«Vom Ambulanzteam sei am Tatort folgende Situation angetroffen worden: (…) Nachdem der Arzt ein zweites Mal geklingelt habe, habe man in der Wohnung etwas gehört. Danach sei ganz langsam die Wohnungstüre geöffnet worden. Die Explorandin sei an der Türe gestanden und habe geweint. Der Arzt sowie die beiden Rettungssanitäter seien zum hintersten Zimmer gerannt. Ein Kantonspolizist (…) habe sich dann bei der Explorandin erkundigt, warum sie dies gemacht habe. Die Explorandin habe mit leiser und weinender Stimme gesagt, dass jetzt Schluss sei. Der Kantonspolizist habe sich daraufhin erkundigt, ob sie den Kindern die Medikamente verabreicht habe. Sie habe dies bejaht.»

Rapport der Kantonspolizei Appenzell Innerrhoden über den 9. Juli 2010, wiedergegeben im Psychiatrischen Gutachten über Gabriela Allenspach.

16 Monate später sitzt die Mutter, die ihre Kinder mit in den Tod nehmen wollte, in einem kleinen Zimmer in der Psychiatrischen Klinik in Herisau. Ein Bett, ein Schrank, ein Tisch und zwei Stühle auf 12 Quadratmetern, darauf hat sich das Leben von Gabriela Allenspach reduziert. Als die Novembersonne durch das Fenster scheint, zieht sie die Vorhänge zu.

An der Pinnwand hängen Fotos ihrer Kinder. Der Sohn als Baby im weissen Taufkleid, die blonde Tochter, fünfjährig, lachend auf dem Sofa; die beiden gemeinsam im letzten Urlaub, elf und zwölf Jahre alt. Kinder, die alt genug sind, um zu verstehen, was ihre Mutter mit ihnen vorhatte.

Die Mutter: Gabriela Allenspach, 52 Jahre alt, gelernte Hebamme. Die blonden Haare trägt sie kurz, sie ist ungeschminkt, eine kleine, resolute Person, die in den letzten sechs Jahren fast 40 Kilo zugenommen hat. Die Medikamente, die sie nimmt, um ihre Depressionen zu bekämpfen, steigern ihren Appetit.

Ihr Gesicht ist eingefallen, die Haut blass. Seit jenem Morgen im Juli 2010, der ihr Leben und das ihrer Kinder für immer verändert hat, ist sie in geschlossenen Anstalten, darf nur auf Antrag und in Begleitung ins Freie. Seitdem wartet Gabriela Allenspach. Darauf, dass sie angeklagt wird. Dass ihr der Prozess gemacht wird, sie eine Strafe bekommt – und dass sie danach beginnen kann, sich wieder das Leben aufzubauen, das sie selbst zerstören wollte. Ein Leben mit ihren Kindern.

Der 9. Juli 2010 ist ein Freitag. In Appenzell-Innerrhoden haben die Sommerferien begonnen. Gabriela Allenspach will mit ihren beiden Kindern verreisen, im Wohnmobil, einen Verwandten besuchen. So erzählt sie im Gespräch in ihrem Zimmer in der Psychiatrischen Klinik in Herisau. Sie will nicht länger schweigen, will erklären, was sie zu dieser Tat trieb, die sie sofort nach ihrer Vollendung bereute. Sie will zeigen, dass sie nicht die kaltblütige Kindermörderin ist, für die sie viele halten im kleinen Appenzell.

Schon ein paar Wochen vor der Tat war es ihr nicht gut gegangen, doch sie hatte sich zusammengerissen, war wegen ihrer Kinder nicht in die Psychiatrische Klinik Littenheid gegangen. Dort hatte sie schon oft Zuflucht gefunden, wenn sie wegen ihrer Depressionen nicht mehr funktionieren konnte. Doch dieses Mal geben ihr die Kinder die Kraft, weiterzumachen. Bis der Anruf kommt, einen Tag vor der geplanten Abreise. Die Bekannte am anderen Ende der Leitung sagt, dass der Verwandte, den sie besuchen wollen, gestorben sei. Ganz plötzlich, völlig überraschend. Für Gabriela Allenspach bricht eine Welt zusammen.

Die Stunden nach dem Anruf erlebt Gabriela Allenspach wie in Trance. Der Psychiater, der für die Staatsanwaltschaft ein Gutachten über sie erstellt hat, spricht später von einer «depressiven Einengung», die bei ihr mit der Todesnachricht eingesetzt habe. Sie packt die Koffer, kocht, bringt die Kinder ins Bett, weckt sie am nächsten Tag. Da nimmt der Gedanke in ihrem Kopf langsam Gestalt an: Sie können gemeinsam gehen, alle zusammen, so bleibt keiner zurück. Gegen elf Uhr geht sie in die Küche. Kippt Dutzende Beruhigungstabletten in zwei Flaschen, füllt diese mit Fruchtsaft und schüttelt sie.

Erweiterter Suizid oder Mitnahmesuizid nennen Fachleute das Phänomen. Dabei nimmt sich nicht nur eine Person selbst das Leben, sondern tötet zuvor auch andere. Besonders häufig sind Frauen die Täterinnen – Mütter, die ihre Kinder nicht allein zurücklassen wollen. So wie Gabriela Allenspach.

Bevor sie die Flaschen ihren Kindern zu trinken gibt, nimmt sie selbst Schlaftabletten, mehr als je zuvor. Dann lässt sie ihre Kinder den vergifteten Saft trinken. Als ihr Sohn ihr die Flasche mit einem Strahlen im Gesicht zurückgibt, wacht sie auf aus ihrer Trance. So erzählt sie es später dem Staatsanwalt, dem Psychiater, allen, die sie befragen zu dieser unglaublichen Tat. «Da habe ich mir gedacht, was tust du hier eigentlich?», sagt Gabriela Allenspach. Sie ruft die Ambulanz, im letzten Moment, gerade noch rechtzeitig. Mit Helikoptern werden die Kinder und sie ins Spital geflogen. Alle drei überleben, unverletzt, zumindest äusserlich.

«Ich wollte die Kinder mitnehmen», sagt Gabriela Allenspach. «Aber ich wollte ihnen doch nicht wehtun. Ich wollte sie niemals töten!» Es hört sich paradox an aus dem Munde einer Frau, die ihren Kindern eine Überdosis Beruhigungstabletten verabreicht hat. Doch muss man die Geschichte dieser Mutter kennen, um über sie zu urteilen zu können.

Es ist die Geschichte einer Frau, die vom Unglück verfolgt zu sein scheint. Die Geschichte einer Frau, die versucht hat, ein normales Leben zu leben – und die immer wieder eingeholt wird von ihrer Vergangenheit.

Sie sei, so erzählt Gabriela Allenspach, als Kind von der Mutter geschlagen worden. Der leibliche Vater habe sie verlassen, der Stiefvater sie sexuell missbraucht. Teilweise sei es ihr danach so schlecht gegangen, dass sie nicht habe laufen können. Sie ist überzeugt, dass die Mutter von den Übergriffen wusste. Mit 16 zieht sie von zu Hause aus, fühlt sich zum ersten Mal in ihrem Leben frei. Sie macht eine Ausbildung zur Hebamme, verliebt sich und will heiraten. Wenige Wochen vor der Hochzeit hat ihr zukünftiger Mann einen tödlichen Unfall. Das gemeinsame Kind, mit dem sie schwanger ist, kommt zu früh zur Welt. Es überlebt nur wenige Wochen.

In den nächsten Jahren arbeitet Gabriela Allenspach als Hebamme. Im Spital freundet sie sich mit einer Kollegin an. Die beiden ziehen zusammen und beschliessen zehn Jahre später, Kinder zu bekommen – ohne einen Mann. Sie sind beide fast 40. Mithilfe einer Samenspende wird Gabriela Allenspach schwanger, im Dezember 1998 und im August 2000 bringt sie ihre Kinder zur Welt. Im November 2001 bekommt auch ihre Freundin eine Tochter, sie gibt ihr den Namen Ylenia.

Sechs Jahre später, als die Beziehung der beiden Frauen längst zerbrochen ist, werden der Name und das Bild des kleinen, blonden Mädchens auf schreckliche Weise in der ganzen Schweiz bekannt. Auf dem Nachhauseweg wird Ylenia entführt. Der Täter ermordet das Mädchen und verscharrt die nackte Leiche in einem Waldstück. Bei Gabriela Allenspach reissen alte Wunden auf.

Seit der Geburt ihrer Kinder leidet sie an schweren Depressionen, muss immer wieder in die Klinik. Mit Ylenias Tod werden die Aufenthalte länger, die Diagnosen vielfältiger: posttraumatische Belastungsstörung, Traumafolgestörung, emotional instabile Persönlichkeitsstörung. Sie wird arbeitsunfähig, erhält eine Invalidenrente. Wenn sie in die Klinik geht, passt ihre ehemalige Lebenspartnerin auf ihre Kinder auf. Auch jetzt, nach der Tat vom 9. Juli 2010, leben sie bei ihr.

Ihren Sohn sieht Gabriela Allenspach heute regelmässig, alle zwei bis drei Wochen besucht er sie für eine Stunde in der Klinik. Die Tochter wollte ihre Mutter seit der Tat nicht sehen, erst jetzt hat sie den Kontakt wieder gesucht. «Zwölf Zentimeter ist sie im letzten Jahr gewachsen», sagt Gabriela Allenspach, «zwölf Zentimeter, die ich verpasst habe.» Sie will ihren Kindern, trotz allem, eine gute Mutter sein. «Ich würde alles dafür tun, wenn ich rückgängig machen könnte, was ich getan habe», sagt sie. «Aber ich weiss auch, dass es schwer wird, dass mir meine Kinder je wieder vertrauen.»

Doch noch muss Gabriela Allenspach warten. Die Tage in der Psychiatrie sind eintönig und einsam, und sie vergehen quälend langsam. Für Gabriele Allenspach ist es ein Teufelskreis: Der Aufenthalt in der Klinik verstärkt ihre Depressionen, sie nimmt Medikamente zur Beruhigung. Fünfmal schon hat sie versucht, sich umzubringen. Doch jeder Suizidversuch wirkt sich negativ aus auf das Verfahren, verlängert es und schmälert ihre Chance auf ein normales Leben danach.

Die Staatsanwaltschaft rechnet damit, dass der Prozess frühestens im nächsten Frühjahr beginnt, fast zwei Jahre nach der Tat. Wie eine Ertrinkende klammert sich Gabriela Allenspach an das Gutachten, das ein Psychiater über sie erstellt hat. Darin schreibt er von einer «Verminderung der Schuldfähigkeit geschätzt mittelschweren Grades» zum Tatzeitpunkt. Und er stellt fest: «So kann man in der Tat der Explorandin denn auch kein Element erkennen, ihren Kindern aus ‹Böswilligkeit› schaden zu wollen. Vielmehr zeigt diese eine symbiotische Verschmelzung mit diesen auf, aus der heraus sie ihre subjektive Ausweglosigkeit und Verzweiflung auf ihre Kinder projizierte und die Tat eine gemeinsame ‹Erlösung› von und einen gemeinsamen Ausweg aus den für sie schier unüberwindlichen Belastungen in ihrem Leben darstellte.»

«Ich stelle mich meiner Verantwortung», sagt Gabriele Allenspach. «Ich will den Leuten da draussen beweisen, dass ich meine Strafe annehme und meine Schuld verbüsse. Aber danach will ich wieder leben – mit meinen Kindern.» Ob es dazu kommt, und wann, darüber muss das Gericht befinden. In einem Verfahren, in dem die Täterin auch Opfer ist.

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