krupp.

Eine strikte gesetzliche Frauenquote lehnen Economiesuisse und Arbeitgeberverband aber ab. Mit ihrem Selbstregulierungsansatz wollen sie entsprechenden Forderungen den Wind aus den Segeln nehmen. Im September hatte SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer eine parlamentarische Initiative eingereicht. Diese verlangt, dass für börsenkotierte Unternehmen in der Schweiz bis 2017 eine Geschlechterquote von 40 Prozent eingeführt wird. Auch Organisationen wie die Business and Professional Women oder die FDP-Frauen unterstützen dieses Anliegen.

In Europa setzen sich gesetzliche Frauenquoten zunehmend durch. Im November legte die EU-Kommission eine Richtlinie vor, mit der bis 2020 alle Aufsichtsräte grösserer Firmen mit mindestens 40 Prozent Frauen besetzt werden müssen. Frankreich, Belgien, die Niederlande, Spanien und Italien haben in den letzten Jahren fixe Quotenregelungen eingeführt. Pionier ist Norwegen. Es kennt bereits seit 2003 eine gesetzliche 40-Prozent-Frauenquote in Verwaltungsräten, die von börsenkotierten Firmen bis 2008 umgesetzt werden musste.

Das Beispiel Norwegen zeige aber, dass eine Frauenquote reine Symptombekämpfung sei, sagt Ruth Derrer, Leiterin Arbeitsmarkt des Arbeitgeberverbandes. Ausser einer Zunahme des Frauenanteils in den Verwaltungsräten habe sich nicht viel verändert: Nur 5 Prozent der Frauen seien Vorsitzende des Verwaltungsrats. Hinzu komme, dass die schnelle Einführung einer Frauenquote zu einer massiven Ämterkumulation geführt habe. «Einige wenige Frauen sitzen nun in zahlreichen Verwaltungsräten. Die Vorschrift des Gesetzgebers wird damit formell erfüllt, ohne dass eine breite Basis an Frauen gefördert wird.»

Damit sich wirklich etwas ändere, müsse der Staat Rahmenbedingungen schaffen, die es Männern und Frauen ermöglichen, Beruf und Familie besser zu vereinbaren, fordert Derrer. «Leider ist das Angebot an Tagesstrukturen wie Blockzeiten oder Tagesschulen in vielen Teilen der Schweiz immer noch ungenügend.» Ein zusätzliches Problem stellten fehlende Kinderbetreuungsplätze dar. «Es ist an der Zeit, dass Kantone und Gemeinden aktiv werden und Tagesstrukturen fördern.»

Wichtig ist laut Derrer auch der Abbau von finanziellen Fehlanreizen, die den Zweitverdienst oft unattraktiv machten. Entweder müssten die Einkommenssteuern für den Mittelstand gesenkt oder die steuerlichen Abzüge für Fremdbetreuungskosten erhöht werden.

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!