Herr Fischer, Frankreichs neuer Präsident François Hollande will die Sparpolitik in Europa beenden, ganz im Gegensatz zu Bundeskanzlerin Merkel. Wer wird sich durchsetzen?
Joschka Fischer: Keiner von beiden, sondern sie werden einen Kompromiss finden müssen, der beiden einiges abverlangen wird – vor allem innenpolitisch. Dazu wird es aber wohl erst nach den französischen Parlamentswahlen kommen.

Wie weit wird die Kanzlerin dem französischen Präsidenten entgegenkommen müssen?
Das kann ich Ihnen nicht sagen, aber ich glaube, man macht sich in Berlin noch einige Illusionen über die Entschlossenheit von Hollande. Im Übrigen hatte sich seit dem Beginn der Krise 2008 in vier von fünf Fällen Nicolas Sarkozy durchgesetzt und nicht die «eiserne Kanzlerin», vergessen Sie das nicht.

Das zweitgrösste Land Europas wird von einem Sozialisten regiert. In England haben die Torys Probleme, in Italien wurden die Rechten bei den Kommunalwahlen zurückgebunden. Wie stark rückt Europa nach links?
Überall in Europa rücken die Leute von der Austeritätspolitik ab, zudem waren die Linksparteien fast überall in der Opposition. In Spanien dagegen ging es andersherum, weil die Rechte in der Opposition war.

Kommt es zu einem Paradigma-Wechsel in der europäischen Wirtschaftspolitik: Weg vom Sparen, hin zu einer Wachstumspolitik?
Schwere Krankheiten müssen Sie bisweilen mit gefährlichen Therapien behandeln, wie etwa Krebs. Dort greift man in der Regel zur Strahlentherapie. Dabei kommt es entscheidend auf den richtigen Zeitpunkt und die richtige Dosierung an, soll die Therapie erfolgreich sein. In genau dieser Lage befindet sich gegenwärtig die Eurozone, zwischen Wachstum und Strukturreformen inklusive Sparen. Ich finde, weder das richtige Timing noch die richtige Dosis wurden bisher gefunden.

Wie deuten Sie die Wahl in Griechenland?
Wer den Menschen nur die Verzweiflung lässt, bekommt solche Reaktionen. Gerade wir Deutsche sollten mal ins Geschichtsbuch schauen!

Wie gross ist die Gefahr, dass der Euro auseinanderbricht?
Die Gefahr besteht und nimmt keineswegs ab, sondern eher zu! Es wäre für ganz Europa ein historisches Desaster, auch für die Nichtmitglieder der Eurozone und der EU.

Welchen Lösungsweg sehen Sie?
Wenn der Euro überleben soll, wird kein Weg an einer Fiskalunion inklusive Transfers, gemeinsame Schuldengarantie und gemeinsame Staatsbonds vorbeiführen. Und das wird ohne politische Union nicht gehen, und zwar nicht in dreissig Jahren, sondern sehr, sehr viel früher.

Angesichts der Krise in vielen Euro-Ländern ist die Ablehnung eines EU-Beitritts in der Schweizer Bevölkerung so stark wie kaum je. Haben Sie Verständnis für diese Europa-Skepsis?
Aber sicher kann ich das verstehen. Dennoch wird auch die Schweiz als Nichtmitglied von der Zukunft des Euro massiv betroffen werden, positiv wie negativ. Machen Sie sich da nur mal keine Illusionen! Wir leben alle auf demselben Kontinent, ob in der EU oder ausserhalb.

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