Eine Woche lang ging es vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland um die grösste HIV-Massenansteckung der Schweiz. Pseudoheiler M. G.* soll absichtlich 20 Personen mit HI-Viren-verseuchtem Blut hinterrücks in den Rücken gespritzt haben. 16 von ihnen haben ihn angezeigt. Drei Personen aus seinem familiären Umfeld haben auf eine Anklage verzichtet. Ein Betroffener weigerte sich aus Angst, bei der Justiz auszusagen.

Morgen Montag wird M. G. erstmals zu den Anschuldigungen befragt. «Mein Klient wird schwer belastet. Er bestreitet aber nach wie vor die Vorwürfe und wird dazu Stellung nehmen», sagt sein Anwalt Ernst Reber. Der Verteidiger weiss aber, dass er einen schweren Stand hat. «Häufig in Prozessen beschränkt sich die Privatklägerschaft auf wenig Personen. Hier aber sind es deren 16 – das ist eine eindrückliche Zahl», so Reber.

Am Nachmittag geht es dann nur noch am Rande um Aids. Vor den Schranken des Gerichts steht M.*, die Ex-Frau des Aidsspritzers und Musiklehrers. Sie wird noch ein anderes Bild von ihm aufzeigen. Dasjenige des brutalen Ehemannes, der mit Morddrohungen und Stalking-Methoden gegen sie vorging. Ihre Angst war so gross, dass sie eine neue Stelle annahm und ins Welschland zog.

Der Horror begann für M., eine in Fachkreisen bekannte Medizinerin, im Februar 2005. Ein Musikschüler ihres Mannes zeigte den Pseudoheiler an. Er äusserte den Verdacht, dass dieser ihn bei einer Heilbehandlung mit HIV-verseuchtem Blut infizierte. Diese Anzeige deckte in der Folge die Aids-Massenansteckung auf. Da die Frau des Aidsstechers zu dieser Zeit in leitender Funktion im Inselspital arbeitete, geriet sie unter Verdacht, das verseuchte Blut könnte von dort stammen. Eine interne Untersuchung kam aber rasch zum Schluss, dass die Ärztin nichts damit zu tun hatte.

Die Ärztin hielt lange zu ihrem Mann. Aber im Februar 2010 reichte sie gegen ihn Strafanzeige ein. Er hat sie mündlich und telefonisch mit dem Tod bedroht. Der selbst ernannte Heiler wurde daraufhin für einen Monat in Haft gesetzt. Die Anschuldigung wegen mehrfacher schwerer Körperverletzung und Verbreitung menschlicher Krankheiten in 16 Fällen wurde zusätzlich auf Drohung, versuchter Nötigung und der wiederholten Tätlichkeiten ausgedehnt.

Die Justiz nahm die Drohungen so ernst, dass sie den Aidsspritzer nur mit strengen Auflagen wieder auf freien Fuss setzte. Er durfte mit seiner Ex-Frau und vier Personen aus ihrem engen Umfeld weder direkt noch indirekt Kontakt aufnehmen. Zudem musste er sich täglich bei der Polizei melden und durfte den Kanton Bern nicht verlassen. Dazu wurde ihm auferlegt, die verordnete Therapie und die Einnahme von Medikamenten lückenlos zu erfüllen. Gegen diese Auflagen wehrte sich M. G. mit insgesamt fünf Einsprachen. Das Bundesgericht gab ihm in grossen Teilen recht.

Am Schluss blieben nur das Kontaktverbot sowie das Verbot, ihren neuen Wohnkanton zu betreten als Auflage übrig. Gemäss dem «Sonntag» vorliegenden Informationen löste dieser höchstrichterliche Beschluss bei M. Entsetzen aus. Ihr Ex-Mann, die Ehe wurde im Sommer 2012 geschieden, hat sie nicht nur manipuliert und mit dem Leben bedroht. Er hat sie auch indirekt beschuldigt, dass er das Nadelstechen von ihr gelernt habe.

Aus dem Umfeld der Ärztin verlautet, dass ihr damaliger Mann ab 2005 – dem Beginn der Strafuntersuchung – ein zunehmend aggressives Verhalten an den Tag legte. Das Paar hatte eine spezielle Beziehung. So wohnten sie etwa nicht zusammen. M. hatte im gleichen Haus ihre eigene Wohnung. Daher wird die Ärztin morgen vor Gericht auch nicht viele Details über das Verhältnis ihres Ex-Mannes mit seinen Musikschülern erzählen können. M. G. erzählte ihr jedoch, dass er über den siebten Sinn verfüge und deshalb in der Lage sei, Menschen zu helfen.

Trotzdem erhofft sich das Gericht, von ihr Auskunft über das nach wie vor rätselhafte kriminelle Verhalten des Pseudoheilers zu erhalten. Seine Motivation der mutmasslichen Aids-Massenansteckung liegt nach wie vor im Dunkeln. Fakt ist: Der selbst ernannte Heiler und seine Ex-Frau haben ein gemeinsames Kind. Sie kennt sein familiäres Umfeld und weiss auch detailliert über seine Jugendjahre in Italien Bescheid.

Vor allem aber kann die Ärztin dem Gericht über seine gewalttätige Seite Auskunft geben. Aus dem Umfeld der Ärztin ist zu vernehmen, dass sie auch detailliert über «seine grosse Gabe zur Manipulation, zur Beeinflussung, sein dominantes Charisma und seine extremen Überzeugungskraft» aussagen wird. Eigenschaften, die die Akademikerin jahrelang blind vor der Wahrheit über die dunklen Seiten ihres Mannes machten. Es sind dies auch die Eigenschaften, mit denen er seine mutmasslichen Opfer hörig machte.

Der Medizinerin steht morgen ein schwerer Gang vor Gericht bevor. In Anwesenheit ihres Ex-Mannes muss sie persönliche Verletzungen und intime Details offen legen. «Er hat mein Leben zerstört», hat sie zu in ihrem persönlichen Umfeld gesagt.

Weder M. noch ihre Anwältin wollen aus Rücksicht auf die morgen stattfindende Verhandlung Stellung nehmen. Für den Pseudoheiler gilt die Unschuldsvermutung.
* Namen der Redaktion bekannt

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