Angenommen, es geht Ihnen hervorragend. Sie beziehen ein überdurchschnittliches Einkommen. Ihr Portfolio hat sich prächtig entwickelt, die Ehe ist im Lot, und der lokale Rotary Club hat Sie soeben zum Präsidenten gewählt. Warum diese Erfolgslawine? Antwort: Sie haben sie einem Gemisch aus Zufall und harten Faktoren zu verdanken. «Zufall?», rufen Sie. «Nix da Zufall! Mein Erfolg ist das Ergebnis harter Arbeit.»

Die Schweiz erfreut sich der tiefsten Arbeitslosenrate ganz Europas. Globale Konzerne siedeln ihre Headquarters hier an. Das nationale Haushaltsbudget ist (fast) im Lot, das Wachstum flott, der Schweiz geht es gut. Warum? Wiederum ein Gemisch von Zufall und harten Faktoren. «Zufall?», wollen wir Schweizer rufen. «Nix da Zufall!

Der Erfolg der Schweiz ist das Ergebnis harter Arbeit.»

Stellen Sie sich vor, Sie spielen einen Abend lang Roulette mit zweihundert Freunden und Bekannten. Um Mitternacht listen Sie die Gewinne und Verluste jedes Spielers auf. Rein zufällig werden einige Spieler hervorragend abgeschnitten haben und andere miserabel. Es geht nicht anders. Jene, die gewonnen haben, werden den Erfolg ihren Fähigkeiten zuschreiben. Jene, die verloren haben, machen externe Faktoren dafür verantwortlich. In der Wissenschaft ist dieses Verhalten unter dem Begriff Self-Serving Bias erforscht.

Stellen Sie sich vor, Sie spielen ein Jahrtausend lang Roulette mit zweihundert Ländern dieser Erde. Rein zufällig werden einige Staaten hervorragend abgeschnitten haben und andere miserabel. Es geht nicht anders. Jene, die gewonnen haben, werden den Erfolg dem Arbeitseifer ihrer Bevölkerung und der Intelligenz ihrer Regierung zuschreiben. Jene, die verloren haben, machen externe Faktoren verantwortlich. Die Erde ist nichts anderes als ein grosser Roulette-Tisch: Je nachdem, wo Sie sich geografisch befinden und was um Sie herum passiert, ob eine Pest über das Land zieht oder ein Bürgerkrieg, ob eine Revolution ausbricht oder ein Vulkan, finden Sie sich am oberen Ende der Liste, in der Mitte oder unten.

Dass die Schweiz weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg angegriffen wurde, ist reiner Zufall und hat nichts mit den diplomatischen Fähigkeiten unserer Landesregierung zu tun. Dass wir nicht in die Fänge der Sowjetunion gerieten, hat nichts mit unserem liberalen Willen zu tun. 500 Kilometer weiter östlich und wir hätten hinter dem Eisernen Vorhang gelegen. Dass pompöse romantische Utopien in der Schweiz bis heute nicht Fuss fassen konnten, hat nichts mit dem besonders klaren Denken der Bevölkerung zu tun, sondern mit der Geografie. Alpentäler sind kaum zentral zu regieren. Der Aufwand, einige engstirnige Eigenbrötler unter staatliche Kontrolle zu bringen, ist viel zu hoch, verglichen mit dem bescheidenen Vorteil, den man sich daraus erhoffen kann. Besonders wenn von diesen Jungs null revolutionäre Kraft ausgeht. Diese simple Investitionsrechnung haben seit den Karolingern alle grossen Mächte gemacht.

Und doch, werden Sie einwerfen, erfreut sich die Schweiz eines weiterhin schönen Wachstums. Das muss doch einen Grund haben. Das kann doch nicht Zufall sein!

Nochmals ein Beispiel: Sie sitzen in der Konzernleitung eines Unternehmens mit zweihundert Filialen. Der Finanzchef hat eine Studie zum Thema Umsatzwachstum gemacht. Stolz präsentiert er seine Ergebnisse. Auf der Leinwand prangen die Namen der zehn wachstumskräftigsten Filialen. Was sofort auffällt: Es sind hauptsächlich kleine Filialen. Nach einem Moment der Stille sagt der Finanzler: «Meine Damen und Herren, der Fall ist klar, wir sollten ab sofort unsere grossen Filialen zerschlagen.» Wäre das auch Ihre Reaktion? Ich hoffe nicht. Verlangen Sie stattdessen die Liste der zehn Filialen mit dem stärksten prozentualen Umsatzrückgang. Wieder sind es die kleinen Filialen. Der Grund: In einer winzigen Filiale hat ein einziger zusätzlicher Kunde prozentual einen viel grösseren Effekt als bei einer riesengrossen Filiale. Ebenso stark fällt hier ein verlorener Kunde ins Gewicht. Die Ausschläge sind bei kleinen Filialen viel stärker als bei grossen.

So ist es auch mit Staaten. Ein kleines Land kann sein Bruttosozialprodukt schneller verdoppeln oder halbieren als ein grosses. Es reicht, wenn ein paar bedeutende Firmen dieses Landes sehr gut oder sehr schlecht performen. In einem grossen Staat fällt eine einzelne Firma oder eine einzelne Branche nicht sonderlich ins Gewicht, bei einem kleinen Staat hingegen schon. Das ist ein rein statistischer Effekt – das sogenannte Gesetz der kleinen Zahl. Welches sind die Top 3 unter den Staaten, was das Wirtschaftswachstum im letzten Jahr betrifft? Katar, Ghana und Afghanistan.

Welches die drei Schlusslichter? Jemen, Elfenbeinküste und Griechenland. Alles relativ kleine Gebilde. Darum: Immer wenn Sie von Extremleistungen kleiner Staaten, Gemeinden, Schulen, Krankenhäusern etc. hören, sollten Sie hellhörig werden. Mit der Leistung dieser kleinen Entitäten hat das oft nichts zu tun, sondern nur mit dem Gesetz der kleinen Zahl.

So, das Argument für den Zufall – den rohen Zufall des Roulettes und des Gesetzes der kleinen Zahl – ist gemacht. Damit haben wir vielleicht zwei Drittel des Erfolges der Schweiz «erklärt». Kommen wir zum letzten Drittel – den handfesten Faktoren. Davon gibt es Dutzende. Ich habe sie nicht erforscht. Meine Hypothese: Der wichtigste Faktor ist die dezentrale Art der Organisation.

Ich habe mich oft gefragt, warum es keine Tierart schafft, über die bescheidene Grösse des Blauwals (30 Meter) zu wachsen. Oder warum es kaum Bäume gibt, die 100 Meter übersteigen. Antwort: Für eine Pflanzen- und Tierart ist es besser, in Form zahlloser kleiner, verstreuter Individuen zu existieren als in einem einzigen grossen Wesen. Dezentralisierung macht die Spezies robuster.

Ich habe mich auch oft gefragt, warum es keine Unternehmung mit hundert Millionen Mitarbeitern gibt. Antwort: Effizienz durch Grösse ist nur bis zu einem bestimmten Punkt möglich, danach schlägt Grösse in Ineffizienz um. Eine Megafirma mit hundert Millionen Mitarbeitern wäre höchst zerbrechlich. Das zeigen die vielen gescheiterten Megafusionen (AOL Time Warner, Vodafone Mannesmann, Daimler- Chrysler).

Ähnliches gilt für Staaten. Grosse, zentralistische Gebilde sind zerbrechlich. Auch wenn Zentralisierung im ersten Augenblick Vorteile verspricht – Vermeidung von Doppelspurigkeit, Konzentration von Expertenwissen an der Spitze, Machtballung gegen aussen – wiegen die Nachteile schwerer. Und das, glaube ich, ist der doppelte Vorteil der Schweiz. Sie ist klein und dazu noch dezentral organisiert – quasi unfähig zum Grössenwahn.

Ein Stadtpräsident wird sich gut überlegen, riskante Grossprojekte durchzupeitschen. Scheitert er, wird ihn Scham für den Rest des Lebens belasten. Kein schönes Gefühl, wenn man nach draussen geht. Der Regierungsbeamte in Brüssel, Washington oder Peking fühlt das Regulativ der Scham nicht. Darum: Wäre ich Gott, würde ich die Nationalstaaten abschaffen und die Erde mit einem Netz von Hansestädten überziehen. Die meisten Kantone kämen meinem Ideal einer Hansestadt sehr nahe.

Die Stabilität der Schweiz beruht auf der Tatsache, dass das Land keine nennenswerte Regierung hat. Auf die Frage eines Journalisten, wer dem Finanzdepartement vorstünde, hatte ich keine Antwort. Und ich war darüber nicht im Mindesten beunruhigt. Im Gegenteil. Das ist das Zeichen eines guten Systems: dass es nicht von Einzelpersonen abhängt. Es ist nicht so, dass die Schweiz keine Regierung hätte – sie hat keine grosse zentrale Regierung. Die Regierung besteht aus Bürgern, die sich um Kanalisationsfragen, Strassensanierungen und andere uninspirierende Fragen streiten. Diese «Diktatur von unten» schützt das Land gegen grandiose romantische Utopien. Die Schweiz produziert Stabilität, und Stabilität ist der Nährboden für langfristige Investitionen und damit Wachstum.

Nein, wir sind nicht intelligenter als die anderen. Wir arbeiten nicht lieber als unsere Nachbarn. Aber wir hatten Glück und sind in eine ultra-dezentrale Organisation hineingeboren – und damit in Stabilität. Am Glück können wir uns nicht festhalten. Das Schicksal hat seine eigene Logik. Aber an der «Diktatur von unten», daran können wir festhalten – nein, wir müssen!

* Rolf Dobelli (46) ist Schriftsteller. Der aus Luzern stammende Ökonom hat eben das Buch «Die Kunst des klugen Handelns» veröffentlicht. 1999 gründete er die Firma getAbstract, den weltweit führenden Anbieter von Buchzusammenfassungen.

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