Istanbul am vergangenen Dienstag: Filiz und ihr Mann Dogan Inal sitzen in einem Kaffee in Istanbul. Das Paar ist seit zwei Jahren verheiratet. Kurz nach 14 Uhr verlassen sie das Restaurant, steigen aufs Motorrad und fahren Richtung Innenstadt. «Meine Frau sass hinten. Da sie im dichten Strassenverkehr von Istanbul immer Angst hat, fuhr ich ganz normal mit rund 50km/h durch die Innenstadt», sagt Dogan.

Um 14.30 Uhr näherte sich das Schicksal von hinten. «Auf einmal sah ich im Rückspiegel, wie ein Jeep in hohem Tempo näher kam. Erst kurz hinter uns passte sich das Auto unserer Geschwindigkeit an», sagt Dogan. Er sieht, dass am Steuer eine Frau sitzt. «Nach etwa fünf Sekunden fing sie an zu hupen, damit wir Platz machen», schildert der 49-jährige Fotograf die Sekunden vor dem Unfall. «Aber in der Innenstadt von Istanbul herrschte dichter Verkehr, ich konnte nicht auf die Seite ausweichen», sagt Dogan.

Dann ging alles blitzschnell. «Die Frau fuhr hinten in das Motorrad. Es gab einen Knall. Meine Frau flog nach hinten weg und prallte mit dem Hinterkopf in voller Wucht auf den Asphalt.» Dogan selber schleuderte noch rund 50 Meter weiter mit dem Motorrad. Er blieb aber praktisch unverletzt. Er sah, wie der Jeep ohne anzuhalten einfach weiterfuhr.

Was Dogan zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiss: Im Fluchtauto sitzt Andrea K.*, die Frau des Schweizer Konsuls von Istanbul. Die Deutsche hat ihn in München kennen gelernt und geheiratet.

Während Dogan schockiert und fassungslos zu seiner leblos am Boden liegenden Frau eilt, fährt Andrea K. nicht etwa zum nächsten Polizeiposten oder ruft einen Krankenwagen, sondern flieht ins Schweizer Konsulat. Erst Stunden später geht sie, in Begleitung ihres Mannes, zur Polizei. Dort gab sie an, in Panik gehandelt zu haben. Die Frau des Schweizer Konsuls muss sich nun wöchentlich bei der Polizei melden und sich vor einem türkischen Gericht verantworten. Da sie Deutsche ist und noch keinen Schweizer Pass besitzt, erhält sie keinen diplomatischen Schutz.

Die Aussage der Diplomatengattin macht Dogan wütend; «Das ist nur eine ihrer Versionen. Sie hat auch gesagt, dass sie uns nicht gesehen hat. Dann wieder, dass sie nicht rechtzeitig bremsen konnte. Dabei hat sie das gar nie versucht. Es gibt keine Bremsspuren.» Für Dogan, der für einige Zeit in Deutschland lebte, ist klar: «Hätte die Frau wirklich alles versucht, den Unfall zu verhindern, dann könnten wir eine Entschuldigung akzeptieren. Aber das war nicht der Fall. Und auch bei Panik kann man danach die Polizei und Ambulanz rufen, statt einfach eine schwer verletzte Frau am Boden liegen zu lassen und nach Hause zu fahren. Wir können deshalb der Frau des Schweizer Konsuls nicht verzeihen. Auf keinen Fall», sagt Dogan.

Das Eidgenössische Amt für auswärtige Angelegenheiten EDA wehrt sich gegen die Vorwürfe: «Die Frau des Konsuls war mit einem Vertrauensarzt der Botschaft im Spital. Sie hat die Familie des Unfallopfers getroffen und steht mit ihnen in Kontakt. Der Ehemann hat ein Treffen verweigert», sagt EDA-Sprecher Pierre-Alain Eltschinger.

Seine 41-jährige Frau Filiz kämpft in einem Istanbuler Spital immer noch um ihr Leben. «Die Ärzte sagen uns, dass wir uns auf das Schlimmste vorbereiten sollen. Sie hat Risse und Blutungen im Hirn. Wenn sie überlebt, dann müssen wir mit bleibenden Schäden rechnen. Sie zeigt bis jetzt keine Reaktionen. Nicht einmal die Augen hat sie bis jetzt aufgemacht», sagt Dogan.

Freunde von Filiz rufen jetzt auf Facebook zu einem stillen Protest am kommenden Mittwoch vor dem Schweizer Konsulat in Istanbul auf. «Wir wollen so unsere Trauer für meine Frau und alle Strassenopfer der Türkei ausdrücken», sagt Dogan.

* Name der Redaktion bekannt

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