Herr Somm, in der Exportindustrie werden Tausende Stellen abgebaut – wird die Schweiz schleichend desindustrialisiert?
Edwin Somm: Die Gefahr einer Desindustrialisierung besteht – und zwar dann, wenn die Unternehmen annehmen, dass sich ihre mittel- und langfristigen Aussichten signifikant verschlechtern. Was mir grosse Sorgen bereitet, ist die Auslagerung von Arbeitsplätzen in der Forschung und Entwicklung. Denn ohne Forschung und Entwicklung wird es langfristig keine Produktion mehr geben, was die KMU besonders treffen würde.

Ist eine Schweiz ohne Industrie, nur noch mit Dienstleistungen und einem Finanzplatz, für Sie vorstellbar?
Eine solche Volkswirtschaft kann nach meiner Einschätzung nicht überleben. Es braucht auch eine wettbewerbsfähige Industrie mit handwerklichen Arbeitsplätzen. Darum müssen der Finanz- und Industriesektor mit vernünftigen Gewinnen global wettbewerbsfähig sein.

Schwächt sich der Franken nicht ab, kostet das in der Industrie 40000 Stellen, prognostiziert der Bund.
Es werden noch mehr sein, wenn zur Frankenstärke eine globale Wirtschaftsflaute hinzukommt. Ich erinnere mich, als wir bei der ABB Schweiz in den 90er-Jahren ein Szenario entwarfen, bei dem 1 Dollar nur noch 1 Franken kostete…

… das war dann 2008 erstmals der Fall.
Wir hatten damals fixfertige Pläne, was in diesem Fall zu tun gewesen wäre. Das Erstaunliche: Die ABB Schweiz hätte auch mit der Dollarparität leben können. Die Schweizer Industrie hat mit neuen Produkten und Prozessverbesserungen über Jahrzehnte die Frankenaufwertungen wettgemacht. Diesmal aber ist es anders. Das Ausmass und vor allem das Tempo der Aufwertung gegenüber dem Euro sind für viele Unternehmen nicht mehr verkraftbar.

Warum nicht?
Die Produktivität lässt sich nicht so schnell um 20 bis 30 Prozent steigern. Darum braucht es jetzt drastische, sofort wirksame Massnahmen.

Mit anderen Worten, die Nationalbank muss einschreiten und den Frankenkurs zum Euro von heute 1.20 sofort erhöhen?
Bei 1.20 schreibt mindestens ein Drittel der Maschinenindustrie Verluste. Aber es wäre riskant, wenn die Nationalbank den Kurs zu stark heraufsetzen würde. Sie muss einen höheren Kurs auch durchsetzen können.

Was würden Sie denn tun?
Ich plädiere für eine Halbierung des Mehrwertsteuersatzes von 8 auf 4 Prozent. Das bringt eine unmittelbare Entlastung für die Unternehmen und stärkt die Kaufkraft der Arbeitnehmer. Allerdings darf der Staat deswegen nicht mehr Schulden machen. Er muss schlanker werden.

Also Beamten entlassen?
Der Staat ist viel zu grosszügig. Es ist Luxus pur, wenn jetzt die Bundes- und SBB-Beamten Lohnerhöhungen von 1,2 Prozent erhalten. Das hätte die Politik nie machen dürfen! Sie müsste einmal ein Zeichen setzen, unangenehme Entscheide durchzusetzen. Das gilt nicht nur hier. Der Staat müsste endlich die überhöhten administrativen Preise herunterholen – und ebenso darauf einwirken, dass die viel zu teuren Importgüter endlich günstiger werden.

Das wird kaum passieren. Darum senken die Unternehmen die eigenen Kosten, wo es möglich ist.
Leider zu oft dort, wo es am schnellsten und bequemsten geht: in der Forschung und in der Bildung. Das aber bedeutet, dass langfristig nicht nur die Unternehmen, sondern auch der Wirtschaftsstandort Schweiz leiden. Das kann tödlich sein!

Unternehmen haben schon immer so gehandelt: Manager sehen nun mal den schnellen Gewinn.
Nein. 1996 haben wir bei ABB Schweiz 120 Millionen Franken in neue Maschinen, 680 Millionen in Forschung und Entwicklung investiert, dazu 125 Millionen in Ausbildung, somit 925 Millionen für die Sicherung der Zukunft. Zum Vergleich: Der Gewinn, den wir damals an den Konzern abgeliefert haben, betrug 300 Millionen. Wir hätten damals bei der Forschung und Bildung sofort massiv sparen und damit den Gewinn erhöhen können. Doch dann hätten wir langfristig nicht überlebt. Dafür wären wir in der Geschäftsleitung Schweiz steinreich geworden.

Ihre Boni wären gesprudelt!
Das war aber in den 80er- und 90er-Jahren kein Thema. Nie haben wir diskutiert, wie wir den kurzfristigen Gewinn und unsere Boni steigern können. Diese Kultur gab es nicht. Wir mussten ja auch Menschen entlassen – das hätten wir nicht verantworten können, wenn wir uns gleichzeitig vergoldet hätten.

Diese Kultur ist zumindest in Grossunternehmen kaum mehr anzutreffen.
Das kurzfristige Denken, ein Importprodukt aus den USA, ist verheerend. Die obersten Chefs kümmern sich nur noch um den nächsten Quartalsbericht. Da braucht es eine Rückbesinnung auf die schweizerische Kultur, zu der übrigens auch – ganz wichtig! – die Sozialpartnerschaft gehört. Ich konnte früher den Gewerkschaften immer plausibel machen, dass wir dreimal mehr in Forschung und Ausbildung stecken, als dass wir Gewinn machen. So wurden übermässige Lohnkostensteigerungen abgewendet.

Sie forderten Mitte der 90er-Jahre eine Senkung der Löhne und der Preise um 30 Prozent – und ernteten einen Sturm der Entrüstung.
Dabei wäre das heute noch sinnvoll! Es ist völlig unerklärlich, warum Importgüter bei uns so viel teurer sind. Es heisst: «Die Schweizer zahlens ja!» Diese Mentalität ist das Hauptproblem. Aber niemand unternimmt etwas! Nehmen Sie die Autos. Ich beklagte mich bei der Amag schon im Sommer 2010 brieflich darüber, dass die Kursgewinne nicht weitergegeben werden.

Ohne Erfolg, nehme ich an?
Es hiess bei der Amag, BMW mache es halt auch so. Also schrieb ich dem Preisüberwacher. Der fühlte sich nicht zuständig und schickte mich zur Wettbewerbskommission. Die verlangte, ich müsse Beweise für eine Preisabsprache vorlegen. Das sprengte meine Möglichkeiten. Wenn es so läuft, braucht man sich über die Hochpreisinsel Schweiz nicht zu wundern.

Was wäre denn die Lösung?
Erst einmal braucht es Politiker und Behörden, die mutig sind und sich trauen, den mächtigen Importeuren auf die Füsse zu treten und die ausländischen Preisvorgaben für die Schweiz zu bekämpfen. In den nächsten Monaten werden wieder viele Leute entlassen werden. Wir sollten aufpassen, dass es nicht immer nur die Leute «unten» trifft.

Sind Sie zum Pessimisten geworden?
Nein, ich bin überzeugt, dass die Schweiz eine gute Zukunft hat, wenn rundherum nicht alles zusammenbricht. Doch wir brauchen gute Leader, mutige Persönlichkeiten in Politik und Wirtschaft. Und wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht mit allen Ländern überwerfen. Die Schweiz braucht wieder Freunde! Wir können es uns nicht leisten, mit Deutschland, Frankreich, Italien und den USA gleichzeitig Streit zu haben. Das kann nicht gut gehen.

Ohne Streit können wir unsere Interessen nicht wahren – etwa beim Bankgeheimnis.
Was für einen Gewinn bringt das Bankgeheimnis heute noch? Es ist falsch, das Verhältnis zu ganzen Ländern aufs Spiel zu setzen, nur damit wir einigen Top-Reichen helfen können, Steuern zu hinterziehen. Lohnt es sich wirklich, dass wir die ganze Welt gegen uns aufhetzen, aufstacheln? Das Bankkundengeheimnis für die Schweizer Steuerzahler kann man trotzdem behalten.

Sie waren 1992 als ABB-Schweiz-Chef ein flammender Befürworter des Beitritts zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR). Bedauern Sie das Nein auch heute noch?
Manchmal frage ich mich: Zahlen wir jetzt nicht den Preis für den Alleingang? Niemand weiss, wie es herausgekommen wäre, hätte das Volk damals dem Beitritt zugestimmt. Aber wir hätten wohl nicht alle Länder gegen uns, so wie heute.

Sind Sie sogar für einen EU-Beitritt?
Ich würde nicht für einen Beitritt kämpfen, noch weniger aber würde ich die EU verteufeln. Sie hat grosse geopolitische Verdienste, etwa die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich. Und was wäre mit den osteuropäischen Staaten passiert, hätten sie nicht in die EU gehen können? Sie wären in den Einflussbereich der Russen gekommen. Schadenfreude über die EU-Schuldenkrise ist völlig deplatziert. Sie fällt auf uns zurück.

Als Sie 1997 zurücktraten, beschäftigte ABB in der Schweiz 13000 Mitarbeiter – heute etwa die Hälfte. Welche Bedeutung hat die Ländergesellschaft überhaupt noch?
Mit dem Verkauf des Bahn- und Kraftwerkgeschäfts durch den Konzern wurde auch ABB Schweiz kleiner. Nur: Die Arbeitsplätze in diesen Sparten sind noch immer in der Schweiz, bei Alstom und Bombardier. Das ist entscheidend. Es kommt auf die Köpfe und Hände dieser Menschen an, und nicht darauf, wo sie angestellt sind. Nach meinem Kenntnisstand steht ABB Schweiz heute hervorragend da. Wahrscheinlich sogar besser als zu meiner Zeit. Schade ist, dass die Ländergesellschaft keine Geschäftszahlen mehr veröffentlichen darf.

Dennoch, dass ABB Schweiz so geschrumpft ist…
… das tut weh, ja, auch mir. Ebenso, dass die ABB Schweiz nicht mehr das Flaggschiff der Maschinenindustrie ist. Aber die Fusion von BBC und Asea 1987 war rückblickend absolut richtig, nur so konnten die Arbeitsplätze in der Schweiz gerettet werden.

Heute verdient ABB das Geld vor allem in den Schwellenländern. China ist die grösste Ländergesellschaft.
Die Gründer haben global gehandelt, lange bevor man von Globalisierung sprach. BBC wurde 1891 gegründet, schon 1900 baute sie den Standort Mannheim, bis vor dem Ersten Weltkrieg produzierte man in allen europäischen Ländern, in der Zwischenkriegszeit dehnte sich BBC nach Übersee aus.

Noch zu Ihrer Zeit wurde Percy Barnevik zum starken Mann bei ABB. Er bleibt heute allerdings vor allem als erster europäischer Gross-Abzocker in Erinnerung.
Nicht sein Salär war überrissen, wohl aber sein Pensionsplan, den der erste Präsident des Verwaltungsrats ihm zuhielt. Leider aber gibt es viel zu viele Manager, deren einziges Ziel es ist, die eigene Entschädigung zu maximieren. Diese Leute haben die Bodenhaftung verloren, und sie sind nicht glaubwürdig: Wie kann so ein Chef vor die Mitarbeiter stehen und einen Stellenabbau oder längere Arbeitszeiten bekannt geben? Diese Chefs tun es eben nicht persönlich. Das ist ein grosses Risiko für den sozialen Frieden und für die Sozialpartnerschaft.

Wer ist gefordert?
Vor allem die Verwaltungsräte. Sie hätten es in der Hand. Politisch bedaure ich, dass das Parlament Thomas Minders Abzocker-Initiative derart verzögert.

Die Schweiz als offene Volkswirtschaft kann bei den Managerlöhnen kein Sonderzüglein fahren.
Wir müssen nicht jeden Unsinn aus den USA mitmachen. Die Exzesse in der Industrie begannen mit der Fusion von Daimler mit Chrysler 1998. Da sagte sich Daimler-Chef Jürgen Schrempp, es kann doch nicht sein, dass ich dreimal weniger verdiene als ein Manager in Amerika. So begann es mit der astronomischen Vergütung. Von «Verdienen» darf man gar nicht mehr reden. Das ist dummes Geschwätz. Leider rechtfertigte auch UBS-Präsident Kaspar Villiger die überrissenen Saläre…

Villiger fürchtete einen Banker-Exodus.
Ach was. Glauben Sie, Marcel Ospel wäre von einer US-Bank abgeworben worden? Nein. Es braucht einen Appell an Verwaltungsräte und Führungskräfte, dass diese Übertreibungen korrigiert werden, die den sozialen Frieden und damit den Wohlstand gefährden.

Reicht ein Appell oder braucht es politische Massnahmen – etwa die 1:12Initiative der Juso?
Ich setze immer noch darauf, dass die Eigenverantwortung der richtige Weg ist – und nicht staatliche Vorschriften. Beim Thema Managerlöhne bin ich nun aber erstmals nicht mehr so sicher. Vielleicht geht es nur noch auf dem politischen Weg, was ein Armutszeugnis für die Führungskräfte wäre .

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