Es ist ein bemerkenswerter Meinungswandel. Zwar macht die linke Opposition in Deutschland schon seit Monaten Stimmung gegen das Steuerabkommen mit der Schweiz, sekundiert von den führenden linksliberalen Zeitungen im Land. Was aber diese Woche der Kommentator der wirtschaftsnahen «Financial Times Deutschland» schrieb, hat die Befürworter des Deals überrascht, sogar erschreckt: Ein «sinnloses Abkommen» habe Finanzminister Wolfgang Schäuble ausgehandelt, einen Vertrag, der nicht verhindere, dass Schweizer Banken deutschen Steuerzahlern helfen würden, unversteuertes Geld in Singapur zu verstecken.

Doch das war noch nicht einmal der Tiefpunkt dieser Woche. Dafür hatte zuvor bereits SPD-Chef Sigmar Gabriel gesorgt, als er den Schweizer Banken in einem Interview «organisierte Kriminalität» vorwarf. Eine Aussage, die im Bernerhof, dem Amtssitz von Eveline Widmer-Schlumpf, ganz schlecht ankam. Die Bundespräsidentin will nun schon bald nachholen, was sie bisher kaum getan hat: Den Schweizer Standpunkt in deutschen Medien in aller Deutlichkeit darlegen.

Widmer-Schlumpfs Appell wird nichts daran ändern, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und der Schweiz so schlecht sind wie kaum zuvor in der Ära der Bundesrepublik. So schlecht, dass der Schweizer Korrespondent der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» diese Woche den Eindruck gewann, Deutschland befände sich «im Kriegszustand» mit dem Nachbarn.

Es ist noch gar nicht lange her, da klang es zwischen beiden Staaten noch ganz anders. Wenn Kanzler Helmut Kohl zu einem seiner Besuche in Bern eintraf, war das eine unbelastete Angelegenheit: In gutmütig-väterlicher Manier klopfte Kohl den Bundesräten auf die Schultern, fand lobende Worte und blieb auch gerne auf ein freundschaftliches Abendessen über den offiziellen Termin hinaus. Die Furcht vor der neuen Grossmacht Deutschland, die Europa in den Jahren nach der Wiedervereinigung erfasst hatte, schien unbegründet. Von einem Deutschland unter Kohl, in Diplomatenkreisen «Schweizfreund» genannt, musste die Schweiz keine Angst haben.

Der Beginn vom Ende der grossen Freundschaft kam 1998 mit dem Amtsantritt Gerhard Schröders. Ihm war die Schweiz erst mal egal. Es dauerte fünf Jahre, bis er sich 2003 zu seinem ersten Besuch durchrang. Schröders Bild der Schweiz war ein anderes als jenes des Pfälzers Kohl, für den die Schweiz eine heile Welt war – eine Mischung aus Max Frisch, Alpweide und dem Fussballwunder von Bern. Schröder, ein kühler Norddeutscher, war pragmatischer. Wirtschaftskrise, Aufbau Ost und die Erweiterung der EU liessen die Schweiz auf der deutschen Prioritätenliste weit absinken. «Die neuen Nachbarn und Verbündeten im Osten, besonders Polen, wurden strategisch viel wichtiger», sagt der Schweizer Thomas Maissen, Historiker an der Universität Heidelberg.

Die Schweiz blieb für Schröder der kleine Nachbar, der zwar wirtschaftlich, kulturell und touristisch ein durchaus respektabler Partner war, nicht aber für die grosse politische Bühne. Politische Scharmützel blieben auf dem Niveau zweier streitender Nachbarn, häufig waren es regionale Querelen: Schweizer Bauern, die deutsche Böden pachteten, Atommülllager nahe der Grenze oder der Bau einer Zollfreistrasse bei Basel.

Selbst der langjährige Zürcher Flughafenstreit über Nord- oder Südanflüge ist laut Historiker Maissen den meisten Deutschen – wie auch den Westschweizern – «herzlich egal». Die Deutschen praktizierten gegenüber der Schweiz, was Thomas Borer, ehemaliger Botschafter in Berlin, eine «wohlwollende Nichtbeachtung» nennt.

Es war das Bankgeheimnis , das aus der Gleichgültigkeit schleichend einen Konflikt entstehen liess. Als erster Chef-Ankläger der Schweizer Banken trat 2004 Schröders Finanzminister Hans Eichel auf. «Es kann nicht gut gehen, wenn die Schweiz einen Teil ihres Einkommens dadurch erzielen will, dass sie Fluchtburg ist für die Steuerhinterziehung aus anderen Ländern», sagte er. Der Streit um Steuergelder war lanciert.

Als die Welt in der Folge in eine Finanzkrise schlitterte, trieb die Rettung der Banken die Schulden vieler Staaten in neue Höhen. Damit stieg auch der Druck auf die Regierungen, Geldabflüsse zu stoppen. In Deutschland schlug die Stunde von Eichels Nachfolger im Finanzministerium, Peer Steinbrück. Der SPD-Mann war das, was Helmut Kohl nie sein wollte: ein Stallmeister, der dem kleinen Nachbarn von oben herab mit der Peitsche drohte.

Noch heute zehrt Steinbrück vom zweifelhaften Ruhm, dem ihn sein scharfer Kavallerie-Vergleich eingebracht hat. Steinbrücks Schweiz-Bild und jenes der SPD sind in Deutschland inzwischen weit verbreitet: Die Schweiz ist eine Steueroase, ein Schwarzgeldsumpf, eine Alpen-Mafia.

Doch die neue Tonlage liegt nicht nur an den Steinbrücks und Gabriels. Sie hat auch damit zu tun, dass es vielen Deutschen siebzig Jahre nach dem Krieg leichter fällt, ihre nationalen Anliegen aggressiv zu formulieren, wenn ihnen das nötig scheint. Das Land handelt wie die wirtschaftliche Grossmacht, die sie ist. Das bringt Auswüchse hervor. «Es gibt immer mehr deutsche Politiker, die sich mit Propaganda gegen andere Staaten profilieren wollen», sagt Wolfgang Seibel, Politikwissenschafter an der Universität Konstanz.

Auffällig sei, dass sich diese Angriffe meist gegen kleinere Staaten richteten. Im Gegensatz zu früher seien es zudem nicht mehr nur Randfiguren, die polterten: «Horst Seehofer macht als CSU-Vorsitzender Stimmung gegen Griechenland, SPD-Chef Sigmar Gabriel hetzt gegen die Schweiz», sagt Seibel. «Das hat eine neue Qualität erreicht und ist politisch verantwortungslos.»

Auch Ulf Poschardt, stellvertretender Chefredaktor der «Welt am Sonntag», ärgert sich über den «gereizten Ton» mancher Deutscher. Er erklärt ihn mit dem Neid auf die Schweiz: «Die Schweiz ist den Sozialdemokraten ein Gräuel.» Das Land locke insbesondere jene höchst qualifizierte Eliten aus Deutschland, welche die SPD gerne zur Steuerfron für ihre sozial- und wirtschaftspolitischen Pläne verpflichtet sähe. «Damit meine ich nicht die Steuerflucht, sondern die Schweiz als Fluchtort für jene Deutschen, die genug davon haben, als Reiche öffentlich drangsaliert und verhöhnt zu werden und gleichzeitig jeden Monat mit neuen Steuerplänen konfrontiert werden.»

Den schwindenden Respekt Deutschlands hat sich die Schweiz aber auch selbst zuzuschreiben. Die Polemiker nördlich des Rheins profitieren davon, dass es der Bundesrat verschlafen hat, dem Druck frühzeitig einen eigenen Standpunkt entgegenzustellen.

Schon seit Jahren nehmen die Angriffe auf den Schweizer Finanzplatz und das Geschäftsmodell einzelner Banken zu. Trotzdem pochten diese so lange auf einen Sonderstatus, bis es aufgrund des internationalen Drucks nicht mehr ging. «Die Schweiz sieht sich einer EU- und OECD-Front gegenüber, nicht einem bösen Deutschen», sagt Historiker Thomas Maissen. «Es wäre fatal, dies verkennen zu wollen.» Der frühere Botschafter Thomas Borer sagt: «Der Bundesrat und die Bankiers sassen in einer Schutzhütte und hofften, das Unwetter ziehe vorbei.»

Verstärkt wurde die Isolation dadurch, dass es die Schweizer Bundesräte zunehmend verpassten, persönliche Kontakte zu ihren Amtskollegen zu pflegen, die über das politische Pflichtprogramm hinausgingen. Dabei machen genau solche Kontakte in Krisensituationen den Unterschied. «Wenn man sich unter Staatschefs gut versteht, lassen sich Probleme früher erkennen und auch schneller lösen», sagt alt Bundesrat Adolf Ogi. Weil sich aber der politische Prozess besonders seit der Finanzkrise beschleunigt habe, bleibe kaum noch Zeit für einen persönlichen Austausch bei einem Abendessen. «Darunter leidet auch unser Verhältnis zu Deutschland», sagt Ogi.

Selbst wenn das Steuerabkommen zwischen beiden Ländern – entgegen den momentanen Erwartungen – ratifiziert wird, sind die Chancen klein, dass die Angriffe aufhören. In mehreren Landtagswahlen geht es für die SPD in nächster Zeit darum, ihr Profil für die nationalen Wahlen im Herbst 2013 zu schärfen. Bis im Januar wollen sich die Sozialdemokraten auf einen Kanzlerkandidaten einigen. Eine ordentliche Portion Banken- und Schweiz-Bashing macht sich da gut. Schliesslich heissen die Anwärter: Peer Steinbrück, Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier.

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