In der Provinz wurden die Fäden gesponnen, die das weltweit vernetzte Ehepaar Philipp und Kashya Hildebrand auf den harten Boden der Schweizer Realität zurückbrachte.
Klein Reto * schaut fröhlich, sein Kindergarten-Gschpänli Hermann eher skeptisch in die Kamera (siehe Foto). Es sind die 70er-Jahre. Eine Zeit, in der man noch keine Dollar-Käufe per E-Mail tätigen kann. Dass die Schweiz eine Nationalbank hat und sie dereinst ihren Präsidenten stürzen würden, davon haben die beiden Knirpse noch keine Ahnung. Reto wird dabei zum Bankdaten-Dieb, Hermann zu seinem Helfer.

Reto und Hermann wachsen im Weinfelden TG auf. Sie sind zwei ganz normale Buben – fast wenigstens. Hermann stammt aus einer Weinfelder Polit-Dynastie. Die Männer wurden alle auf den Vornamen Hermann getauft. Sein Grossvater war ein bekannter Lehrer und Lokalhistoriker. Sein Vater, Hermann Lei, war Gemeindeammann von Weinfelden und von 1992 bis 2002 FDP-Regierungsrat.

Reto und sein Bruder Thomas * wachsen mit der Mutter auf. Aus seiner Umgebung heisst es, die Eltern liessen sich scheiden. Nach dem Kindergarten besuchen die Buben die Primar- und die Sekundarschule. Da trennen sich erstmals die Wege von Reto und Hermann. Als man in der Verwaltung Weinfelden einen KV-Stift sucht, bewirbt sich der spätere Datendieb und wird angenommen. Hermann, der Herkunft entsprechend, drückt weiter die Schulbank.

Zu dieser Zeit tritt eine junge Frau, nennen wir sie Sandra S.* in das Leben von Reto. Sie startet im gleichen Betrieb in Weinfelden ihre berufliche Laufbahn und wird seine Unterstiftin. Die junge Frau geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Viele Jahre später wird daraus eine Liaison fatale, die für ihn in einem persönlichen Fiasko endet.

1991 schliesst Reto erfolgreich seine KV-Ausbildung ab. Hermann macht das Anwaltspatent und beginnt – dem Vater folgend – eine Politkarriere. Allerdings nicht in der FDP, sondern in der SVP. Dort profiliert er sich als ausländerpolitischer Hardliner. 2008 wird er in den Grossrat gewählt. Dort versucht er unter anderem, die Einbürgerung eines Kebabstand-Besitzers in Frauenfeld zu verhindern. Aktuell sitzt Lei in der Justizkommission, in der Einbürgerungsentscheide behandelt werden. Zudem ist er Präsident der Frauenfelder Einbürgerungskommission.

Reto widmet sich seinem Berufsleben. Aus dem KV-Stift wird ein Banker. Ab 1992 arbeitet er bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Dort lernt er Claudio Schmid kennen, der später Zürcher SVP-Kantonsrat wird und fast 20 Jahre später auch eine Rolle in der Affäre Hildebrand spielt.

Reto wohnt lange in einer günstigen Zweizimmerwohnung in Weinfelden. Er bildet sich zum IT-Spezialisten weiter. Ab 2003 bis 2005 arbeitet er als Prokurist bei der Swiss & Global Asset Management AG, einer Abteilung der Bank Julius Bär.

2006 zieht er in die kleine Thurgauer Gemeinde Amlikon und kauft ein dreistöckiges Einfamilienhaus im Rohbau. Der eher klein gewachsene Mann mit Brille und kurzem Haar wird als Einzelgänger beschrieben.

Obwohl er Computer-Experte ist, besitzt er unter seinem Namen kein Facebook-Profil und ist auch sonst kaum im Internet präsent. Seine Autonummer hat er auf dem Strassenverkehrsamt sperren lassen.

2007 tritt er eine neue Stelle bei der Bank Sarasin an. Nicht wie man weismachen wollte, als kleiner IT-Supporter, sondern mit Kollektivunterschrift zu zweit. Alles geht seinen gewohnten Weg. Reto fährt täglich nach Zürich zur Arbeit. In E-Mails äussert er sich bei Kollegen zu SVP-Themen und outet sich als Blocher-Verehrer.

2008 ändert sich das Leben von Reto. Der Single, der sich laut Kollegen bei Frauen schwertut, verliebt sich unsterblich. Nicht in irgendwen, sondern in Sandra S., seine damalige Unterstiftin von Weinfelden. Als sie seine Liebe verschmäht, wird er zum Stalker. «Er hat sie mit Mails, SMS und Telefonaten bedrängt, verfolgte sie mit dem Auto und passte ihr zu Hause und vor Restaurants ab», sagt ein Kollege von Reto.

2009 zog Sandra S. die Notbremse. Die Gemeinderätin und aktuell Vizepräsidentin einer Thurgauer Gemeinde reicht Strafanzeige ein. Reto T. wird festgenommen und verhört. In einem E-Mail an diverse Medien behauptete er vor einer Woche, dass seine «Ex-Freundin» und die Justiz ihm das Leben zur Hölle machten. Kein Wort davon, dass er es war, der als Stalker das Leben von Sandra S. zum Inferno auf Erden machte.

Er beklagt vor allem, dass ihn die Verteidigung 40 000 Franken gekostet habe und das Verfahren in einem Freispruch endete. Dem widerspricht sein Opfer. In einem E-Mail, das sie gestern Samstag an den «Sonntag» sandte, hält Sandra S. fest: «Ich habe gegen R. T. eine Strafanzeige eingereicht – und es kam zu einer rechtskräftigen Verurteilung.» In dem Rechtsstreit kommt es wieder zu einem intensiven Kontakt mit seinem damaligen Kindergartengschpänli Hermann Lei. Dieser ist in der Belästigungs-Affäre sein Anwalt. Die Erfahrungen mit der Justiz hindern Reto zwei Jahre später nicht, bei seinem Arbeitgeber, der Bank Sarasin, zum Daten-Dieb zu werden.

Er klaut, wie er gegenüber der Kantonspolizei Zürich gesteht, die Bankkonten-Unterlagen von Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand. Mit diesen geht er zu seinem Kollegen Lei, dann treffen sie sich mit SVP-Schwergewicht Christoph Blocher, den sie in E-Mails den «Chef» nennen. In einem E-Mail an sein ehemaliges Kindergarten-Gschpänli Hermann offenbart der Datendieb seine wahre Absicht: «Der Chef wird – falls er kann und will (was er sollte) – es nicht bereuen, denke ich. Das Ding hat Fleisch und die Sache wird ihn wegen unserer Gesinnung wohl auch eher aufstellen.»

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Die Kindergarten-Connection führt zum Sturz des obersten Schweizer Bankers. Reto, Hermann Lei und Claudio Schmid haben seit Freitag, wie «Sonntag online» exklusiv berichtete, ein Strafverfahren am Hals. Blocher wurde vorerst als Auskunftsperson befragt.
Aber die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende für das Quartett. Die zwei SVP-Politiker müssen um ihr politisches Amt fürchten. Lei droht zusätzlich der Entzug des Anwaltspatents. Blocher und seine SVP handeln sich, wenn man den Leserbriefen und Umfragen Glauben schenkt, einen argen Reputationsschaden ein.

Und Reto? Zwei Wochen nach seiner Selbstanzeige und seinem Zusammenbruch droht ihm erneut ein Strafverfahren. Diesmal wegen Persönlichkeitsverletzung. Aus der psychiatrischen Klinik im thurgauischen Münsterlingen, in die er wegen seines Zusammenbruchs nach dem Daten-Klau eingewiesen wird, versendet er ein E-Mail an diverse Medien. Das Schreiben verbreitete sich rasch weiter und erreichte einen grösseren Personenkreis.

Darin beschimpft er sein Stalkingopfer als Lügnerin, die nur dank ihren Beziehungen und unfähigen Personen eine Verurteilung gegen ihn erreicht hat. Besonders fies: Im E-Mail nennt er die Vizegemeindepräsidentin mit vollem Namen, Berufsbezeichnung und Wohnort. Die Politikerin Sandra S. wollte sich gestern Samstag nicht dazu äussern, ob sie wegen der Missachtung ihrer Persönlichkeitsrechte Strafanzeige gegen Reto T. einreichen wird.
Für die Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.
*Namen der Redaktion bekannt.