Schindlers Ableger in Syrien geschäftete mit der Regierung von Assad. Sogar ein Militärspital in Damaskus wollte er mit Schweizer Aufzügen ausstatten. E-Mails belegen, dass die Verhandlungen auch nach Ausbruch des Konflikts weiterliefen.

Der Konflikt in Syrien tobt schon so lange, dass sich im Westen nur wenige erinnern, wann er eigentlich ausgebrochen ist. Es war in Daraa, einer Kleinstadt an der Südgrenze Syriens, an einem Märztag im vergangenen Jahr. Während eines Protests, der später blutig niedergeschlagen wurde, entzündeten Demonstranten Porträts des Machthabers Baschar alAssad. Dann taten sie, was einem fremden Beobachter seltsam vorkommen musste: Sie steckten das örtliche Büro von Syriatel in Brand.

Syriatel ist das grösste Telekommunikationsunternehmen des Landes. Es wird kontrolliert von Rami Makhlouf, einem Cousin und Jugendfreund Assads. Rami Makhlouf, der angeblich reichste und mächtigste Geschäftsmann Syriens, ist Herr über ein Imperium, das alle wichtigen Wirtschaftszweige umfasst: Finanzen, Öl, Immobilien, Bau, Detailhandel und sogar Privatschulen. «Assads Banker» wird er genannt. Im syrischen Volk ist er ähnlich verhasst wie Assad selbst. Ausländische Konzerne, die in Syrien handelten, mussten sich jahrelang mit Makhlouf arrangieren – so auch der Schweizer Liftbauer Schindler.

Nun zeigen E-Mail-Protokolle, die der Enthüllungsplattform Wikileaks zugespielt wurden und die dem «Sonntag» vorliegen, wie Schindler Wege auslotete, um die Geschäfte in Syrien trotz des Embargos gegen das Regime fortzuführen. Der Fall belegt exemplarisch, dass internationale Sanktionen leicht umgangen werden können, wenn es ausländische Konzerne darauf anlegen – und dass Geschäfte schnell in den ethischen und legalen Graubereich fallen können.

Im Herbst 2011, als Assads Schergen bereits skrupellos gegen das eigene Volk vorgingen, erhielt Schindler über seine syrische Vertretung noch Bestellungen aus dem Umfeld des Machthabers. Es ging um Ausrüstungen für Hotels, Wohnblöcke, Banken – und sogar um das grösste Militärspital des Landes in Damaskus. Die gefährliche Nähe zum Regime und die Verstrickungen des syrischen Ablegers zwangen die Schweizer Schindler-Zentrale nun, alle Geschäfte im kriegsgeplagten Staat abzubrechen.

Die Schwierigkeiten begannen mit einem E-Mail vom 2. Juni 2011. «Wir machen aus unserer Firma ein Familiengeschäft», schreibt der syrische Vertreiber von Schindler an den zuständigen Regionalmanager in der Schweizer Zentrale. Bisher wurde der Liftebauer in Syrien durch die Ramak Contracting & Trading vertreten – ein Unternehmen aus dem Ramak-Konglomerat von Rami Makhlouf. Dieser steht auf der Sanktionsliste der EU. Der syrische Vertreter, ein «Ingenieur» namens Hussein Makhlouf, schreibt: Fortan würden alle Geschäfte mit Schindler über Hussein Makhlouf & Partner laufen. «Ich bitte Sie, diesen Eigentümerwechsel zu akzeptieren.»

Nach knapp zwei Wochen antwortet der Schindler-Regionalmanager aus der Schweiz. Aufgrund der Sanktionen gegen syrische Personen und Unternehmen habe Schindler entschieden, vorübergehend alle Geschäftstätigkeiten in Syrien einzustellen. Man werde aber die von Hussein Makhlouf vorgeschlagene Geschäftsstruktur prüfen. In einem E-Mail vom 17. Juni 2011 legt Schindler den Syrern dar, wie der neue Vertriebsvertrag aussehen müsse.

Wörtlich schreibt der Regionalmanager, Schindler sei «nicht wohl» bei der Verbindung, die aufgrund des bisherigen Vertrags zu Rami Makhlouf bestehe. Der neue Vertriebsvertrag müsse nachweisen, dass für Rami Makhlouf «kein wirtschaftlicher Gewinn» durch die Beziehung zu Schindler entstehe. Um den Verdacht einer Begünstigung zu zerstreuen, bittet Schindler seinen Vertreiber am 22. Juni 2011 sogar, die E-Mail-Adresse zu ändern. «Die Verwendung des Namens ‹Ramak› in Ihrer Domain bereitet unseren Anwälten Probleme.»

Der darauf folgende E-Mail-Verkehr legt nahe, dass die Bedenken bei Schindler substanziell waren. Vertreiber Hussein Makhlouf – inwiefern er mit Rami Makhlouf verwandt ist, ist unklar – drängt der Schindler-Manager in der Türkei und der Schweiz in mehreren Schreiben zur Eile. Er verstehe nicht, weshalb es so lange dauere, eine neue Vereinbarung zu unterzeichnen. «Wir haben während 20 Jahren eine perfekte Geschäftsbeziehung unterhalten und freuen uns auf eine lange, noch erfolgreichere Zukunft», schreibt Makhlouf. Schindler vertröstet die Syrer mehrere Male.

Trotzdem kommt es offenbar im Herbst 2011 zu einer Einigung. Gegenüber dem «Sonntag» sagt Didier Gaudoux, Konzernleitungsmitglied von Schindler, heute: «Wir haben alle nötigen rechtlichen Schritte unternommen, um sicherzustellen, dass es keine Verbindung gibt zwischen unserem Vertreiber und dem syrischen Regime oder Rami Makhlouf.»

Während sich der Konflikt weiter zuspitzt, ist Schindlers Vertreiber äusserst aktiv. Stolz rapportiert er am 17. Oktober seine Erfolge: «Wir haben die Ausschreibung für 20 Aufzüge gewonnen.» Und der Kunde sei nicht irgendwer, sondern ein «berühmter Regierungsklient». Der Vertreiber bittet, das Projekt abzusegnen, macht aber gleichzeitig deutlich, dass das regierungsnahe Bauunternehmen das vom Hauptsitz geforderte Dokument nicht unterschreiben werde. Mit diesem Schreiben will sich Schindler absichern, dass der Endabnehmer der Lifte nicht mit dem Regime in Verbindung steht.

Es ist dieses Dokument, an dem Hussein Makhlouf & Partner verzweifeln – denn unterschreiben wollen nur die wenigsten Kunden. Viele Projekte geraten deshalb ins Stocken. Besonders wichtig ist den lokalen Schindler-Vertretern der Deal mit der regierungsnahen Baufirma. Es sei schlicht nicht möglich, von diesem Kunden eine Unterschrift zu erhalten. Viele Häuser gehörten der Regierung, heisst es in den E-Mails. «Zudem unterstehen die Bewohner vielen Restriktionen. Sie unterschreiben nicht.» Die E-Mails schliessen mit inständigen Aufrufen: «Bitte, wir müssen darüber diskutieren. Es ist dringend.»

Am 25. Oktober 2011 finden die Bitten Gehör. Schindlers Rechtsvertreter gibt grünes Licht für den Deal mit der Baufirma, vorausgesetzt, Hussein Makhlouf & Partner bürgen selbst dafür, dass ihre Kunden nichts mit dem Regime zu tun haben. Ob Schindler die Aufzüge tatsächlich ausgeliefert hat, geht aus den E-Mails nicht hervor. Schindler bestreitet auf Anfrage des «Sonntags», den Deal getätigt zu haben. «Wir haben das Projekt abgelehnt», sagt Gaudoux.

Beflügelt von der Zusage der Rechtsabteilung, doppeln die syrischen Vertreiber kurz darauf nach. «Was ist mit den zwei anderen Projekten? Können wir da gleich vorgehen?», fragen sie. Vor allem eines dieser Projekte ist brisant: Es handelt es sich um das Militärspital Tishreen in Damaskus, das grösste seiner Art in Syrien. Auch dieser Deal wurde der Schweizer Zentrale aber zu heiss – sie lehnte ab. Den letzten Vertrag habe Schindler im Oktober 2011 unterschrieben. Um welches Projekt es sich dabei handelt, sagt Gaudoux nicht. Die Lieferung sei dieses Jahr erfolgt.

Noch heute verschifft Schindler Waren nach Syrien, allerdings sind es nur noch Ersatzteile. Das sei eine Frage der Sicherheit, sagt Gaudoux. Syrien als Markt hat der Liftbauer nun aber aufgegeben. Aufgrund der «anhaltenden politischen Situation» im Land habe man dieses Jahr entschieden, die Geschäftsbeziehung mit dem syrischen Vertriebspartner aufzulösen, sagt Gaudoux. Der Vertrag mit Hussein Makhlouf & Partner läuft noch bis Ende März 2013. Er wird nicht verlängert.

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