Tatort: Umgebung von Lenzburg. Die Aargauer Staatsanwältin Christina Zumsteg begibt sich höchstpersönlich an den Ort des Verbrechens, um Spuren zu sichern. Am Boden entdeckt sie kleine rote Flecken – es ist Blut. Der Verdacht: Das Blut gehört dem Opfer – einem Büsi. Die Katze, Signalement unbekannt, ist unauffindbar.

Das Verbrechen: In der Nacht zuvor war eine Patrouille der Kantonspolizei im Gebiet Lenzburg unterwegs. Ihre Aufgabe: Kriminellen auf die Spur zu kommen und auf Notrufe von Verbrechen und Unfällen zu reagieren. Auf ihrer Fahrt sollten sich die zwei Polizisten auch um ein angefahrenes Büsi kümmern. Da dieses laut Polizeibeamten im Dunkeln davonhumpelte, unternahmen sie nichts weiter und fuhren weiter.

Das hätten sie besser nicht gemacht. Denn Lenzburg gehört zum Hoheitsgebiet von Staatsanwältin Zumsteg. Dass die Staatsanwältin höchstpersönlich ausrückt, um Tatbeweise eines Büsi zu sichern, hat seinen Grund. Die Ex-Polizistin, die auf ihrem Hof bis zu 30 verschiedene Tiere versorgt, kennt beim Tierschutz nur eines: null Toleranz. Entsprechend liess sie wegen der unterlassenen Hilfeleistung ihre Krallen ausfahren und reichte gegen die Übeltäter im Polizeifahrzeug Strafanzeige ein.

Der Vorgang wird von der Staatsanwaltschaft Aargau bestätigt: «Es stimmt, dass gegen zwei Kantonspolizisten ein Verfahren wegen Tierquälerei eröffnet wurde», sagt Elisabeth Strebel, Leiterin der Medienstelle.

Bei der Kantonspolizei sorgt das Vorgehen der Staatsanwältin für breite Entrüstung. Laut einem Insider belaste die als unverhältnismässig angesehene Strafanzeige die Stimmung gegenüber der Staatsanwaltschaft zusätzlich. Diese sei schon seit einiger Zeit alles andere als rosig. Ihre Arbeit kommt innerhalb des Korps schlecht weg, so der Insider. Bemängelt wird vor allem die magere Effizienz bei der Strafverfolgung. Dass man jetzt noch von der eigenen Justiz angeklagt wird, weil man nachts einem davonhumpelnden Büsi keine erste Hilfe geleistet hat, sorgt rundum für Kopfschütteln.

Ganz anderer Meinung ist da Staatsanwältin Zumsteg, die den Ruf einer resoluten Strafverfolgerin hat und sich nicht scheut, hart durchzugreifen.

Für sie ist der nächtliche Vorfall keine Bagatelle und muss deshalb verfolgt werden: «Es bestand der Anfangsverdacht, dass die angefahrene Katze erheblich verletzt war. Das bekannte Verhalten der beiden Polizisten war damit geeignet, einen genügenden Anfangsverdacht auf das Vorliegen einer Straftat zu begründen. Die Staatsanwaltschaft ist somit verpflichtet, ein Verfahren einzuleiten und durchzuführen», sagt Sprecherin Strebel.

Auch dass Zumsteg höchstpersönlich wegen einer verletzten Katze ausrückt, wird juristisch begründet: «Die Staatsanwaltschaft hat die Kompetenz, die erheblichen Beweise zu sichern», heisst es bei der Justiz.

Die betroffenen Polizisten hätten allerdings wissen können, dass Zumsteg bei Tieren keinen Spass versteht. Die Staatsanwältin hat vor zwei Jahren, zusammen mit Kantonstierärztin Erika Wunderlin, Regionalpolizisten von 18 verschiedenen Polizeikorps zum Thema Tierschutz geschult und sensibilisiert. Anlässlich der Kurse kritisierte die Staatsanwältin im «Sonntag» Urteile des Aargauer Bezirk- und Obergerichts in Sachen Tierschutz als «Kuscheljustiz». Sie machte auch klar, dass sie «zu milde» Urteile bis vor Bundesgericht ziehe.

Dass sie ihren Worten Taten folgen lässt, hat sie schon mehrfach bewiesen. Als eine junge depressive Frau ihre Chinchillas im Keller verhungern liess, fordert Zumsteg eine Strafe von 16 Monaten bedingt. Als das Bezirksgericht Muri die 31-Jährige nur zu einer bedingten Geldstrafe verurteilte, war Zumsteg mit dem Strafmass «absolut nicht zufrieden» und zog das Urteil weiter.

Die Staatsanwältin, die bei den Gesetzeshütern hinter vorgehaltener Hand als militante Tierschützerin bezeichnet wird, hat mit ihrer Strafanzeige gegen die Nachtpatrouille diesen Ruf gefestigt.

Ob das Büsi auch ohne erste Hilfe der zwei Kantonspolizisten überlebt hat, konnte oder wollte niemand sagen.

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