Die Azteken spielten ihn im sechsten Jahrhundert mit harten Bällen aus Kautschuk, die Florentiner im fünfzehnten mit brutalem Eifer. Der FCB spielt Fussball mit Basel. Das erste Bild morgens auf dem Weg ins Büro: eine hängende rotblaue Flagge an einem der Fenster des benachbarten studentischen Wohnheims. Zwei Stunden später ist Pause im Petersschulhaus, ich höre die Chöre singender Kinder: «Ef-ceh-beh, ef-ceh-beh». Beim Lunch im Club wird Strellers Übernahme der Verantwortung für den Fehltritt mit einer Mischung aus Sorgfalt und Scham angedeutet: Einfach cool bleiben. Der FCB ist das sportliche Bild von Basel. Mittendrin am Rande, wie Peter Habicht sagt.

Ein Bild, das uns zwischen Rhein und Jura vereint. Nicht die Katalanen von Barça gegen die Kastilianer von Espanyol, nicht der Filz von GC gegen die Arbeiter vom FCZ, nicht die Katholiken von Celtic gegen die Protestanten von Rangers, sondern ein einzigartiger Faktor sozialer Kohäsion. Das Bekenntnis zum FCB hebt jene Unterschiede auf, die unser Leben bewegen und verkomplizieren, die zwischenmenschlichen Grenzen, die wir bewusst schaffen oder widerwillig tolerieren. Weder Stadt noch Landschaft – vielleicht eine Stadt mit einer Landschaft? Weder urbaslerisch noch mit Migrationshintergrund – oder doch urbaslerisch mit Migrationshintergrund? Weder links noch bürgerlich – ob nicht links-bürgerlich? Der FCB fügt uns zusammen, wir können uns dem Sog des Ver-eins nicht entziehen.

«Jesus ist tot, Marx ist tot, und ich fühle mich heute auch nicht ganz wohl», lautet ein Zitat des Dramaturgen Eugène Ionesco, der mit dieser Pointe den postmodernen Verlust an Orientierungswerten thematisierte. Gegen diesen Verlust brauchen wir neue Mythen. Für Basel ist der FCB ein solcher Mythos, eine bindende Erzählung. Der Mythos konfrontiert uns mit unseren Ängsten und unseren Sehnsüchten und macht uns zu Komplizen. Welcher Basler (ob Baselstädter, Baselbieter, primo, secondo, terzo) kann es sich leisten, den FCB zu ignorieren? Wir können politische oder wirtschaftliche Akteure am laufenden Band kritisieren und sogar die altehrwürdige Universität entmythisieren, aber wir schaffen es nicht, dem FCB einen misslungenen Transfer oder einen unerwarteten Trainerwechsel zu verübeln. Warum? Weil der Mythos zu einem Teil unserer Identität wird: seinen paradigmatischen Charakter infrage zu stellen, das lässt unsere Emotion nicht zu.

Der FCB ist nicht Real Madrid. Vielleicht könnten wir uns Real Madrid sogar leisten (gibt es in Madrid wirklich mehr Liquidität als in Basel?), aber wir als Gesellschaft könnten uns mit einem Real Madrid nicht so zurechtfinden, wie wir es mit dem FCB tun. Würden wir wirklich Murat Yakin gegen Mourinho oder Streller gegen Ronaldo eintauschen? Eher nicht. Denn ein Teil des Mythos FCB liegt auch in dessen gelegentlicher Schwäche. «Ich habe kurz an den Cupfinal gedacht», sagte Fabian Frei. Das tat er, bevor er den entscheidenden Elfmeter gegen YB verwandelte. Wir ziehen uns diskret zurück, wenn ein Elfmeter gegen GC verschossen wird, und fühlen uns bestätigt, wenn Stocker in den letzten Spielminuten gegen Bayern München das 1:0 schiesst. Der FCB lässt uns auf Augenhöhe mit London handeln: Wir jubeln in Tottenham, Chelsea führt uns in die Realität zurück. Frei macht einen Fehler, Frei korrigiert ihn ein paar Tage später.

Man muss nicht immer siegreich sein, damit die wichtigen Dinge gelingen. Der FCB hat weder 2012 die Champions League noch 2013 die Europa League gewonnen, aber er hat in beiden Jahren einen Erfolg erzielt, der einem Sieg gleichkommt und unseren Zusammenhalt gefördert hat. Denn Erfolg misst sich nicht an objektiven Sachverhalten, sondern an der sozialen Wahrnehmung, die sie begleitet. In dieser Wahrnehmung, die uns Basler vereint stolz macht, besteht der Mythos FCB.

Ausserdem jammert der FCB nicht. Das strahlt Souveränität aus. Meine andere Mannschaft, der FC Turin, ist eher Weltmeister in der Kunst des Jammers als in jener des Spieles. Natürlich hasse ich Juventus, aber eines muss man der alten Dame lassen: Sie jammert nie. Genauso wie der FCB. Wenn es 2006 und 2013 einem Zürcher Klub (Gott sei Dank nicht dem gleichen) gelingt, uns im letzten Augenblick einen sicher geglaubten Titel wegzuschnappen, ist das nicht das Ergebnis antibaslerischer Verschwörungen, sondern das Resultat eigener Verfehlungen. Das erkennt der FCB an, was seine Stärke zeigt.

Wir fühlen diese identitätsstiftende Stärke, die uns zum Vertrauen aufruft. Deshalb sollten wir uns mehr am FCB orientieren: Wenn uns nicht gelingt, ein nationales Forschungsprojekt oder eine Autobahnstrecke nach Basel zu bringen, so geschieht dies wahrscheinlich nicht, weil man uns in Bern systematisch vernachlässigt, sondern weil wir in diesem Fall nicht gut genug waren. Das nächste Mal an die eigenen Fehler denken und besser spielen, wie der FCB. Nach dem verlorenen Cup die gewonnene Meisterschaft. Der FCB macht das Basel vor: FCB? FCB. Hut ab.

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